Die einen und die anderen - Peter Henisch

4. Februar 2008, 11:14
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Das sind Geschichten, die diese Leute immer wieder erzählen, Geschichten, die wir glauben können oder auch nicht. Wir neigen dazu, solche Geschichten lieber nicht zu glauben

Schreib ich an einem Roman, in dem geht es eigentlich um etwas ganz anderes. Doch da gerät mir dieser Flüchtling dazwischen. Ein Flüchtling von irgendwo. Über irgendeine Grenze gekommen. Erst über die sogenannte Schengenaußengrenze und dann über unsere Grenze.

Übrigens muss es nicht unsere Grenze sein. Auch die Grenze eines unserer Nachbarländer käme infrage. Deutschland etwa, inzwischen auch Tschechien, die Slowakei oder Ungarn. Irgendein Land in diesem harten Herzen Europas.

Ist also über die Grenze gekommen, der Typ. Natürlich illegal, denn legal, das ist gar nicht möglich. (Ist doch ein anständiges Land wie dieses umgeben von lauter sicheren Drittländern.) Es sei denn, er käme geflogen, aber das muss er sich erst einmal leisten können.

Realistischer, davon auszugehen, dass er das nicht kann. In dem Land, aus dem er kommt, ist es ihm nicht so gut gegangen. Vielleicht sogar richtig schlecht, die Hiesigen wollen sich das nicht so konkret ausmalen. Aber das soll es geben: Menschen, die arm genug sind, sich keinen Flug leisten zu können, ja, echt – wäre es ihm besser gegangen, so wäre er wohl dortgeblieben.

Kommt also über die Grenze, der Typ, und dann landet er vorläufig einmal in einem Lager. Nehme ich Österreich, nicht, weil es das einzige Land ist, in dem es ihm so ergehen würde, aber das mir im simpelsten Sinne des Wortes naheliegendste – wenn ich eine Schreibpause mache und aus dem Haus gehe, sehe und höre ich nichts als Österreich, in den sonntäglichen Aufstellern finde ich nichts als österreichische Zeitungen–, nehme ich also Österreich, nur als Beispiel, so wäre das Traiskirchen. Seit die Grenze ganz offen ist – Österreich ist schön, komm, bleib, aber das gilt nicht für alle, sondern nur für manche, durchaus auch mögliche Landsleute meines Klienten, vielleicht kommt er aus einer ehemaligen Sowjetrepublik, und von dort kommen ja bekanntlich auch die sogenannten Oligarchen, siegreiche Hasardeure aus einer untergegangenen Welt, in der Generationen um ihr Leben betrogen wurden, und jetzt, nach der sogenannten Wende, widerfährt ihnen das erst recht, denen, die davon profitiert haben, werden rote Teppiche gelegt – seit die Grenze so offen ist, höre ich, kommen die Leute sogar freiwillig dorthin. Traiskirchen also, in einer ehemals lieblichen Gegend im Süden von Wien, heute eine der hässlichsten Gegenden, die man sich denken kann, von billigstem Profitdenken und verantwortungslosester Planlosigkeit exemplarisch umgeackert, eingeebnet, zubetoniert, mit Kotzbrocken von Bauklötzen verstellt, auch wir haben unsere Oligarchen, wenn auch vergleichsweise kleine, aber das nur nebenbei. Traiskirchen wird überflutet, Österreich wird überflutet, lese ich, sogar Deutschland wird überflutet, vielleicht kommt die Sintflut.

Mit dieser Flut also käme mein Flüchtling an. Heute oder morgen. Vielleicht wäre er auch schon etwas früher angekommen. Nach Traiskirchen oder in ein vergleichbares Lager. Und dort bliebe er dann eine Weile, wenn es nicht gelänge, ihn gleich postwendend zurückzuschicken, was nicht wenige Leute in diesem gastfreundlichen Land am liebsten hätten.

Weiß der nicht, was sich gehört

Dort bleibt er dann eine Weile, es ist angemessen, das in der Wirklichkeitsform zu schreiben. Das ist die Realität einer Erfahrung, wenn auch nicht meiner. Nachdem er durch Überschreitung einer oder mehrerer Grenzen schon gewisse Erfahrungen hat, die unsereins hoffentlich erspart bleiben, etwa im Laderaum eines Lastwagens zu reisen, mit ziemlich vielen anderen und mit ziemlich wenig Luft, womöglich mehrere Tage und Nächte lang. Doch warum tut er denn das, weiß er nicht, dass sich das nicht gehört, hätte er unseren Innenminister gefragt, der hätte sich redlich bemüht, ihm das gleich verständlich zu machen, und der Kanzler wäre ihm beigesprungen, für den Fall nämlich, dass ihm schon anderswo Fingerabdrücke abgenommen worden wären, nicht dem Innenminister, sondern dem Flüchtling, in Polen etwa, wo dieser unzufriedene Mensch nicht bleiben wollte, der Innenminister ringt halt manchmal nach Worten, aber der Kanzler bringt es eloquent auf den Punkt: So etwas ist nicht zulässig.

Illegal also. Früher waren ja die telefonzellensprengenden Nazis die Illegalen. Aber das ist lang her, und die allgemeine Erinnerung wird immer kürzer. So weit zurückreichende Erinnerung kann man dem herrschenden Fastfoodbewusstsein nicht zumuten. Ich wette, es gibt viele, die können sich nicht einmal mehr an Kreisky erinnern. Aber von denen soll hier nicht die Rede sein. Vielmehr von den Flüchtlingen im Lager Traiskirchen. Für die Menschen, die sich legal fühlen, also die Anständigen und Fleißigen, sind das natürlich lauter Illegale. Es hat also seine Richtigkeit, wenn sie behandelt werden wie Straftäter.

Das ist die Realität, in die sie geraten. Kaum tauchen sie hier auf, in einem Land, in dem es den Leuten viel besser geht als in den Ländern ihrer Herkunft, einem Land, in dem kein Krieg herrscht, keine Verfolgung, keine Not, jedenfalls keine vergleichbare, wird ihre Berechtigung dafür angezweifelt. Und wenn es nur irgendwie geht, wird sie ihnen abgesprochen. Klar. Was glauben Sie, wer sonst alles daherkäme!

Menschen aus dem Osten Europas, Menschen aus Asien, Menschen aus Afrika. Lauter Gegenden, von denen die Hiesigen lieber nicht viel wissen wollen. Länder, die manche von uns auf der Karte nicht finden würden, auch wenn sie sich sommers und winters Fernreisen leisten, in potemkinsche Hoteldörfer, in denen es aussieht, wie es sich gehört, also ungefähr so wie in der Shopping City Süd, nur mit Strand dahinter, echt Meer. Aber die Hinterländer und die Leute, die dort hausen, mit denen will man lieber nicht in Berührung kommen.

Auch eine Grenzerfahrung. Aber zurück zu denen des lästigen Flüchtlings. Des Typs, der mir zwischen die Zeilen geraten ist, wie heißt er eigentlich, ich weiß es nicht, aber so einer, sagt man mir, gibt ohnehin meist einen falschen Namen an. Der sitzt also im Lager, vielleicht liegt er auch auf einer Pritsche, vielleicht geht er herum, ich habe keinen Begriff von seiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Und ist umgeben von Menschen, die alle nicht da sein sollten, sondern woanders, das heißt möglichst weit weg, aus den Augen, aus dem Sinn.

Befragungen, die sich anhören wie Verhöre. Was hast du eigentlich hier zu suchen? Dass jemand will, dass es ihm besser geht als dort, wo er hergekommen ist, das ist noch kein Grund. Dass jemand behauptet, dort wo er hergekommen ist, gerade noch davongekommen zu sein, auch nicht.

Was soll denn das heißen: Gerade noch mit heiler Haut davongekommen? Oder gerade noch mit dem Leben davongekommen? So schlimm wird’s schon nicht gewesen sein, generell ist alles halb so schlimm. Wissen Sie, diese Menschen mit ihrer etwas anderen Mentalität neigen zu Übertreibungen.

Dem hat man das Haus weggebombt, der hat man den Vater und die Brüder umgebracht, den hat man eingesperrt und gefoltert. Die hat man halbtot geprügelt und im Ringelreihen vergewaltigt. Ach ja, das sind Geschichten, die diese Leute immer wieder erzählen, Geschichten, die wir glauben können oder auch nicht. Wir neigen dazu, solche Geschichten lieber nicht zu glauben, und im übrigen ist das alles noch kein Beweis für politische Verfolgung.

Das wäre es nämlich, worauf es ankommt. Wenn du Asyl haben willst – Einwanderung, das wäre sowieso etwas anderes. Willst du ordnungsgemäß einwandern, so musst du zurückfahren, wo du herkommst, dort auf die Botschaft gehen, einen Antrag stellen und dann warten. Das kann lang dauern, stimmt, außerdem gibt es eine Quote, da hast du wenig Chancen, aber so ist das, that’s life, außerdem ist Österreich kein Einwanderungsland.

Politische Verfolgung also, damit müssten wir uns beschäftigen. Ob es die dort, wo du herkommst oder herzukommen behauptest, überhaupt gibt. Wie bitte, was bitte, Sie zweifeln die Informationen an, die wir haben, die Daten, die uns vorliegen? Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass in Ländern, in denen unsere Firmen investieren und schöne Profite einfahren, so etwas wie politische Verfolgung der Fall ist!

Kann sein, es gibt private Konflikte, Stammesfehden, eigenartige religiöse Gewohnheiten. Da mag es schon zu Übergriffen kommen, aber dafür sind wir nicht zuständig. Im Wesentlichen sind wir dafür zuständig, die Leute, die fälschlicherweise annehmen, dass sie hier Aufnahme finden, Schutz, Hilfe, weiß Gott, weiß der Teufel, was sich die einbilden, eines Besseren zu belehren. Und sie dann möglichst rasch wieder loszuwerden, was weiter mit ihnen geschieht, geht uns nichts an, sollen sie ruhig hinter unseren Horizont kippen.

Wie in den Müllschlucker.

Nein, aber hören Sie, das haben wir nicht gesagt! Legen Sie uns nicht Ihre extremen Metaphern in den Mund. Das klingt ja, wie klingt denn das, direkt rassistisch klingt das. Wir sind doch keine Rassisten, es sei denn, Armut ist das Kennzeichen einer Rasse. Der Rasse der Erfolglosen, der Rasse der Loser, der Rasse der Versager. Na ja, schon wahr, irgendwie sehen sich die alle ähnlich. Komisch, nicht? Das ist nicht einmal eine Frage der Hautfarbe. Wir sind die einen und die, die sind halt die anderen.

Das ist dann die ultimative Grenzerfahrung. Dass du zu jenen anderen gehörst, ganz einfach. Manche Leute können sich anscheinend nicht vorstellen, dass ihnen Ähnliches widerfahren könnte. Eigenartigerweise kommen sie nie auf die Idee, dass sie es einem durch kein Verdienst gerechtfertigten Glück verdanken, als Maden im Speck einer Welt zu leben, in der die Güter himmelschreiend ungerecht verteilt sind.

An der Spitze Politiker, die das gesunde Volksempfinden, eine Glut unter der Asche, die sich leicht wieder anfachen lässt, wenn man entsprechend hineinbläst, offenbar für mehrheitsfähiger halten als Nächstenliebe, Solidarität, Vernunft und Humanität. Werte, denen sie als Christen, als Sozialdemokraten, als Liberale, die diesen Namen verdienen, verpflichtet wären. Aber das haben die meisten wohl längst verdrängt. Grenzenlos dumm, grenzenlos feig, grenzenlos fantasielos. (Peter Henisch, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.01.2008)

Zur Person:
Peter Henisch, geboren 1943 in Wien, studierte in den 1960er-Jahren Philosophie, Psychologie, Geschichte und Germanistik. Er lebt und arbeitet seit 1975 als freischwebender Schriftsteller in Wien. 30 Jahre nach seinem erfolgreichen Roman "Die kleine Figur meines Vaters" erschien 2007 zuletzt von ihm das Buch "Eine sehr kleine Frau" im Deuticke Verlag.
  • Peter Henisch: "Dem hat man das Haus weg-gebombt, der hat man den Vater und die Brüder umgebracht, den hat man eingesperrt und gefoltert. Die hat man halbtot geprügelt und im Ringelreihen vergewaltigt.Und im Übrigen ist das alles noch kein Beweis für politische Verfolgung."
    foto: heribert corn

    Peter Henisch: "Dem hat man das Haus weg-gebombt, der hat man den Vater und die Brüder umgebracht, den hat man eingesperrt und gefoltert. Die hat man halbtot geprügelt und im Ringelreihen vergewaltigt.Und im Übrigen ist das alles noch kein Beweis für politische Verfolgung."

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