Urbaner Ungehorsam: Leopold Kessler

21. Jänner 2008, 14:17
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Der 31-jährige Konzept- und Aktionskünstler erhielt am Dienstag den mit 15.000 Euro dotierten T-Mobile art award 2007

Die Arbeiten des Münchners, der in Wien an der Akademie studierte, sind durch Ironie und Gesellschaftskritik gekennzeichnet.


Wien – Was er sich dabei denke, Dinge des öffentlichen Eigentums zu zerstören, wurde Leopold Kessler vergangenes Jahr bei der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung in der Secession gefragt. Offenbar ist das die naheliegendste Frage, wenn jemand so unerhört ist, in Straßenarbeiter-Tarnung und mit einer langstieligen Lochzange bewaffnet, Löcher in Verkehrsschilder zu stanzen. Ja, Vandalismus ist das doch!

Leopold Kessler, der urbane Ungehorsame, hat sich über jenes "Das tut man doch nicht!" einfach trotzdem hinweggesetzt. Denn wieso sich jeder staatlichen Reglementierung sofort unterwerfen, wieso jedem allgegenwärtigen Verbot im öffentlichen Raum brav entsprechen, warum vor jeder dort – aus Sicherheitsgründen angebrachten Videokamera – kapitulieren?

Die jetzt etwas winddurchlässigeren Verkehrszeichen, deren neues Lochmuster den Durchschüssen des Kalibers zehn Millimeter gleicht, machen Wien nicht gleich zum Wilden Westen, aber zumindest können sie den aufmerksamen Betrachter daran erinnern, dass eine bestimmte politische Partei einst die Sicherheit der wohl sichersten europäischen Hauptstadt mit der Unsicherheit in Chicago gleichsetzte. Seine per Video dokumentierte Aktion "Perforation Kal. 10 mm" führt aber auch zur Frage, ob so ein paar Einschusslöcher dazu gereichen, dass sich die Bürger im Revier einer bewaffneten Gang wähnen, oder ob sie sich nun gar unsicherer fühlen? Denn absurderweise führen ja Überwachungskameras, die der Herstellung größerer Sicherheit dienen sollten, bei den Menschen zu Gefühlen der Verunsicherung und Angst.

Kabel-Anarchie

Frech war es auch, als Kessler, unterstützt von anderen orange gewesteten Ungehorsamen, mitten durch den Stadtraum ein 1,5 Kilometer langes Kabel verlegte, das den Strom von seinem Atelier in der Akademie in sein eigenes verbrachte. Dass dies gelingen würde, daran glaubte niemand. Und dass es letztendlich funktioniert hat, erklärt Kessler, war wichtig, weil es damit den Freiraum für anderes unmöglich Erscheinendes eröffnete. So nahm er zum Beispiel das Leuchtschild einer Polizeiwache als Gelddepot in Besitz, machte 2006 einen Zug der ÖBB zum Kollaborateur, indem er an seinem Unterboden einen "Beifahrer" montierte – eine Zigarettenschachtel reiste so unentdeckt von Budapest nach Wien.

Jüngste Aktionen, die während eines Stipendienaufenthalts des 31-Jährigen in New York entstanden, erscheinen noch politischer. Er stellt den "squeegie mans", die gegen ein Trinkgeld die Windschutzscheiben der Autos säubern, die "restroom attendances", die in öffentlichen Toiletten Seife und Handtuch reichen, gegenüber. Die einen bannte Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani mit einer 60- Dollar-Strafe wegen Gehsteigverlassens weitestgehend aus dem öffentlichen Stadtbild. Die anderen, die ebenfalls ein Spiegel der Armut sind, dürfen ungehindert weiter ihre, die "Erhabenen hofierende" Dienstleistung ausüben.

Er weise mit "subversiver Ironie" auf "Systemfehler des Alltags hin", begründete die sechsköpfige T-Mobile-art-award-Jury unter dem Vorsitz von Valie Export ihre Wahl. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.1.2008)

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Subversiver Aktionismus im öffentlichen Raum: "Perforation Kal. 10 mm" (2007) von Leopold Kessler.
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    Subversiver Aktionismus im öffentlichen Raum: "Perforation Kal. 10 mm" (2007) von Leopold Kessler.

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