"Turbulenzen können noch andauern"

4. Februar 2008, 17:16
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Die Abschreibungen der Banken auf ihre Kreditportfolios könnten weiter andauern, sagt Moody’s-Chefökonom Pierre Cailleteau im STANDARD-Interview

Die Abschreibungen der Banken auf ihre Kreditportfolios könnten weiter andauern, wenn es an den Märkten weiter abwärts geht, sagt Moody’s-Chefökonom Pierre Cailleteau im Gespräch mit Andreas Schnauder

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STANDARD: Fast täglich erreichen uns Meldungen über neue Milliardenabschreibungen der Banken im Gefolge der Subprime-Krise. Wie lange wird das noch andauern?

Cailleteau: Man kann nur hoffen, dass die Abschreibungen bald zu Ende sind. Aber das hängt stark von der gesamtwirtschaftlichen Lage ab. Die Wertberichtigungen sind zwar akkurat, basieren aber auf einem möglicherweise optimistischen Szenario, mit einem starken weltweiten Wirtschaftswachstum. Es gibt natürlich auch die Annahme einer US-Rezession mit starken Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Darum kann man auch nicht sagen, die Milliardenabschreibungen sind vorüber.

STANDARD: Sollte man nicht langsam wissen, welche Kreditpapiere wie stark abgeschrieben werden müssen?

Cailleteau: Das ist eine laufender Prozess. Wenn die Häuserpreise weiter abstürzen und sich die Weltkonjunktur stärker abschwächt, sind wir aus der Misere noch lange nicht heraußen. Das Problem ist, es gibt keinen objektiven Preis für die betroffenen Wertpapiere – oder es gibt einen objektiven Preis, der sich aber jeden Tag ändert. Dazu gibt es keine Alternative. Deshalb können diese Turbulenzen auch noch drei oder sechs Monate andauern.

STANDARD: Und welche makroökonomische Entwicklung ist aus Ihrer Sicht am realistischsten?

Cailleteau: Die konjunkturelle Abschwächung in den USA ist viel stärker, als wir vermutet hatten, aber der Rest der Welt bleibt stark.

STANDARD: Mit einer US-Rezession?

Cailleteau: Nein, das nehmen wir nicht an. Selbst wenn es doch eine leichte Rezession – wie zu Beginn des Jahrtausends – geben sollte, hätte das keine großen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

STANDARD: Obwohl die Immobilien-Krise den US-Haushalten schwer zu schaffen macht?

Cailleteau: Nicht alle Haushalte sind von der Immobilienkrise betroffen. Dazu kommt, dass die US-Wirtschaft schnell zurückschlagen und Schocks rasch absorbieren kann. Zudem hilft der schwache Dollar den Exporten.

STANDARD: Viele haben das Vertrauen verloren, weil die Banken ihre verlustreichen Kreditpapiere in Zweckgesellschaften bunkerten, die nicht in den Bilanzen aufscheinen.

Cailleteau: Das haben wir alle gemeinsam nicht mit ausreichender Sorgfalt berücksichtigt. Diese Geschäftsmodelle basierten auf Vertrauen, das kollabierte. Die Annahmen waren zu optimistisch. Man darf aber nicht vergessen, dass die Banken die Risiken aus den Zweckgesellschaften gar nicht übernehmen müssen. Sie tun es, um ihre Reputation nicht zu ruinieren. Wir lernen daraus: Die Risiken zu separieren ist eine Illusion.

STANDARD: Die Ratingagenturen haben sich da freilich auch ziemlich verschätzt.

Cailleteau: Wir können nicht behaupten, bei den Subprimes einen sehr guten Job gemacht zu haben.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.01.2008)

Zur Person
Der Franzose Pierre Cailleteau ist Chefvolkswirt der Ratingagentur Moody’s. Er urlaubt heuer mit seiner Familie in Alpbach.
  • Trotz Schwächung der US-Konjunktur bleibt laut Moody’s-Chefökonom Pierre Cailleteau der Rest der Welt stark.
    foto: standard/ henrich

    Trotz Schwächung der US-Konjunktur bleibt laut Moody’s-Chefökonom Pierre Cailleteau der Rest der Welt stark.

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