Absurde Früchte eines Tugendbundes: "Theater ohne Tiere"

17. Jänner 2008, 17:34
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Sechs Miniaturen von Jean-Michel Ribes im Theater in der Drachengasse

Wien – Jean-Claude hat das Theaterstück nicht gefallen. Da steht er nun zu einem Energieriegel verkrampft vor der Garderobe seiner Schwägerin. Mit hochgestülpter Unterlippe und aufgerissenen Augen führt er den Blumenstrauß gegen seine Frau Louise, die ihm Höflichkeit abzuringen versucht.

Ihre kraftvollsten Momente hat die aktuelle Produktion des Wiener Theaters in der Drachengasse dank des großartigen Clemens Matzka, der Hasstiraden haucht, pfeift und faucht, während Tamara Metelka gleich einem Habichtsvogel getreu dessen Sittenlehre auf ihren Partner einsticht. Er kann sich ja doch 75 Prozent von "Bravo" sparen: "Oh!"

Als Konglomerat aus sechs Miniaturen des prominenten französischen Off-Theatermachers Jean-Michel Ribes ist "Theater ohne Tiere" das Terrain für Identitätskrisen, die im vertraulichen Kreis verhandelt werden und mit durchschlagenden Absurditäten ausgekleidet sind. Bei all der Biedermeierei, die hier zunächst freudestrahlend einbetoniert wird, um in direkter Folge aber die Grundverhältnisse zu sprengen, müsste man dafür das Genre der "verquerten Farce" erfinden.

Anfangs ist Jacques (Nicolaus Hagg), der Familienausschuss mittleren Alters, gerade intelligenter geworden als sein süffisanter Musterbruder (Matzka). Er wird sich in stiller Großmut üben. Später einmal wundert sich ein herzlich gelangweilter Vater (Anselm Lipgens) über den Namen seiner Tochter Monique (Claudia Marold). Davor haben sich zwei Golf-Mannen (Lipgens, Hagg) – beide sind sehr lässig und im Karolook (Ausstattung: Andrea Bernd) – gleichgeschaltet über weltverändernde Kausalitäten ausgetauscht. Wird der eine "Bob" genannt, drängt's ihn – erblich bedingt – den US-Präsidenten zu vergewaltigen. Bei diesem Geständnis rollen sie sich herzerwärmend am Grün.

Das Ensemble unter der Regie von Christine Wipplinger fand in der letzten Drachengassen-Saison bereits zum Publikumserfolg von Ingrid Lausunds Bandscheibenvorfall zusammen. Diesmal legt es einen fulminanten Start hin. Im Fortgang profitiert der Abend von seiner Konzentration auf kraftvolle Paar- und Dreierkonstellationen.

Nur im letzten Teil ist leider alles anders: Eine aufgekratzte, dann fünfköpfige Perückenparade verschreit die Intelligenz per se als unsittlich und wurschtelt sich zum Rückzug ins Fischtum. Da droht die Energie zur Schaumschlägerei zu verkommen. (Georg Petermichl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2008)

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    foto: andreas friess
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