Weg mit ihnen

19. Jänner 2008, 17:00
11 Postings

Eine gewisse Rücksichtslosigkeit muss üben, wer zwischen seinen Pflanzen froh leben will, sagt Ute Woltron

Zuerst eine kleine Geschichte, um den Weg zum Licht zu verdeutlichen: Es handelte sich um einen Gummibaum (Ficus elastica) und sein Alter war ungewiss. Fest stand lediglich, dass es beträchtlich sein musste.

Denn kein Mensch konnte sich mehr daran zurückerinnern, welcher Ahn der Familie M. diese Pflanze einst in grauer Vorzeit als Pflänzchen ins Haus gebracht hatte. Außerdem war das Gewächs zu einer derart monströsen Größe herangewachsen, dass es das gesamte Wohnzimmer mit mattglänzendem Blattgrün auszufüllen begann.

In einem gewaltigen Blumentopf in einem mittlerweile nur noch kriechend zu erreichenden Zimmereck nahmen unter schattigem Dickicht mehrere Gummibaumstämme ihren Ursprung. Im Laufe der Zeit hatte man die immer länger werdenden, sich ständig verzweigenden, sich also gewissermaßen selbst multiplizierenden Äste freudig gestützt und an den Wänden und an der Decke entlang angebunden und gezogen.

Exotische Dschungellaube

In Schlingen und Schleifen wucherte dieser Gummibaum, und er verwandelte das, was einst ein niederösterreichisches Wohnzimmer gewesen war, zu einer exotisch anmutenden Dschungellaube, aus deren unergründlichen Tiefen man unwillkürlich dem Schrei des Jaguars zu lauschen geneigt war.

Über viele Jahre war man stolz auf diese offensichtliche Demonstration zimmergärtnerischen Talents, und alle paar Monate rückte das Familienoberhaupt persönlich mit Leiter, Kübel und Wischtuch aus, um über mehrere Tage hinweg jedes einzelne Gummibaumblatt vom Staub zu befreien und blankzuwienern.

Doch irgendwie wurde die Sache immer ungemütlicher, und dann kam der Moment, da auch der Essplatz unter der Vegetation quasi verschwand wie die Tempel Angkor Wats unter den Urwaldschlingern. Als sich schließlich die Dame des Hauses gezwungen sah, die Sonntagsschnitzel in gebückter Haltung zu servieren, war ein kathartischer Moment erreicht. "Es ist genug!", sprach sie, und was folgte, war ein Befreiungsschlag für die gesamte Hausbelegschaft. Erst fielen ein paar Stämme. Dann noch ein paar. Dann verfiel man in einen Rausch und erlegte den Gummibaum vollends mit Scheren, Sägen, Zangen. Nachdem das große Zimmer freigelegt und neu ausgemalt war, schritt die Familie M. aufrecht und befreit durch die wiedergewonnene Räumlichkeit, man beglückwünschte einander und stellte sich die Frage, warum man eigentlich so lange mit der Beseitigung des Ungetüms gewartet hatte.

Weil wir alle unsere Pflanzen lieben, natürlich, und dabei oftmals mit Blindheit geschlagen sind. Weil wir auch hässliche, überalterte Kreaturen hingebungsvoll pflegen. Und weil manche von ihnen die Tendenz entwickeln, uns nachgerade tyrannisch zu regieren. Das gilt für den Topfgarten drinnen genau so wie für die großen Pflanzen draußen. Und gelegentlich muss man die Kraft aufbringen, sich von manchen Exemplaren rücksichtslos zu trennen.

Äxte, Scheren und Kettensägen

Wenn Zimmerpflanzen zu kränkeln beginnen und auch nach allen Regeln der Verarztung weiterkrüppeln - hinweg mit ihnen! Wenn die große Komposition draußen durch einzelne Ausreißer gestört wird - ausgraben und versetzen, oder fällen!

"Ganz sicher", schrieb zum Beispiel die Schriftstellerin und Gärtnerin Vita Sackville-West in einer ihrer berühmten Gartenkolumnen, "ganz sicher beruht das erfolgreiche Gärtnern zum großen Teil darauf, dass wir jede Pflanze, die uns nicht gefällt, rücksichtslos ausreißen. Mag es auch herzzerreißend sein, einen Baum, den wir vor Jahren setzten, zu fällen - es ist doch das einzig Richtige, wenn er uns im Weg ist und anderen die Sonne wegnimmt."

Genau. Her mit Äxten und Scheren, mit Kettensägen und Befreiungsschlägen. Und was die Krewegerln anlangt, die ewigen Kümmerer, fand die Herrin der Gärten von Sissinghurst Castle ebenfalls deutliche Worte: "Weg mit ihnen! Schwächlinge müssen geopfert werden; so wollen es die strengen Gesetze der Natur." (Ute Woltron/Der Standard/rondo/18/01/2008)

Tipp:

Sollten Sie als gärtnernder Mensch Vita Sackville-West (1892-1962) in Wort und Schrift noch nicht begegnet sein, schließen Sie am besten sofort Bekanntschaft mit ihr. Die ideale Einstiegsdroge heißt "Aus meinem Garten. Einfälle und Ratschläge" und bei Ullstein erschienen. Im Winter, schreibt sie zum Beispiel, sollte man sich hinsetzen und nachdenken, in Samenkatalogen blättern und den großen Plan entwerfen, wie man im Frühling alles wieder angehen wird.
  • Weil wir alle unsere Pflanzen lieben, natürlich, und dabei oftmals mit Blindheit geschlagen sind.
    foto: matthias cremer

    Weil wir alle unsere Pflanzen lieben, natürlich, und dabei oftmals mit Blindheit geschlagen sind.

Share if you care.