Ab jetzt nur noch die Longlist!

20. Jänner 2008, 10:00
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Nach dem "Jahrhundertherbst": Die Autoren Sabine Gruber, Thomas Glavinic und Martin Prinz im Interview über die österreichische Literatur

Standard: Hat es den vielkolportierten "Jahrhundertherbst der österreichischen Literatur" wirklich gegeben? Warten goldene Zeiten?

Sabine Gruber: Ich habe den Eindruck, der "Jahrhundertherbst der österreichischen Literatur" wurde ausgerufen, weil einige Autoren sehr gute Autorendarsteller sind und eine starke Medienpräsenz generieren. Aus diesem Grund sind manche Bücher mehr in den Blickpunkt gerückt worden.

Martin Prinz: Ich kann mit dem Begriff nicht wirklich viel anfangen, und er wird wohl von der Masse der angekündigten Bücher herrühren. Das Interessante ist, dass solche Schlagworte von Journalisten, in diesem Fall von der NZZ, geprägt werden und dann den Autoren auf den Kopf fallen. Ich erinnere mich an eine Kolumne, in der es geheißen hat, die österreichischen Autoren würden selbst einen Jahrhundertherbst ausrufen.

Standard: Über die Qualität in der Quantität haben wir noch nicht gesprochen, einem Schweizer sei es aber gestattet anzumerken, dass die Masse der österreichischen Neuerscheinungen doch beeindruckend ist.

Thomas Glavinic: In den letzten Jahren hat sich eine neue Generation in den Vordergrund geschrieben. Mit dem Erfolg von Arno Geiger und Daniel Kehlmann hat sich im Bewusstsein der Medien etwas festgesetzt, was auch vorher schon da war. Es gibt jetzt aber auch neue Namen, Personen, an die man gleich denkt, wenn man vom "österreichischen Erzählen" spricht. Wobei ich sowieso nicht vom österreichischen Erzählen reden wollen würde, weil ich glaube, dass sich nur die wenigsten der damit bezeichneten Autoren als österreichische Erzähler sehen. Ich empfinde mich als deutschsprachiger Autor.

Prinz: Das ist ja gerade die Frage. Mit der Südtirolerin Sabine Gruber am Tisch, aber auch ohne Sabine Gruber am Tisch, stellt sie sich. Was soll das sein, österreichische Literatur? Der Begriff mag für die Nachfolgegenerationen von 1918, für welche der Kakanienmythos und ein Österreich, das es vorher mal gab, prägend waren – was vermutlich bis hinauf zu Ingeborg Bachmann und Robert Musil der Fall ist –, eine Rolle spielen. Danach aber tue ich mich sehr schwer mit dem Begriff "österreichische Literatur", weil sie deutschsprachig ist und ich keinen Sinn darin sehe, nationale Gebiete und Nester zu definieren.

Gruber: Aber es gibt zumindest gewisse Literaturtraditionen, es gibt eine spezifische Sprache und Färbungen der Sprache. Ich sehe das nicht national, ich bin ja nicht einmal Österreicherin, trotzdem würde ich mich eher in der österreichischen als in der norddeutschen oder Schweizer Literaturtradition sehen.

Glavinic: Natürlich ist die österreichische Literaturtradition auch für mich ein Thema, und es ist ganz klar, dass ich mich nicht einfach aus ihr herausstehlen kann. Trotzdem wurde ich als Schriftsteller von anderen Literaturen beeinflusst, ich habe mich immer wesentlich mehr für US-amerikanische, russische, französische und südamerikanische Literatur interessiert als für die deutschsprachige.

Prinz: Es stellt sich vor allem die Frage, in welcher Gegenwart man schreibt.

Glavinic: Wir schreiben nicht nur in einer österreichischen Gegenwart, sondern ja auch in der Gegenwart des Internets, der Globalisierung und einer kleiner gewordenen Welt. Wenn sich jemand auf den Standpunkt stellt, er schreibe nichts als österreichische Literatur, dann, glaube ich, schreibt er nicht das, was Literatur sein sollte, nämlich etwas, das aus dieser Gesellschaft heraus geschrieben wird und ihr entspricht.

Standard: Trotzdem bleibt das Thema der Spezifika der österreichischen Literatur ein Dauerbrenner. Bei Kritikern, in der Germanistik.

Gruber: Ich glaube nicht, dass nur die genannten Gruppen in diesen Kategorien denken. Mein erstes Buch wurde von einem deutschen Lektor mit der Begründung abgelehnt, es sei ihm zu österreichisch-italienisch. Also gibt es doch Sprachfärbungen, die seitens des deutschen Betriebes als österreichisch angesehen werden. Ich selber sehe mich auch als deutschsprachige Autorin, dennoch habe ich meine Sprache in einem Umfeld erworben, das sich von anderen Gegenden, zum Beispiel an der Ostsee, unterscheidet. Das muss man ja nicht unbedingt leugnen, es geht nicht um nationale Kategorien, sondern um literatursoziologische Phänomene.

Solche Hintergründe werden als Rezeptionskriterien ja mitbedacht; der Lektor hatte Angst, dass er das Buch nicht im gesamten deutschen Sprachraum verkaufen kann. Und Thomas, ich möchte noch einmal auf deinen Satz "... sich in den Vordergrund schreiben ..." zurückkommen. Wer bestimmt denn diesen Vordergrund, es hat vor uns eine Generation gegeben, die sich eben nicht in dem Ausmaß in den Vordergrund geschrieben hat. Offensichtlich gibt es neue Rahmenbedingungen, die gewisse Entwicklungen forcieren. Es geht um Personalisierung, um Werbewirksamkeit. Diejenigen, welche in den Genuss kommen, mit großen Fotos und kurzen, aber vereinfachenden Rezensionen in allen Medien zu sein, sind dann die, die "sich in den Vordergrund geschrieben haben". Die anderen werden immer mehr in den Hintergrund gedrängt, da sehe ich schon ein Problem.

Glavinic: Aber das war immer schon so, hat es in jeder Generation gegeben. Wer stand denn hinter Doderer und Bernhard? Da gab es natürlich auch in den Hintergrund gedrängte Autoren.

Prinz: Vordergrund oder Hintergrund. Hoffen kann man nur, dass die Bücher im Vordergrund auch hintergründige Bücher sind, um bei dem Wortspiel zu bleiben. Es gibt im Zeitalter der Medien Autoren, die sich und ihre Biografien gut darzustellen vermögen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts kam es wahrscheinlich darauf an, im Salon gut zu funktionieren und, wie heute, die richtigen Kontakte zu haben. Das zielt aber nur auf kurzfristige Momente des Erfolgs.

Entscheidend ist, ob jeder Autor genug mediale Präsenz hat und damit einhergehend genug Bücher verkauft, um, wenn er das wirklich will, vom Schreiben auch leben zu können. Daher ist es natürlich existenziell für viele Autoren, dass sie – aus welchen Gründen auch immer – so weit im Hintergrund stehen.

Gruber: Das hängt ja auch mit dem eigenen Selbstverständnis zusammen. Will ich mich permanent als Person in den Medien in den Vordergrund spielen, oder geht es mir primär um den Text. Das ist eine sehr schwierige Situation, eine Gratwanderung. Wie weit gehe ich, wie viel erzähle ich von mir als Person. Für mich gibt es Grenzen, die Talkshow zum Beispiel ist eine solche Grenze.

Glavinic: Ich will, dass meine Bücher gelesen werden, daher gebe ich Medien, die ich akzeptiere, Interviews. Unter den Autoren, die im vergangenen Herbst oft besprochen wurden, spielt sich keiner als Person in den Vordergrund, sondern tut das Branchenübliche für sein Buch.

Gruber: Vielleicht sollte an dieser Stelle auch einmal von Literaturkritik geredet werden, und ich glaube schon, dass die Zuspitzung auf einige wenige, das Top-Ten-Prinzip etc., auch damit zu tun hat, dass viele Kritiker und Journalisten zu wenig arbeiten. Statt sich auf die Machart eines Textes einzulassen, auf Form, Dramaturgie etc., werden emphatische Inhaltsangaben verfasst. Das hat vielleicht auch mit den schlechten Rahmenbedingungen zu tun. 70Euro für eine Buchbesprechung – das ergibt einen fatalen Stundenlohn. Die Möglichkeit besteht dann gar nicht mehr, das Buch ein zweites Mal zu lesen, was für eine fundierte Kritik manchmal notwendig wäre. Ich habe gehört, dass es nach der Bekanntgabe der Longlist zum Deutschen Buchpreis in manchen Feuilleton-Redaktionen geheißen hat: Ab jetzt nur noch die Longlist-Bücher rezensieren! Das kann es ja nun wirklich nicht sein. Auch der Konkurrenzkampf in den einzelnen Redaktionen und zwischen den Zeitungen, wer beispielsweise zuerst welches Buch bespricht, ist einfach absurd.

Standard: Die meisten Verlage wollen mittlerweile Verkaufszahlen sehen. Der Druck auf die Autorinnen und Autoren wächst. Auch ökonomisch.

Glavinic: Es hat sich etwas geändert. Österreichische Bestsellerautoren haben vor 30, 40 Jahren weit weniger verkauft als jene heute. Ich weiß allerdings nicht, wo das aufgeholt wird, wahrscheinlich wird es irgendwo weggenommen. Ich glaube nämlich nicht, dass mehr gelesen wird. Irgendwo bei Innerhofer steht, was er von Schöne Tage verkauft hat. 10.000 Stück. Das war ein Bestseller.

Gruber: Für die große Masse der Autoren ist die ökonomische Situation eine Katastrophe. Nur wenige können vom Verkauf ihrer Bücher leben, dazu kommt, dass geistige Arbeit in diesem Land schlecht oder gar nicht entlohnt wird. Es werden auch die Lesungen in der Regel unterbezahlt, ausgenommen die Auftritte jener, die sich medial durchgesetzt haben. Für die meisten ist die Situation prekär und ohne staatliche Förderungen nicht bewältigbar.

Glavinic: Dazu muss ich sagen, obwohl ich nicht als der Bösewicht in der Runde dastehen will, dass nicht buchstäblich jeder Mensch, der sich einbildet, ein Schriftsteller zu sein, vom Staat deswegen dauerfinanziert werden kann. Sonst gäbe es bald ziemlich viele Menschen in Österreich, die sich als Schriftsteller sehen und meinen, mit ihrem Hobby Geld verdienen zu müssen.

Prinz: Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht darum, dass auch die 30 oder 40 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die derzeit im Kanon als die österreichische Gegenwartsliteratur gelten und in den Medien die Überschrift "Jahrhundertherbst" hergeben, zu einem nicht kleinen Prozentsatz vom Verkauf ihrer Bücher nicht leben können.

Gruber: Ich würde mir jetzt nicht anmaßen zu sagen, wer Hobbyschriftsteller ist und wer nicht. Ich möchte auf keinen Fall, dass die Qualitätsmaßstäbe an Verkaufszahlen gebunden werden. Soviel man weiß, hat Musil von seinem Mann ohne Eigenschaften sehr wenig Bücher verkauft, während wir viele Autoren, die damals hohe Auflagen hatten, nicht einmal mehr kennen. Es gibt durch den Staat ja auch keine Dauerfinanzierung. Es handelt sich doch immer um eine Mischfinanzierung aus Stipendien, irgendwelchen Nebenjobs, Lesungen, Vorträgen, Literaturwerkstätten, Lektoratsarbeiten etc. Man macht alles Mögliche, um irgendwie durchzukommen.

Standard: Wie stehen Sie als Autoren grundsätzlich zur staatlichen Literaturförderung in Österreich?

Gruber: Es ist gut, dass es auch für Menschen, die nicht aus einem bürgerlichen oder finanziell abgesicherten Kontext, sondern aus ärmeren Verhältnissen kommen, heute die Möglichkeit gibt zu schreiben. Es war ein langer Weg hin zu einem neuen literarischen Selbstverständnis. Die Literaturstipendien sind eine sozialdemokratische Errungenschaft. Das kann man auch mal öffentlich sagen. Und sie müssen unbedingt ausgebaut werden.

Glavinic: Man sollte tatsächlich nicht zu betonen vergessen, dass die österreichische Autorenförderung in Europa ziemlich einzigartig ist und nicht schlechtgeredet werden sollte.

Prinz: Man darf und soll nicht unmäßig sein und zu viel kritisieren, aber es gibt genug Gründe, sich zu überlegen, was man noch besser machen könnte, um den "Literaturstandort Österreich" zu stärken. Man sollte hier offensiv auftreten. Die Frage, die man stellen muss, lautet, ob das der einzige und damit beste Ansatz der staatlichen Literaturförderung ist. Auf der einen Seite muss man sich fragen, was Staat und Kunst miteinander zu tun haben.

Es geht ja nicht darum, dass eine Regierung Kunst fördert, sondern es ist der Staat, die gemeinsame Sache, die Res publica. In der gemeinsamen Sache hat die Kunst ihren Stellenwert und ihre Budgetabteilung. Dann geht es aber darum, wie man dieses Geld verwendet. Unterstützt man einzelne Autoren, in Österreich etwa ein Gruppe von schätzungsweise 40 pro Jahr, die monatliche Stipendien kriegen? Wie geht man Verlagsförderungen an, und hilft beides überhaupt genug, wenn Zeitungsbesitzer in Österreich kein anständiges Feuilleton unterhalten können, weil die deutschen Verlage den Wiener Markt, den drittgrößten Büchermarkt im deutschsprachigen Raum, einfach mitrennen lassen, weil er eh von selbst läuft, aber hier nicht werben. Du wirst hier nie die Einschaltungen haben wie in der Zeit oder der FAZ etc. ...

Standard: Es wird schwieriger, als Autor zu überleben?

Glavinic: Ich glaube, dass es seit jeher in hohem Ausmaß vom Glück abhängt. Mir ist bloß dieser Chor des Jammerns so unsympathisch. "Es ist so schlimm, es muss sich was ändern, die Politik ist gefragt." Es muss jedem Menschen, der sich entscheidet, Schriftsteller zu werden, klar sein, dass es sich um eine massiv riskante Lebensentscheidung handelt, und man, wenn es schiefgeht, nicht zwingend davon ausgehen kann, dass einen die Gesellschaft auffangen muss.

Prinz: Es geht ja nicht um das Jammern. Deswegen habe ich vorhin den Begriff Republik verwendet. Es ist die schönste Bezeichnung dafür, dass Kunst, genauso wie Sport oder Tourismus, einen Teil dessen ausmacht, was "öffentliche Sache" und damit Budget ist. Dass es besser aufgeteilt gehört, womöglich nicht mit der großen Gießkanne über alle publizierenden Büros in Österreich ausgeschüttet werden soll, kann diskutiert werden. Und man sollte untersuchen, ob die weitgestreute Verteilung gut ist oder viel Geld einfach verschwindet.

Es gibt, wie man von Kollegen hört, in Österreich Verlage mit guten Namen, die Autoren um ihre Honorare betrügen. Es gibt Verlage in Österreich mit guten Namen, die von den Autoren Geld verlangen, damit sie ihre Bücher drucken. So ein Verlag hat in meinen Augen nicht das geringste Recht auf Verlagsförderung. Dort verschwindet sie in einem dunklen Loch, das keiner braucht.

Standard: Kritiker schreiben von einer Konformisierung und Verflachung der Literatur.

Glavinic: Ich halte diese These mit Verlaub gesagt für Blödsinn. Vielleicht gibt es einige, die sich vornehmen, einen Familienroman zu schreiben, um damit den Deutschen Buchpreis zu gewinnen. Ich glaube allerdings nicht, dass viele Autoren so denken, und die, die es tun, werden keinen Erfolg haben.

Gruber: Ich kann nicht auf den Markt schielen und dann schreiben. Ich schreibe, und dann passiert etwas ohne mein Zutun, oder es passiert eben nicht.

Glavinic: Man schreibt ein Buch, wie man es für richtig hält. Mir ist es egal, ob sich irgendjemand viel oder wenig Verkauf davon erwartet. Aber in dem Moment, in dem ich das Buch fertig habe, darf ich den Verlag zumindest nicht in seiner Verkaufsarbeit behindern. Der Verlag muss ja aus jedermann verständlichen ökonomischen Gründen Bücher verkaufen. Natürlich ist der wichtigste Teil das Schreiben, aber man kann nicht sagen, das andere gehöre nicht dazu.

Prinz: Wenn ich Ihre Frage richtig verstanden habe, meinen Sie, das "Sichverkaufen" beginne schon bei der Stoff- und Genreauswahl. Wenn es Autoren gibt, die im Vorhinein schon strategisch denken, dann ist es schade für sie, weil sie dann nie die Bücher schreiben werden, die sie schreiben könnten und auch schreiben müssten. Schaut man sich den sogenannten "Jahrhundertherbst" an, kann man den Autoren, die strategisch dahinkurven, viel Glück wünschen, irgendeine Richtlinie zu finden, wie man erfolgreiche Bücher schreibt. Denn wenn irgendetwas diesen Bücherherbst auszeichnet, so ist es der Umstand, dass es vollkommen verschiedene Bücher sind, die erfolgreich und/oder wichtig gewesen sind. So etwas wie das flutschige österreichische Erzählen gibt es nicht.

Standard: So habe ich das nicht gemeint, es geht darum, dass der Druck für all jene Autoren, die nicht zu den "Top Ten" gehören, zunimmt und sie sich überlegen könnten, ästhetische Kompromisse einzugehen.

Glavinic: Es ist mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass zu viele Verlage nach einem Debüt den Autor, die Autorin zu wenig unterstützen, dem zweiten Buch keine Chance geben, dem Autor keine Chance geben zu wachsen. Es herrscht Erstlingssucht. Und natürlich ist das zweite Buch das schwierigste. Nach einem alten Satz hat man für den ersten Roman das ganze Leben lang Zeit und für den zweiten nur zwei Jahre.

Gruber: Ich finde nicht, dass man für das zweite Buch nur zwei Jahre Zeit hat. Man hat auch für das zweite sechs oder acht Jahre Zeit, und ich nehme in Anspruch, dass ich an einem Buch so lange schreibe, wie ich glaube, dass ich schreiben muss. Ich lasse mich nicht vom Markt oder von einem Verlag unter Druck setzen. Ich versuche, mir ästhetische Ansprüche zu erhalten, die anderen Maßstäben gehorchen.

Glavinic: Du versteifst dich jetzt auf die zwei Jahre, aber wenn man einen Roman veröffentlicht hat, erwarten alle etwas von einem. Und man selbst erwartet von sich am meisten. Bei mir war es so, und bei nicht wenigen Kollegen, die ich kenne.

Gruber: Aber das heißt ja, dass du auf den Markt schielst. In dem Moment, in dem ich mich von den Erwartungen der Leserinnen und Leser, des Marktes, unter Druck setzen lasse, kann ich nicht frei schreiben.

Glavinic: Ich spreche nicht vom Markt, sondern von dem Druck, den man sich unklugerweise selbst macht.

Gruber: Welchen Erwartungen willst du genügen, wenn du sagst, man erwartet von dir ein nächstes Buch?

Glavinic: Jetzt wäre das anders, doch als ich 26 war und nach meinem Erstling einen Vertrag für den nächsten Roman in der Tasche hatte, wusste ich, ich muss jetzt ein zweites Buch schreiben, weil ich Geld dafür bekommen habe, und deshalb habe ich in aller Hast und Eile ein nicht ganz so gelungenes Buch geschrieben. Selbst wenn es bei mir nicht so gewesen wäre, glaubt man, dass in dem Moment alle ein nächstes Buch von einem erwarten, weil man ja jetzt ein richtiger Schriftsteller ist. Plötzlich ist Druck da.

Prinz: Oder nur die ökonomische Notwendigkeit, dass man von etwas leben muss, während und wenn man schreibt. Als ich vor fünf Jahren den zweiten Roman veröffentlich habe, hoffte ich, von Preisen, Stipendien, etc. der ersten Bücher zwei Jahre durchkommen zu können. Nach zwei Jahren saß ich mit 400 Seiten da, und es war ungenügend, hat nicht gestimmt. Ich habe das Buch weggelegt, vollkommen neu begonnen und, im Nachhinein kann man das leicht sagen, in eine völlig ungewisse ökonomische Zukunft gelebt.

Ich habe in dem Moment nicht mehr gewusst, wie lange ich noch Geld haben werde. Die Tatsache, dass das Buch irgendwann mal fertig werden muss, war vollkommen klar. Was ich damit sagen will, in dieser Situation oder Position zu sagen, ich habe alle Zeit der Welt für ein nächstes Buch, in der habe ich mich nie befunden, obwohl ich versucht habe, jeden Tag so zu schreiben, als wäre ich in dieser Position, und zum Glück ist es sich durch die Verfilmung meines ersten Buches und das damit verbundene Geld auch ausgegangen, aber ohne die ersten Drehbuchhonorare hätte ich jetzt wahrscheinlich 15.000 oder 20.000 Euro Schulden.

Glavinic: Ah, hast du etwa nicht (lacht).

Prinz: Nein, nur 10.000.

(Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.01.2008)

Zu den Personen:

Sabine Gruber, geboren 1963 in Meran, hat Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien studiert. Zuletzt erschien von ihr im Frühjahr 2007 der vielbeachtete Roman "Über Nacht" (C.H.Beck Verlag). Sie lebt in Wien.

Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, lebt in Wien und schreibt seit 1991 Romane, Erzählungen und Reportagen. Sein neuestes, im vergangenen Herbst erschienenes Buch "Das bin doch ich" (Hanser Verlag) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Martin Prinz, 1973 in Lilienfeld geboren, sorgte mit seinem vor sechs Jahren erschienenen Erstling "Der Räuber", der gerade von Benjamin Heisenberg verfilmt wird, für Aufsehen. Im Herbst 2007 erschien sein dritter Roman "Ein Paar" im Jung und Jung Verlag. Martin Prinz lebt in Wien.

Stefan Gmünder, Jahrgang 1965, wurde in Bern geboren und lebt seit 1993 in Wien. Er betreut die Bücherseiten im Album.
  • "Nur wenige können vom Verkauf ihrer Bücher leben": Martin Prinz, Sabine Gruber und Thomas Glavinic (von links) in der Buchhandlung Herder.
    foto: andy urban

    "Nur wenige können vom Verkauf ihrer Bücher leben": Martin Prinz, Sabine Gruber und Thomas Glavinic (von links) in der Buchhandlung Herder.

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