"Kein Nachdenken, kein Kontrollieren"

18. Jänner 2008, 13:49
226 Postings

Gutachter Kleiner warf Flöttl vor, wie ein "Roulettespieler" agiert zu haben, und dem Ex-Vorstand wie "im Kasino"

Wien – Der 57. Tag begann so, wie es angesichts des Prozessfahrplans zu erwarten war: Am Donnerstag früh füllte sich der Große Schwurgerichtssaal, seit Juli Bühne für den Bawag-Strafprozess, rasant mit Publikum. Grund für das rege Interesse: Der Grazer Wirtschaftstreuhänder, Fritz Kleiner, präsentierte sein Gutachten, das (natürlich je nach Beweiswürdigung des Richtersenats) von einiger Relevanz für das Urteil sein wird.

Auf (in Langfassung) mehr als 400 Seiten (ohne Beilagen, die allein vier Ordner füllen) geht der Gutachter den Fragen des Gerichts nach. Im Wesentlichen geht es darin um die in die Flöttl-Geschäfte involvierten Sondergesellschaften, um das Handelsverhalten Wolfgang Flöttls, die Plausibilität der Verlustaudits von Arthur Andersen und die Frage, ob die Bank sich an "bestehende Vorschriften" gehalten hat.

"Bank hat im Kasino nichts verloren"

Kaum hatte Kleiner angehoben, seine Power-Point-Präsentation (in die er Sequenzen einbauen hat lassen, die einen Zahlungsstrom zeigten, der aus einem Bawag-Wasserhahn in Flöttls Investmentgesellschaft Ross Capital fließt) zu erläutern, versteinerten sich die Gesichter der Angeklagten. Was das Publikum amüsierte (die über die diversen Gesellschaften abfließenden Millionen), fanden die Angeklagten und Anwälte in West- wie Ostflügel unübersehbar wenig amüsant. Am Rande der Verhandlung sprachen sie von "Humbug" und "Show". Angesichts der Schlussfolgerungen, zu denen Kleiner kam, aber auch kein Wunder: Sein Gutachten belastet die Angeklagten durch die Bank massiv. Investor Flöttl verglich Kleiner ob seiner "sturen" Fixierung auf den fallenden Yen mit einem "Roulettespieler, der immer auf die 17 setzt. Diese Meinung hat er auf Kosten der Bawag durchgesetzt." Der Bankvorstand habe nach den massiven Verlusten nicht reagiert, "es gab kein Innehalten, keine Nachdenkpause, kein Kontrollieren", man habe "Kasino-artig" agiert, aber: "Eine Bank hat im Kasino nichts verloren." Schritt für Schritt, Kredit für Kredit erläuterte Kleiner anhand seiner Wassertropfentabelle die Bawag- und Flöttl-Geschäfte, die im Jahr 1998 zum Totalverlust von 639 Mio. Dollar geführt haben. Ihre Reparaturversuche (in Form neuer Kredite an diverse Gesellschaften, die das Geld an Flöttls Ross Capital weiterleiteten, wo es verspielt wurde Anm.) im völligen Totalverlust Ende 2000. Damals waren, zur Erinnerung, 1,4 Milliarden Euro verschwunden.

Verträge ohne Leben

Laut Kleiner wurde dieser Verlust ausschließlich durch Kreditvergaben ohne Sicherheiten verursacht. Es habe zwar "aufwändig gestaltete Verträge" gegeben, freilich "ohne gelebten Inhalt". Die Verantwortung der angeklagten Ex-Banker, Flöttl habe sich nicht an seine vertraglich fixierten Pflichten gehalten, wischte Kleiner vom Tisch: Die Bank habe Flöttl "keinerlei Limite oder Vorgaben" für seine Investments gemacht; er habe das Geld auch "nicht missbräuchlich verwendet". Genau an diesen Punkt setzte es eine herbe Enttäuschung für all jene, die gehofft hatten zu erfahren, wie das Geld genau verspielt wurde – und vor allem auch, wo es landete. Denn zum Handelsverhalten Flöttls liegt laut dem Grazer Gutachter "keine Buchhaltung" vor. Man habe aber Transaktionen stichprobenartig nachrechnen können. Die Bandagen, die Kleiner den angeklagten Ex-Vorstandsmitgliedern anlegt, sind hart. Die Frage, ob die ehemaligen Banker das alles so haben tun dürfen, beantworte Kleiner eindeutig, "ohne damit eine abschließende rechtliche Beurteilung abzugeben" (weil die rechtliche Beurteilung natürlich den Richtern obliegt). Trotzdem glaubt der Gutachter, dass Helmut Elsner und Co das Bankwesen- und Aktiengesetz "gröblichst verletzt haben" – und zwar ab 1995. Schon damals hätten sie mit den Krediten die Großveranlagungsgrenzen überschritten, die Interne Revision zu unrecht nicht eingebunden. Zudem hätten sie gegen die Berichtspflicht verstoßen.

Funktionierende Geheimhaltung

Kleiner vertritt nämlich die Ansicht, der Vorstand hätte den Aufsichtsratspräsidenten bereits 1998 (und nicht erst 2000) vom Verlust informieren müssen. Immerhin seien damals 41 Prozent des Eigenkapitals dahin gewesen. Diese Info sei aus "Geheimhaltungsgründen" nicht erfolgt. Die Geheimhaltung habe übrigens bestens funktioniert, "von 1998 bis Ende 2005", konstatierte Kleiner trocken. (Renate Graber, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 18.1.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bei der Untersuchung des Handelsverhalten Flöttls habe er "keinen Anhaltspunkt" gefunden, dass Flöttl das eingesetzte Kapital missbräuchlich verwendet habe sagt Sachverständiger Fritz Kleiner (re).

  • Artikelbild
    grafik: bawag
Share if you care.