Ohne Stimmbänder reden

18. Jänner 2008, 13:58
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Das Sprechprogramm eines Oldenburger Wissenschafters hilft Menschen nach Stimmverlust – "Großer psychologischer Wert für Betroffene"

Oldenburg – Ein neues Computerprogramm könnte künftig Menschen, die aufgrund einer Erkrankung ihre Stimme verlieren, helfen ihre eigene Stimme zu bewahren. Der Oldenburger Wissenschafter Eduardo Mendel hat seine Erfindung "Meine eigene Stimme" getauft. Über Jahre hat er dafür rund 1.500 deutsche Worte, Lautmaterial für fast das gesamte deutsche Vokabular, gesammelt.

Schwindende Stimme

Menschen mit Kehlkopfkrebs oder mit der Muskelschwächekrankheit ALS, deren Intellekt wie bei dem Physiker Stephen Hawking mit fortschreitender Erkrankung in einem fast regungslosen Körper eingeschlossen wird, verlieren zum Beispiel häufig ihre Stimme. Laut Mendel passiert das ALS-Kranken in 50 Prozent, an Kehlkopfkrebs Erkrankten in 20 Prozent der Fälle.

Zuerst Aufnahme…

Die Stimmerhaltung funktioniert so: Mendel oder seine Mitarbeiter kommen ins Haus des Patienten um die Stimme aufzunehmen. Der Patient liest dann laut Mendels Wörterliste vor. Die Wörter sind mit Trennstrichen in ihre 3.000 Silben zerlegt und mit Betonungszeichen versehen, ähnlich wie in einem Lexikon. Rund drei Stunden dauert die Sitzung, denn die Kranken können oft schon nicht mehr ganz flüssig sprechen, sagt Mendel. Wichtig: Je früher sie zu ihm kämen, umso besser ist die Qualität der Aufzeichnung.

… dann Zerlegung

Danach zerlegen die Wissenschafter die Aufnahme in Laute und Silben, verbessern, wenn nötig die Tonqualität und kombinieren das Lautmaterial mit dem Computerprogramm. Tippt der Kranke einen Satz auf der Tastatur ein, spricht das Programm ihn mit der Originalstimme. Ein Manko: Die Satzmelodie kann nicht ganz abgebildet werden.

Psychologischer Wert

Laut Psychotherapeutin Janine Susak von der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke in Freiburg, die dort Betroffene über Hilfsmittel berät, gebe es zwar schon viele Lösungen, die Text als Sprache ausgeben - aber mit synthetischen Stimmen. "Wir finden dieses Programm gut, weil es bisher als einziges die Möglichkeit bietet, die eigene Stimme zu erhalten. Das ist von großem psychologischem Wert."

Inzwischen benutzen rund 50 Patienten das Programm, weitere 50 haben schon Aufnahmen machen lassen. Neben der deutschen hat Mendel eine spanische Ausgabe fertig. Sobald er Zeit findet, will er sich an die englische Version setzen. (APA/AP/red)

  • Artikelbild
    foto: standard/matthias cremer
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