Das Gute liegt immer neben der Spur

24. Jänner 2008, 17:39
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Eine erste Musikrundschau: Die großen Namen zieren sich 2008 noch - hier kommt die dritte Reihe!

THE MAGNETIC FIELDS
Distortion
(Nonesuch Records/Warner)
Im Vorfeld des Erscheinens dieses neuen Albums des New Yorker Songwriters Stephen Merritt (69 Love Songs!!!) wurde viel gemunkelt bezüglich einer Rückkehr des Noise-Rock, so wie ihn Altvordere des Genres wie The Jesus And Mary Chain (Psychocandy!!!) einst vor 25 Jahren in einer Verschränkung von Beach Boys, Phil Spector und weißem Rauschen unternahmen. Und tatsächlich dröhnen und pfeifen herrlich verzerrte Feedbacksongs wie Too Drunk To Dream oder California Girls ganz in der Tradition der Alten. Das alles geschieht unter den strengen Gesichtspunkten eines verwaschenen und nicht allzu klangtechnisch bemühten Low-Fi-Pop. Mit dem kann man zwar klangtechnisch anspruchsvolle Besitzer teurer Stereoanlagen nachhaltig verschrecken, das sichere Gespür Merritts für Gassenhauermelodien allerdings entschädigt hier für so manche gitarristische Entgleisung in Richtung Ineffizienz und pubertären Schabernacks.

DIRTY PROJECTORS
Rise Above
(Dead Oceans/ Trost)
2007 sträflich versäumt, jetzt nachgereicht: David Longstreth und seine US-Band spielen unter dem Titel Rise Above einen Klassiker des US-Hardcore der frühen 80er-Jahre zur Gänze nach, Damaged, das legendäre Album von Henry Rollins und Black Flag. Allerdings nicht Wort für Wort und Note für Note, sondern rein aus der Erinnerung heraus. Das ergibt nicht einmal annähernd originalgetreu nachgestellte Songsichtungen. Da die Dirty Projectors auch gern im Feld des afrikanischen Pop wildern, hören wir atemberaubende Interpretationen alter Vorgaben unter besonderer Berücksichtigung von Highlife-Sound und Polyrhythmik. Für eilige Hörer: Motörhead spielen afrikanische Punkmusik und laden dazu David Byrne als Sänger zu den Sessions. Verstörend und faszinierend!

MOUSSA DOUMBIA
Keleya
(Orki Music/Import)
Der aus Mali stammende Saxofonist, Arrangeur und Komponist Moussa Doumbia veröffentlichte in den frühen 70er-Jahren in seiner Wahlheimat Elfenbeinküste unter den Vorzeichen des US-Funk für unsere Ohren herrlich neben der Spur liegende Killer-Tracks im Zeichen des Afro-Soul, die abseits enervierender Weltmusikbejubelung auch heute noch restlos begeistern. Auch James Brown wäre entzückt gewesen.

JULIUS ORLANDO
Super Afro Soul
(Vampisoul/Import)
Herrlich verschlurfter und zart neben der Spur gespielter nigerianischer Soul aus den 60er-Jahren, der sich auf den afrikanischen Highlife-Sound ebenso bezieht wie auf den Sou- thern Soul US-amerikanischer Prägung. Für Freunde von Al Green, O. V. Wright und Fela Kuti. Eine Entdeckung!

ANGEL
Kalmukia
(www.editionsmego.com)
Ilpo Väisänen von Pan Sonic und Dirk Dresselhaus von Schneider TM erkunden gemeinsam mit dem isländischen Cellisten Hildur Gudnadóttir (Lost in Hildurness) eisige, melancholische, bedrückende wie zu Herzen gehende Ambient-Drone-Soundtracks für imaginäre Endzeit-Sciencefictionfilme. Zwischen Improvisation und strengem Konzept geht hier ein letztes Mal die Sonne auf.

BRITISH SEA POWER
Do You Like Rock Music?
(Rough Trade/Edel)
Spätestens nach dem Meisterwerk Open Season immer schwer unterschätzt, zählt diese britische Band zu den verlässlichsten Kräften im Britpop, wenn es darum geht, Musik als düstere, sinistre und dennoch kraftvolle Reaktion auf die Fährnisse des Lebens zu deuten. Vergessen Sie artverwandten bombastischen Edelschmock wie The Editors oder Coldplay. Hier kommt der bessere Stoff. Fakt. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2008)

  • "Distortion"
    foto: nonesuch records/warner

    "Distortion"

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