Krimi: Stimme im Kopf

27. Jänner 2008, 17:58
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Charles Todds "Zeit der Raben"

Heute nennt man es Belastungstrauma, damals, nach dem Ersten Weltkrieg, hieß es Schützengrabenneurose. Wie auch immer, Inspektor Rutledge ist seit seinem Einsatz in Frankreich fürs Leben gezeichnet. Er fürchtet sich vor Bindungen, hat Gedächtnislücken, Panikattacken und ist wuterfüllt, wenn er an die arbeitslosen Kriegsinvaliden denkt, die betteln gehen müssen, während die Verantwortlichen für die sinnlos in den Tod geschickten jungen Männer anscheinend ohne Gewissensbisse weiterleben. Er hingegen leidet an Schuldgefühlen, weil er die Schlachten überlebt hat. Rutledge hat seitdem einen unsichtbaren Begleiter, den Geist eines Kameraden, der im Krieg gefallen ist und der Kommentare und Warnungen abzugeben pflegt. Charles Todds beschädigter Held geht seiner Profession in einer Zeit der gesellschaftlichen Umwälzungen nach.

Nicht nur der Krieg hat viele hinweggerafft, die große Grippeepidemie von 1918 reduzierte die Bevölkerung weiter und schuf ein Klima der allgemeinen Verunsicherung. Die Todesstrafe ist noch nicht abgeschafft, umso größere Verantwortung trifft den Ermittler, der ohne Psychologen, DNA-Analysen und ohne Handy im ländlichen England einen Mordfall aufklären soll. Ein Polizist wird von einem Pfeil getroffen, als er in ei-nem unheimlichen Wäldchen, das kein Einheimischer betritt, nach der Leiche eines Mädchens sucht. Rutledges Erscheinen im Dorf löst wenig Begeisterung aus, jemand scheint hinter dem Inspektor her zu sein. Der verletzte Kollege hütet ein Geheimnis, aber manche Keller bergen noch grässlichere Überraschungen. Ein vorzüglicher historischer Krimi in Molltönen, welcher in Form eines unscheinbaren Taschenbuchs daherkommt, aber nicht übersehen werden soll. (Ingeborg Sperl, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.01.2008)

Charles Todd, "Zeit der Raben". Deutsch: Ursula Gnade. € 9,20/432 Seiten. Heyne, München 2007.
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    foto: heyne
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