Lang unentdecktes Doppelleben

16. Jänner 2008, 21:30
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Dass der Ehemann, ein US-Kinderpsychiater, pädophil sei, glaubten renommierte Psychiater einer Österreicherin jahrelang nicht

Erst vier Jahre nach seinem Suizid erfuhr sie das Ausmaß seines Doppellebens - Von Michael Möseneder

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Wien - Eine E-Mail brachte Elisabeth Schwarz nach sieben Jahren die Genugtuung. Sie war nicht verrückt. Ihr toter Ex-Mann James Crick war wohl tatsächlich der unheilbar Pädophile gewesen, vor dem sie die gemeinsamen Kinder Sue und Tommy aus den USA nach Österreich in Sicherheit gebracht hatte. Der als Psychiater seine Berufskollegen in Österreich und den USA erfolgreich blenden konnte. Denn die E-Mail stammte vom US-Anwalt eines Elfjährigen, den Crick in der Therapie missbraucht hatte.

Einfach supertoller Mann

Im Jahr 1995 hat es begonnen. Damals heirateten die aus Niederösterreich stammende Schwarz und Crick (deren Namen Pseudonyme sind) in den USA. Sie war 29 und schon schwanger, er ein Jahr jünger und gerade dabei, seine Ausbildung zum Arzt abzuschließen. Ein "hochgebildeter, sensibler, lieber, einfach supertoller" Mann sei er gewesen, schildert Schwarz rückblickend ihre Überzeugung. 1997 wurde der Sohn geboren. Ein Jahr darauf fingen die Probleme an.

"Erotic boys"

"Erotic boys" sei in der Handschrift ihres Mannes auf einem der Papierschnipsel gestanden, die sie 1998 im Abfalleimer gefunden hat. Sie setzte die Schnipsel wieder zusammen: Es waren pornographische Bilder aus dem Internet.

Sexuelle Beziehung zu einem 14-Jährigen

Die Suchttherapeutin fiel aus allen Wolken und konfrontierte ihren Mann, der reumütig den Pornokonsum eingestand und ihr erstmals auch von seiner Vergangenheit erzählte: Er habe während seines Studiums im kanadischen Montreal eine sexuelle Beziehung zu einem 14-jährigen Spitalspatienten gehabt. Strafbar war die Beziehung nach kanadischem Recht nicht, da Crick noch Medizinstudent und kein Arzt war.

Hintergedanken

"Ich war schockiert, aber James versprach mir, dass das vorbei sei." Die Familie übersiedelte 1998 nach Wien, auf Drängen seiner Frau besuchte Crick einen im Umgang mit Pädophilen anerkannten Psychiater. Zu Hause erzählte er von der "unterdrückten Homosexualität", mit der er zu kämpfen habe. In seinem Tagebuch, dass aus der Erbmasse stammt, hat er andere Gedanken niedergeschrieben. Er will eine Fortbildung zum Kinderpsychiater an der Harvard-Universität machen, mit der Chance auf "Nähe zu Buben", findet sich dort. Oder "Ich führe ein Doppelleben ... welches ist realer?"

Übersiedlung in die USA

Nach einem Jahr siedelt die vierköpfige Familie zurück in die USA. Crick verspricht seiner Frau, auch dort eine Therapie zu besuchen. Dann kommt der 13. Oktober 2000. Elisabeth Schwarz hat Nachtdienst, als ihr Mann anruft und sie bittet, Medikamente aus dem Krankenhaus mitzunehmen, da er den dreieinhalbjährigen Sohn Tommy nicht beruhigen könne.

Papa hat ihn berührt

Am nächsten Morgen schildert ihr Tommy, warum. Dass Papa ihn am Penis berührt, ihm weh getan und selbst "ins Bett Lulu" gemacht habe (siehe Faksimile). Als die entsetzte Mutter ihren Mann damit konfrontiert, bestreitet er alles. Vielleicht habe er ihn zu heiß gebadet und sei dabei an seinem Geschlechtsteil angekommen, anders kann er sich die Behauptung nicht erklären. Doch der Sohn bleibt auch vor dem Au-pair-Mädchen, das in der fraglichen Nacht frei hatte, bei seiner Schilderung.

Angst vor Anzeige

Warum Schwarz nicht sofort Anzeige erstattete und auszog? "Ich war in Panik, da bei einer Anzeige in den USA beide Kinder für die Dauer des Verfahrens unter Aufsicht des Jugendamtes gestellt werden", sagt sie heute. Statt dessen suchte sie Hilfe bei ihrem Psychotherapeuten. Der aber Crick und dessen Therapeuten aus der Harvard-Community kannte. "Plötzlich hieß es, ich würde Ängste über mein Kind ausleben und James liebe mich wirklich und hänge an der Familie", skizziert sie die folgenden Wochen. Erst eine Freundin, eine Schweizer Anwältin, die schon mit Kindesmissbrauch zu tun hatte, rät ihr zur raschen Trennung.

Kein klares Ergebnis

Sie fliegt mit den beiden Kindern nach Wien, zieht bei ihrer Schwester ein, zeigt ihren Mann an und kämpft um die Obsorge. "Meine größte Angst war, dass mir das kein Mensch glaubt." In seinem Gutachten für das Verfahren kommt der Kinderpsychiater Max Friedrich zu keinem klaren Ergebnis. Ein sexueller Übergriff könne nicht mit eindeutiger Sicherheit festgestellt werden, hieß es. Dem Vater sei "seinem Beruf entsprechend ein umfangreiches Besuchsrecht in Österreich einzuräumen" empfiehlt er dem Gericht. Die Strafanzeige wurde nicht weiter verfolgt.

"Ich habe dann auf Alimente und alle Ansprüche verzichtet, damit die Scheidung schnell über die Bühne geht", fasst Schwarz zusammen. An der Armutsgrenze lebend, erfuhr sie im Jahr 2002, dass ihr Ex-Mann zu seinem Bruder nach Kanada umgezogen sei. Wo er sich Anfang 2003 mit einem Plastiksack selbst erstickte.

Missbrauch

Erst im vergangenen Oktober, als die E-Mail des US-Anwalts kam, konnte sich die 41-Jährige den Umzug und den Suizid erklären. Die US-Polizei hatte Ermittlungen gegen Crick begonnen, weil er einen elfjährigen Patienten drei Monate lang missbraucht hat. Rachegefühle, weil niemand ihr geglaubt hat, hegt Schwarz nicht. Aber die Genugtuung, nicht verrückt zu sein. (Michael Möseneder/DER STANDARD Printausgabe 17.1.2008)

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    In seinem Gutachten beschreibt Kinderpsychiater Max Friedrich, wie ein Vierjähriger seinen Vater belastet. Direkte Folgen hatte die Aussage nicht, der Pädophile missbrauchte weiter

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