Palästinenser drohen mit Ende der Gespräche

21. Jänner 2008, 06:22
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Israel soll Angriffe im Gazastreifen einstellen

Mit dem Gazastreifen haben die eben erst begonnenen israelisch-palästinensischen Verhandlungen kaum etwas zu tun, doch wegen der Dauerkrise um den winzigen Landstrich drohen sie schon wieder zu zerbrechen. PLO-Chefunterhändler Saeb Erekat meinte in einem Zeitungsinterview, es sei unmöglich, Gespräche zu führen, "wenn die Aggression weitergeht". Umgekehrt fordern Bewohner des unter ständigem Raketenbeschuss liegenden israelischen Städtchens Sderot Premier Ehud Olmert immer dringlicher auf, die Verhandlungen einzustellen und die Armee in den Gazastreifen zu schicken.

Das Kernproblem liegt darin, dass es kein Mittel gibt, die primitiven selbstgebauten Kassam-Raketen abzufangen, die bloß 20 Sekunden in der Luft sind. In Sderot wurde ein System eingerichtet, das mit dem Code-Ruf "Farbe rot" Alarm gibt - nach einem Abschuss bleiben den Menschen wenige Augenblicke, um einen Schutzraum zu erreichen. Jeden Morgen stehen die Eltern vor der Frage, ob sie es wagen können, ihre Kinder in die Schulen zu schicken. Ein Plan, 800 Wohnhäuser in Sderot zu befestigen, liegt auf Eis, weil die Reichweite der Raketen ständig wächst und immer mehr Orte betroffen sein könnten.

Ein regelrechter Raketenhagel hat zuletzt in Sderot Panik ausgelöst - seit Dienstagnachmittag wurden binnen 48 Stunden rund 100 Einschläge registriert. Die Erklärung für die Eskalation liegt darin, dass die Hamas wieder selbst Raketen abfeuert, während sie lange Zeit bloß den kleineren Islamischen Djihad gewähren ließ. Das hat seinen Grund wiederum darin, dass bei einer israelischen Militäroperation am Dienstag 19 Palästinenser getötet wurden, zum Großteil Hamas-Angehörige.

Die regelmäßigen, kurzen Armeevorstöße sind wiederum für die Israelis das einzige Mittel, den Raketenbeschuss einzudämmen. So starben auch am Donnerstag bei einem israelischen Angriff im Gazastreifen ein mutmaßlicher Militanter und seine Ehefrau. Auf einen großen Einmarsch mitsamt blutiger Kämpfe, der auch keine dauerhafte Lösung brächte, will Israels Führung sich noch nicht einlassen. Aber Olmert sprach gestern wieder von einem "Krieg", der "ohne Kompromisse" weitergehen werde. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2008)

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