Busfahrt in den Tod

1. Februar 2008, 11:14
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Das Ende der Waffenruhe beginnt mit einem Anschlag: 26 Menschen starben - mit Infografik

Colombo/Neu-Delhi – Der Bus war vollbepackt, wie immer zu dieser Zeit, als die Straßenbombe explodierte und das Gefährt zerriss. Mindestens 26 Menschen starben, darunter auch vier Kinder. Nur Stunden bevor nach sechs Jahren die Waffenruhe offiziell auslief, hat ein neues Blutbad unter Zivilisten Sri Lanka erschüttert. Es dürfte nur der Auftakt für weitere Gewalt sein: Faktisch herrscht wieder offener Bürgerkrieg auf der südasiatischen Tropeninsel.

Die Regierung machte die Tamilen-Rebellen der „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) für die Gräueltat verantwortlich. Der Anschlag ereignete sich in der Stadt Buttala etwa 240 Kilometer südöstlich von Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Der Regierung zufolge feuerten die maskierten Attentäter noch mit Gewehren in die Wrackteile. 67 Menschen wurden verletzt. Bei einem zweiten Anschlag in der Nähe kamen mehrere Soldaten ums Leben.

Die Regierung unter Präsident Mahinda Rajapakse setzt nicht mehr auf Gespräche, sondern auf Militärgewalt. Nach 25 Jahren will sie die LTTE in diesem Jahr auf dem Schlachtfeld vernichten und den Konflikt so beenden. Colombo hatte vor zwei Wochen die Waffenruhe aufgekündigt, die die Norweger 2002 vermittelt hatten. Sie lief offiziell am Mittwoch um 24 Uhr Ortszeit aus.

Unmittelbar betroffen ist die nordische Mission zur Überwachung des Waffenstillstands (SLMM). Sie stellte nun nach sechs Jahren ihre Arbeit ein und wird ihre Beobachter abziehen. Damit müssen die Kriegsparteien keine unliebsamen Zeugen mehr fürchten. SLMM-Chef Lars Johan Solvberg zeigte sich besorgt. „Die SLMM ist überzeugt, dass dieser Konflikt nicht durch militärische Mittel gelöst werden kann.“

Rückeroberung

Das Militär will nun das Kernland der Rebellen im Norden zurückerobern. Dort hat die LTTE einen De-facto-Staat errichtet, und dort ist auch ihr Hauptquartier. Den umkämpften Osten der Insel haben die Regierungstruppen bereits seit Frühjahr 2007 weitgehend unter ihrer Kontrolle. Dabei instrumentalisierte die Regierung auch ausländische Helfer. Diese versorgten über Monate zehntausende Flüchtlinge und hielten so der Regierung bei ihrer Offensive faktisch den Rücken frei.

Die neue Spirale der Gewalt begann Ende 2005, nachdem der Singhalese Mahinda Rajapakse die Präsidentenwahlen gewann. Damals provozierten zunächst die Rebellen die Regierung mit einer Anschlagsserie so lange, bis Colombo mit Gegengewalt konterte. Die LTTE kämpft seit 25 Jahren für einen eigenen Tamilen-Staat. Die Insel ist etwa so groß wie Bayern und hat 20 Millionen Einwohner, davon sind knapp 75 Prozent Singhalesen und 18 Prozent Tamilen. Bisher starben in dem Konflikt mehr als 70.000 Menschen.

Experten zweifeln, ob die Armee die Rebellen besiegen kann. Die LTTE gilt als eine der schlagkräftigsten Guerilla-Truppen der Welt und verfügt über Selbstmordkommandos, die mit Anschlägen im ganzen Land Terror verbreiten können. Der Führer des politischen LTTE-Flügels, B. Nadesan, schloss eine Kapitulation aus. Die Rebellen seien kampfbereit. Die Regierung gibt sich dagegen siegessicher – und weiß ihre Wähler hinter sich. Laut Umfragen unterstützen mehr als 80 Prozent der Singhalesen einen harten Kurs gegen die Rebellen. Sie glauben nicht mehr, dass die LTTE ernsthaft Frieden will.

In Sri Lanka war der Bürgerkrieg Anfang der 1980er eskaliert, nachdem Präsident Junius Richard Jayawardene den tamilischen Abgeordneten ihre quotenmäßig garantierten Parlamentssitze unter dem Vorwurf des Separatismus verweigerte und sie zu Staatsfeinden erklärte. Die LTTE erhielt damals starken Zulauf. (Christine Möllhoff/DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2008)

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