Steriles Leid der Hochbegabung: "Salon5"

17. Jänner 2008, 17:22
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Anna Maria Krassniggs Off-Theater-Kompagnie "iffland & söhne" eröffnete einen Wiener Theatersalon mit Goebel

Wien – Auch um mit einem zeitgenössischen Weckruf die ehemals traditionsreiche jüdische Wiener Salonkultur zu neuem Leben zu erwecken, hat Anna Maria Krassniggs Off-Theater-Kompagnie "iffland & söhne" diese Woche den "Salon5" in Rudolfsheim-Fünfhaus eröffnet. Zumindest bis zum Auslaufen der bisherigen Fördergelder im September 2008 tragen die zwei Loft-Etagen ein Konzept zwischen Lounge und Theater, Galerie und Diskussionsräumlichkeit: Heutzutage legt man den Dialogteppich mit Kunst, Kultur und Fingerfood aus.

Krassnigg verspricht junges, kraftvolles Theater, unter anderem das ihrer Studenten vom Wiener Max-Reinhardt-Seminar. Mit dem Eröffnungsstück Vincent – Torture the Artist hat sie einen Erfolgsroman von Joey Goebel für die Bühne adaptiert und inszeniert – in Form einer unterschwellig nachvollzogenen Raumbegehung.

Der 27-jährige US-Satiriker Goebel beteiligt sich mit "Vincent" (auf Deutsch 2005 erschienen) am Wettlauf um die tollsten Bilder, die unsere heilige Popkultur im Niedergang fixieren können. Und steht hoch im Kurs: Ein greiser Medien-Tycoon hat die Beziehung zwischen wahrer Kunst und Weltschmerz analysiert und zum Leitsatz seiner hochgeschraubten Kunstzuchtmaschinerie verdichtet: Leiden inspiriert. Folglich lässt er's Hochbegabten ein Erwachsenwerden lang dreckig gehen.

Ein Ausnahmetalent

"Was uns nicht umbringt, bewirkt nur, dass wir sterben wollen!" Im Theaterraum von "Salon5" sitzt das ausgewiesene Ausnahmetalent Vincent (Daniel Kamen) an seinen Wohngestaden: Ein Kühlschrank für Alkoholisches und eine Kinderschaukel wurden mit angespült. Er dichtet sprichwörtliche Verzweiflung. Über ihm thront ein Firmament voller Fernsehschirme (Ausstattung: Jakob Neulinger, Eva Chytilek) – die Medienpräsenz. Zusätzlich ist seine einzige Vertrauensperson, der abgehalfterte "Manager" und professionelle Katastrophenengel Harlan (Jens Ole Schmieder), immer dann zur Stelle, wenn es eigentlich heißt, Glück zu vertreiben. Der Hund: vergiftet. Die Mutter (Isabella Wolf): futsch, und Freundinnen (ebenso) verschwinden ständig. Wie soll da einer voller Zufriedenheit auskömmlich leben können?

Zu Beginn ist das alles schwer genießbar: Die Dreierbesetzung schlüpft in ein geschätztes Dutzend Figuren und trägt für jede von ihnen das bleischwere Paradekostüm eisgekühlter Filmgestalten. Der Wunderknabe zerfetzt Barbie-Puppen – während Harlan markige Sprüche in ihrem pathetischen Tremolo moduliert.

Mutti im Fenster

Allerdings weiß Krassnigg genau die Räumlichkeiten einzusetzen. Der Auftritt der geisterhaften, lasziven Trailer-Trash-Mutti ist über die Weiten der Terrasse durch das Loftfenster zu sehen. Und nach der Pause ist eine ausgedünnte Figurenkonstellation dem Publikum in die Lounge auf Etage null gefolgt und hat merklich an charakterlichem Feuer gewonnen. Salon5 hat also für ein so interessantes wie in Summe lauwarmes Entrée gesorgt. Wir warten gespannt auf den Hauptgang. (Georg Petermichl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2008)

  • Salon 5
    foto: jakob neulinger

    Salon 5

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