"Drachenläufer": Hauptsache Herausforderung: Marc Forster

21. Jänner 2008, 14:05
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Ein Schweizer in Hollywood im Interview über seine Verfilmung von Khaled Hosseinis Bestseller "Drachenläufer"

Mit Bert Rebhandl spricht Forster über die Begegnung mit einer fremden Kultur und seine kommende große Herausforderung: Er wird den nächsten James-Bond-Film inszenieren.


Wien – Kabul in den 1970er- Jahren: Scheinbar unbeschwert laufen die Jungen unter ihren Drachen her, aber in den spielerischen Wettkampf mischen sich schon erste politische Töne. Wie sich mit dem Einmarsch der Sowjetunion und dem Erstarken des islamischen Widerstands die Bedingungen für die liberale Oberschicht in Afghanistan veränderten, erzählt Khaled Hosseini in seinem Weltbestseller "Drachenläufer" ("The Kite Runner") in der Rückschau auf die Freundschaft zweier Jungen in Kabul.


Standard: "Drachenläufer" ist eine perfekte Filmvorlage: ein Drama mit weltpolitischen Implikationen vor abenteuerlicher Kulisse. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Projekt übernahmen?

Forster: Dass es schwierig sein wird, einen Roman zu verfilmen, der sich acht Millionen Mal verkauft hat, mit einer Geschichte, deren kulturelle Voraussetzungen ich überhaupt nicht kannte. Dieses Land vor der sowjetischen Invasion 1979 war für mich ein leeres Blatt. Wenn ich an Afghanistan denke, denke ich an die Taliban oder an Bin Laden, aber nie an die idyllische Zeit davor.

Standard: Es gab vermutlich Missverständnisse mit den Produzenten auszuräumen.

Forster: Das Studio wollte ursprünglich Stars in den Hauptrollen und den Film auf Englisch drehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das gehen sollte. Kinder in Kabul in den 70ern sprechen Englisch? Später geht einer von ihnen in die USA und spricht dann gebrochen Englisch? Das Studio hatte ein Einsehen. Wir haben dann in Kabul, Iran, London und Los Angeles gecastet.

Standard: Wie geht es den beiden Kinderdarstellern heute?

Forster: Die Situation in Afghanistan hat sich seit dem Dreh verschlechtert. Die Kinder wurden, nachdem sie Ende November das Schuljahr abgeschlossen hatten, nach Dubai gebracht. Wir warten jetzt einmal ab, wie die Reaktionen sein werden, wir wollten sichergehen, dass den Kindern nichts passiert.

Standard: Es gibt ein zentrales Motiv in "Drachenläufer", das auch in Sachbüchern immer wieder auftaucht, ohne dass man dabei genau ausmachen könnte, wie weit es auf Tatsachen beruht: sexueller Missbrauch und Vergewaltigung unter Männern in den Reihen der Taliban.

Forster: Ich bin kein Experte, aber es scheint, dass das der Fall ist, dass doch sexueller Verkehr herrscht zwischen Männern. Wie das mit Fakten belegt werden kann, weiß ich nicht. Es scheint aber immer wieder darauf hinauszulaufen, dass das passiert. Eine Vergewaltigung bildet im Buch die emotionale Verknüpfung zwischen den Jahrzehnten. Das ist eine Schlüsselszene, dadurch wird alles zu einer "redemption story". Das Schuldgefühl bestimmt das Leben der Hauptfigur. Die Vergewaltigung ist aber auch eine Metapher dafür, was mit Afghanistan geschehen ist, nachdem die Russen abgezogen sind. Das war auch für Khaled Hosseini der Hintergrund.

Standard: Wie war die Arbeit mit Laiendarstellern?

Forster: Ungewohnt. Der Schauspieler, der Baba spielt, etwa war ein Architekt. Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami hat an einer Ampel in Teheran an seine Scheibe geklopft und ihm eine Rolle in dem Film "Der Geschmack der Kirsche" (1997) angeboten. Er hat mitgespielt, aber er ist immer noch Architekt, und es ist eine intensive psychologische Arbeit mit Laiendarstellern.

Standard: Sie gelten als flexibler Regisseur: von "Monster's Ball" bis James Bond gibt es wenig Kontinuität.

Forster: Das ist mir bewusst. Es gibt zwei Wege. Man kann ein Meister werden wie Hitchcock, der das Thriller-Genre perfektioniert hat, oder immer wieder etwas Neues probieren. Auch aus Misserfolgen lernt man, zum Beispiel durch das Psychodrama "Stay", das ja wirklich überhaupt nicht lief, mir aber erlaubt hat, "Stranger Than Fiction" zu machen, den ich dadurch emotional besser anpacken konnte. Der Bond-Film bringt unglaubliche Erwartungen mit sich und auch einen gewissen Rahmen, innerhalb dessen ich nun kreativ sein muss. Daniel Craig hat schon etwas Neues gebracht, er ist physischer und trotzdem psychologisch interessanter, realistischer und härter. Es gibt auch nun auch eine dunkle Bond-Seite, das könnte man weiterentwickeln.

Standard: Ein Bond-Film als Charakterstudie?

Forster: An sich finde ich ja Frauen viel interessantere Menschen. Männer sind viel einfacher als Charaktere, Frauen die komplexeren Gebilde. Interessant ist, wie ein Mann sich emotional ausdrückt. Der Konflikt entsteht ja daraus, wie es gelingt, die Anerkennung des Vaters zu gewinnen. Diese Spannung wird häufig verinnerlicht, Gefühle nicht ausgedrückt. Die Herausforderung ist, einen Weg zu finden, unsere Emotionen auszudrücken.

Standard: Was haben Sie von Ihrem Vater gelernt?

Forster: Mein Vater war vermögend, hat aber sein ganzes Geld verloren. Das war das Beste, was ihm je passiert ist. Die Familie hat sich in dieser Situation angeschaut und gefragt: Wer sind wir eigentlich? Das hat uns geöffnet. Schon mit 17, 18 habe ich mich entschieden, immer nur zu machen, wo mich meine Passion hinführt. Ich bin in der Lage, mit minimalen Mitteln zu leben. James Bond interessiert mich als Herausforderung. Danach werde ich sicher wieder kleinere Filme machen. / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.1.2008)

  • Kindheit  in Kabul,  vor dem Hintergrund allmählicher politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen: Amir (Zekeria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmidzada) in "Drachenläufer".
    foto: upi

    Kindheit in Kabul, vor dem Hintergrund allmählicher politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen: Amir (Zekeria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmidzada) in "Drachenläufer".

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    Flexibler Regisseur mit Bond-Lizenz: Marc Forster, geboren 1969 in Ulm, aufgewachsen in der Schweiz, ging 1990 zum Filmstudium nach New York. Wurde mit dem Gefängnisdrama "Monster's Ball" bekannt. Lehnte 2004 das Angebot ab, einen Harry-Potter-Roman zu verfilmen. Drehte stattdessen mit Johnny Depp "Finding Neverland" über die Entstehung von Peter Pan. Lebt in L. A.

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