Geht nicht, gibt's nicht

17. Jänner 2008, 17:00
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Hämmern, Hobeln, Schweißen: Der New Yorker Bre Pettis ist Vorreiter der neuen Do-it-yourself-Bewegung - Er erfindet Produkte am laufenden Meter -Seine Auslage ist das Internet

Dieser Mann klopft Ringe aus Dollarmünzen, strickt mit Kassettenbändern, baut einen "Joule-Dieb" zusammen, der den Saft aus fast leeren Batterien saugt, bastelt eine Art Kanone, mittels deren man T-Shirts hoch und weit schießen kann - man denke an Konzerte, Menschenmassen, traurige Fans in den hintersten Reihen! Bre Pettis, 35 Jahre alt, aufgewachsen in Seattle, niedergelassen in New York, könnte als klassisches Exemplar der Spezies Kind im Manne durchgehen - dem ersten Anschein nach, nachdem man sich durch seine Website geklickt hat, auf der Suche nach dem, was er eigentlich den ganzen Tag treibt.

Dass sich dieses Bild ändern wird, dafür sorgt Pettis schon selbst, als er dann im Wiener Museumsquartier sitzt, den hochgewachsenen Körper in Jeans und einem Hoodie mit orange-silbernen Streifen, wie sie an den Jacken von Müllmännern picken. Schwarze Haare, grau durchzogen, auf der Nase eine eckige Kunststoffbrille, wie sie Künstler gerne tragen. Und im Kopf einen Fundus an Ideen, wie man mit eigenen Erfindungen die Welt bereichern könnte. Bre Pettis gehört zu den Vorreitern der Do-it-yourself- bzw. DIY-Bewegung, die in den USA sehr viel angesehener und stärker verwurzelt ist als bei uns. Branchen-Events wie die Make Fair in San Francisco locken 45.000 Besucher an. Und im Web boomen Kleinstmanufaktur- und Handarbeitsportale wie www.etsy.com, de.dawanda.com, www.hokohoko.com und bescheren dem Nischenprodukt Handarbeit ein nie erwartetes Verkaufspotenzial.

Tragende Säulen

Selbst etwas zu produzieren, statt Massenware zu konsumieren, gehört zu den tragenden Säulen der Bastler, Stricker, Näher, Hacker. Bre Pettis aber will das Ganze auch als großen Spaß verstanden wissen: "Den sollte schließlich jeder im Leben haben." Nicht alles im Leben muss eben dem Nützlichkeitsprinzip folgen. Woche für Woche stellt der Mann aus New York für das Magazin Make einen neuen Beitrag im Videoblog "Weekend Projects" online. Jeder zeigt Schritt für Schritt, welch spannende, lustige oder auch überflüssige Dinge von Laien zu bauen sind.

In seinem früheren Leben, bevor er DIY-Guru wurde, erprobte sich Pettis als Puppenkünstler bei Jim Henson sowie als Kunstlehrer, doch als er 2004 die Anfänge des Videobloggings mitbekam, wusste er: Das wird das nächste heiße Ding. Und: Es ist viel einfacher, Menschen per Video zu erklären, wie etwas funktioniert, als es ihnen nur mit Worten beizubringen - sieben Jahre Lehrerdasein hatten ihre Spuren hinterlassen. Ein wenig Pädagoge steckt bis heute in ihm. Denn hinter der Bastelei, die vordergründig dem Spaß an der Freude dienen soll, steht: das Bild einer Gesellschaft, die sich den Dingen entfremdet hat. Wer hingegen ein Produkt selbst herstellt, bekommt eine Ahnung vom Ding an sich. "Ein Gedanke der DIY-Idee ist: Wir leben in keiner sicheren Welt", sagt Pettis. "Jeder ist besessen vom Gedanken an Sicherheit. Aber die gibt es nicht, und erst recht nicht beim Selbstmachen." Stimmt, man haut sich auf den Daumen, verbrennt sich die Haut, aber genau das, sagt Pettis, mache den Stolz aus: "Wenn man ein Produkt einfach nur kauft, hat man diesen Stolz nicht." Sorgen, die neuen Bastler könnten sich als Eigenbrötler mit Hammer und Nähmaschine entpuppen, sind unbegründet. Der moderne DIY-Macher werkelt nicht im stillen Kämmerlein. Sozialer Austausch gehört heute zum Sachenmachen dazu, ja ist sogar Voraussetzung.

Artist in residence

"Das Motto lautet: machen, zusammenarbeiten, teilen", sagt Pettis. "So lernt jeder, wie die Welt funktioniert. Und je mehr Menschen verstehen, was zum Beispiel einen guten Sessel ausmacht, desto eher wird die Zeit der zentralisierten, klassischen Fertigung zu Ende gehen." So spricht jemand, der auf die Schwarmintelligenz vertraut - und darauf, dass sich Menschen vernetzen, um nicht nur Wissen zu teilen, sondern auch Produktionsmittel. In Wien etwa griff Pettis für seinen Roboter, den er während seiner Zeit als "Artist in residence" baute, auf die Infrastruktur von Metalab zurück, einem offen betriebenen Raum für technisch-innovative Projekte. Nun stehen wir noch ganz am Anfang dieser Basisbewegung, und dennoch könnten sich bald völlig neue Welten eröffnen. Kosteten 3-D-Printer bis vor kurzem noch 100.000 Euro, sind solche Drucker zur Erstellung von Modellen aus Plastik, Holz oder Metall längst für weniger als 10.000 Euro zu bekommen. Die Cornell University hat nun gar den Drucker Fab@Home entwickelt, der nur noch 2000 Euro kosten soll.

In Zukunft klagt niemand mehr über schlechtes Design, sondern baut sich selbst etwas - besser: "Jetzt ist die Zeit da, es gibt die Information, die Technologie, also mach was draus!", fordert Pettis. Auch wenn die klassische Designbranche an Menschen wie ihm nicht zugrunde geht, lernen könnte sie von ihnen schon, findet Pettis: "Wenn die Designbranche nicht teilt und Innovationen entwickelt, werden es andere tun." Und diese anderen machen sich ihren Sessel, ihren Tisch eben selbst. Da es laut Pettis an vielen neuen Ideen und Materialien mangelt, muss man Vorhandenes mixen - und durch Austausch entstehe Innovation immer noch am besten. Wie bei dem Sequenzer-Tool, das Pettis mitgebracht hat und nun an seinen Rechner anschließt. Beim gleichzeitigen Drücken mehrerer Tasten leuchten diese auf und bringen einen selbstständig ablaufenden Leuchtprozess anderer Tasten in Gang. Dahinter steckt eine Programmiersprache, die den Lebenszyklus von Bakterien nachahmt und visualisiert.

Projekte, nicht Produkte

Das Urmodell ist längst von anderen Tüftlern modifiziert worden, es gibt viele Möglichkeiten, das Tool einzusetzen: "Vorstellbar wäre es in einer Bar, eingebaut in den Tresen. Sobald der Gast ein Glas darauf abstellt, beginnt der Leuchtprozess", meint Pettis. Ein Programmierer-Tool, das zum Leuchtobjekt wird: ein Entstehungsprozess, der in der klassischen Branche eher undenkbar wäre. "Eigene Kreativität ist wichtig, aber andere Menschen darauf aufbauen zu lassen ist noch wichtiger", sagt Pettis. "Andere zollen dir Respekt, du wirst Teil von etwas Größerem." Sein Ziel ist klar: Projekte, nicht Produkte fesseln ihn. Das unterscheidet ihn von jenen Handarbeitern, die sich bei Webportalen wie www.etsy.com vermarkten: Er will nichts verkaufen, sondern initiieren, Dinge vorantreiben, neue Wege gehen.

Zugegeben, bei Pettis ist viel Gedankenüberbau dabei, und vielleicht auch ein klein wenig heiße Luft. Aber zu fragen, wozu eine "Brain Machine" nötig sei - das ist die schweißerartige Brille mit Leuchtdioden, die Pettis für das Coverfoto aufgesetzt hat -, geht eindeutig in die falsche Richtung. Neue Erfahrungen zu machen, also zu lernen, lohnt immer. Und nachdem wir die Wunderbrille aufgesetzt haben, verstehen wir: Diese Gehirnmaschine ist ein verdammt cooles Teil. Und das Hirn ein seltsames Tier. Während die roten Dioden flackern und ein unerträglicher Ton pfeift, gaukeln einem die grauen Zellen bei geschlossenen Augen vor, man sehe Muster, Dreidimensionales, Vielfarbiges: ein Trip ohne verbotene Substanzen.

Die Welt jedenfalls scheint bereit dafür zu sein, auch kompliziertere Teile selbst zu produzieren und sich von der Industrie zu entkoppeln, die uns mit Massen unerwünschter Produkte überschwemmt. Auf der eben beendeten weltgrößten Messe für Unterhaltungselektronik, der CES in Las Vegas, wurde "Bug Labs" vorgestellt, ein Computer-Baukastensystem, mit dem sich Gadgets selbst erzeugen lassen. Wie eine GPS-fähige Digicam, die Bilder automatisch auf die Fotoplattform Flickr lädt. Die heiße Phase der DIY-Bewegung, sie beginnt erst jetzt so richtig. Bre Pettis gibt uns noch einen wichtigen Merksatz mit auf den Weg: "Du machst Dinge selbst? Dann freunde dich damit an, dass es beim ersten Mal eigentlich nie klappt." (Mareike Müller/Der Standard/rondo/18/01/2008)

  • Lichtobjekt mit selbstständig leuchtenden Tasten.
    foto: hersteller

    Lichtobjekt mit selbstständig leuchtenden Tasten.

  • Bre Pettis beim Löten - das soll einmal  ein Roboter werden.
    foto: hersteller

    Bre Pettis beim Löten - das soll einmal ein Roboter werden.

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