Ohne Stimme leben müssen

22. Jänner 2008, 14:29
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Rachen-, Zungen- oder Kehlkopfkrebs gelten als besonders heimtückisch, Sigmund Freud nahm sich deshalb das Leben - Organerhaltende Kombinationstherapien sollen jetzt helfen

Vor wenigen Jahren noch, galt die Diagnose Rachen-, Zungen- oder Kehlkopfkrebs aus therapeutischer Sicht als besonders grausam. Abgesehen von der chirurgischen Intervention stand den Medizinern praktisch keine Behandlungsmethode zur Verfügung.

Kleine Tumore - große Gewächse

Bei kleinen Tumoren wurden seit der Einführung des chirurgischen Lasers deutlich bessere Operationsergebnisse erbracht. Ist der Tumor groß und dementsprechend ausgedehnt, dann bedeutet die Operation für die Patienten weit mehr als nur das Entfernen eines bösartigen Gewächses.

Verlust von Stimme und Schluckfähigkeit

"Chirurgisch ist zwar alles möglich, aber die Funktion lässt sich nicht mehr erhalten", erklärt Martin Burian, stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für Allgemeine Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Wiener AKH und versteht darunter im Wesentlichen den möglichen Verlust von Stimme und Schluckfähigkeit.

Leben ohne orale Ernährung und Kommunikation

Ein Leben ohne Kommunikation und ohne orale Ernährung ist für jeden Menschen unvorstellbar. Viele betroffene Patienten entscheiden sich daher eher für ein verkürztes Leben, als für ein Leben mit dieser Verstümmelung.

Ziel: Maximaler Funktionserhalt

"Das Ziel ist eine alternative Therapie, die dem Patienten einen maximalen Funktionserhalt bringt", betont Burian und glaubt mit der Kombination von aggressiver Chemotherapie, Strahlentherapie und der Gabe monoklonaler Antikörper dem Ziel entscheidend näher zu rücken.

Interdisziplinäre Studie

In einer umfangreichen Studie, interdisziplinär von vier österreichischen Spitälern (Wien, Graz, Feldkirch und Leoben) durchgeführt, wird diese Kombinationstherapie nun hinsichtlich Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit überprüft.

Rang Sechs in der Krebsstatistik

Damit tritt eine Gruppe von Karzinomen, die wenig populär ist, aus dem Schattendasein: Die HNO-Tumore. Rachen-, Zungen-, Mandel- und Kehlkopfkrebs zählen dazu. Alleine in Österreich erkranken jährlich 1.200 Menschen daran.

Weltweit haben diese Tumore mittlerweile Rang Sechs in der Krebsstatistik erklommen. Während hierzulande noch Rauchen in Kombination mit dem Alkohol als wichtigste Risikofaktoren gelten, assoziiert man in Amerika bereits die HPV-Viren mit den HNO-Tumoren.

Mehr Bewusstsein schaffen

"In der Bevölkerung muss mehr Bewusstsein gegenüber HNO-Tumoren geschaffen werden", wünscht sich deshalb Burian und hofft mit der multizentrischen Studie und dem neuen Therapiekonzepten mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Aufmerksamkeit, die wichtig ist, da es kaum eine Früherkennung gibt.

Früherkennung gibt es nicht

"Viele Patienten kommen erst spät zum Arzt und Früherkennungsmethoden gibt es nicht", bedauert der Leiter der neuen Studie Felix Keil, der die Abteilung für Hämato-Onkologie am Landeskrankenhaus in Leoben leitet, die momentane Situation. Manchmal ist es die Angst, die den Weg zum Arzt erschwert. Oft liegt es aber an der Geringfügigkeit oder sogar am Fehlen von Symptomen.

Kaum Symptome

Sitzt der Tumor direkt auf den Stimmlippen, darf man sich noch glücklich schätzen, denn die klassische Heiserkeit macht sich früh bemerkbar. Liegt der Tumor jedoch im unteren Teil des Rachens (Hypopharynx), so merkt der Betroffene über lange Zeit vielleicht gar nichts.

Große Chance auf Heilung

Bei aller Tragik besitzt die Diagnose Rachen- oder Kehlkopftumor jedoch auch einen durchaus positiven Aspekt. Die Chancen auf völlige Heilung stehen nicht schlecht. "Selbst bei den Tumoren, die bereits als inoperabel gelten, liegen die Heilungschance mit dem kombinierten Therapieschema bei 40-60 Prozent", berichtet Gabriele Kornek.

Die Internistin an der Klinischen Abteilung für Onkologie am Wiener AKH ergänzt, dass ausschließlich Plattenepithelkarzinome in der Studie untersucht werden. Und die machen im HNO-Bereich immerhin 97 Prozent aus. (phr, 21.1.2008)

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    foto: photodisc
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