Ich renne auch nicht mit Maske herum"

17. Jänner 2008, 11:00
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Grippewelle in Österreich: Impfen kann jetzt noch sinnvoll sein, sagt Virologe Franz X. Heinz im derStandard.at-Interview - Von Schutzmasken hält er aber eher wenig

Plötzliches Krankheitsgefühl, hohes Fieber und Muskelschmerzen sind die Symptome einer echten Grippe. Besonders viele Menschen liegen derzeit damit im Bett. In Wien zählte man in der vergangenen Woche 15.300 Neuerkrankungen. Im Gespräch mit Marietta Türk erklärt der Vorstand des Instituts für Virologie an der Meduni Wien, Franz X. Heinz, ob das Impfen noch sinnvoll ist, wer sich impfen lassen sollte und wann man Tamiflu braucht.

derStandard.at: Laut dem Sozialmediziner Michael Kunze ist die Zahl der Neuerkrankungen an Influenza heuer besonders schnell angestiegen. Warum?

Heinz: Mich überrascht das nicht. Es ist symptomatisch für die Grippewelle, dass sie plötzlich beginnt. Der Zeitpunkt ist allerdings nicht vorhersehbar, so wie viele Dinge bei der Grippe. Sie bleibt einige Wochen bestehen und verschwindet dann wieder. Deswegen heißt es auch Grippewelle.

derStandard.at: Um welchen Stamm handelt es sich genau?

Heinz: Es ist ein Influenza-A-Virus, H1N1. Das ist ziemlich genau jener Stamm, der auch im Impfstoff enthalten ist.

derStandard.at: Ist eine Impfung jetzt überhaupt noch sinnvoll?

Heinz: Es kann schon sinnvoll sein, weil die Grippewelle ja einige Wochen andauert. Für jene, die jetzt noch nicht erkrankt sind und vielleicht in zwei Wochen infiziert werden, ist die Impfung auf alle Fälle jetzt noch sinnvoll. Nur, lässt man sich heute impfen und infiziert sich morgen, dann nützt es wahrscheinlich nicht mehr.

derStandard.at: Wie lange dauert es, bis der Impfstoff wirkt?

Heinz: Das dauert ein bis zwei Wochen.

derStandard.at: Wer sollte sich besonders schützen?

Heinz: Alle, die nicht eine Woche im Bett liegen wollen. Aber es gibt natürlich Personengruppen, die besonders gefährdet sind schwer an der Influenza zu erkranken beziehungsweise daran zu sterben: Ältere und Personen jeden Alters, die andere Grunderkrankungen haben, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechsel-Erkrankungen und chronische Erkrankungen der Atemwege oder des Immunsystems.

derStandard.at: Für wen ist die Impfung nicht sinnvoll?

Heinz: Für jeden ist eine Impfung sinnvoll. Auch ein Junger ist gegen die Grippe nicht gefeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass er daran stirbt, ist allerdings gering. In den meisten Fällen wird ein junger, gesunder Mensch von selber wieder gesund. Man sollte aber auch bedenken, dass man selbst andere Menschen anstecken kann, die schwächer sind.

Liegt man geschwächt mit der Influenza im Bett, können auch zusätzliche bakterielle Infektionen hinzukommen, am häufigsten eine Lungenentzündung. Generell sterben einfach mehr Leute als normal, wenn die Grippe grassiert.

derStandard.at: Angenommen, man ist bereits infiziert, was kann man tun?

Heinz: Vorsorglich sind gesunde Ernährung, Bewegung, Vitamine nützlich. Ist man schon krank, helfen Neuraminidase-Inhibitoren wie Tamiflu, die spezifisch gegen das Influenzavirus wirken und dessen Vermehrung hemmen.

derStandard.at: Wann sollte man Tamiflu einnehmen?

Heinz: Am besten so früh wie möglich nach der Infektion. Aufgrund der Plötzlichkeit der Erkrankung weiß man auch, dass man betroffen ist. Man sollte sofort zum Arzt gehen und sich das verschreiben lassen.

derStandard.at: Kann man sich Tamiflu auch prophylaktisch besorgen, anstatt sich impfen zu lassen?

Heinz: Nein, das Medikament ist rezeptpflichtig.

derStandard.at: Angenommen, man hat heuer schon eine Influenza hinter sich – hat man dann zumindest für diese Saison schon Antikörper gebildet, dass man die Krankheit nicht mehr bekommen kann?

Heinz: Für denselben Virusstamm in dieser Saison nicht mehr. Es ist ja so, dass gleichzeitig mehrere Varianten zirkulieren können. Das ist auch der Grund warum im Impfstoff mindestens drei verschiedene Komponenten enthalten sind: zwei Influenza-A-Stämme, ein H1N1 und ein H3N2 und ein Influenza-B-Stamm. Heuer haben wir bisher nur H1N1 nachgewiesen in Österreich und auch in anderen europäischen Ländern ist das der dominierende Virusstamm. Allerdings gibt es vereinzelt auch Infektionen mit H3N2 und Influenza-B.

derStandard.at: In Österreich sind 18 Prozent geimpft, sind das wenige?

Heinz: Die Impffreudigkeit bei der Influenza ist relativ gering, das heißt aber nicht, dass die Österreicher generell Impfmuffel sind, bei der FSME ist die Impfrate hoch. Die Influenza wird vielleicht immer noch nicht so ernst genommen, weil sie diesen Nimbus des grippalen Infekts hat, der nichts Ernstes ist. Ein zweiter Grund könnte die Problematik sein, dass sich das Virus während einer Grippewelle auch ändern kann und die Wirksamkeit dann nicht mehr so hoch ist.

derStandard.at: Gibt es Nebenwirkungen?

Heinz: So gut wie keine, weil es Totimpfstoffe sind, durch die es zu keiner Virusvermehrung kommt.

derStandard.at: Können die Mundschutz-Masken, die vom Ministerium gekauft worden sind, ein wirksamer Schutz vor Ansteckung sein?

Heinz: Ich habe mich aus der Mundschutz-Diskussion herausgehalten. Ich kann nur sagen: Die Influenza wird durch Tröpfcheninfektion übertragen, durch Husten und Niesen gelangen kleine Flüssigkeitströpfchen, in denen das Virus enthalten ist, in die Luft. Gefährdet sind vor allem Menschen, die sich in der Nähe befinden.

Diese Sekrete werden also schon im unmittelbaren Umfeld freigesetzt. Wenn jemand eine Maske auf hat, wird er weniger davon abkriegen, und ein Erkrankter wird weniger davon abgeben. Aber was das jetzt genau ausmacht, weiß ich nicht und weiß wahrscheinlich niemand.

derStandard.at: Warum kommen die Masken bei uns nicht gut an?

Heinz: Das ist Kultursache. Ich renne ja auch nicht mit einer Maske herum. Ich persönlich gebe auch Menschen während der Grippewelle die Hand. In der Familie wird man natürlich versuchen, relativ hygienisch umzugehen und die Hände oft zu waschen, wenn ein Mitglied krank ist.

derStandard.at: Warum tritt die Grippewelle immer im Winter auf?

Heinz: Das Virus verschwindet ja nie, es kann auch im Sommer sporadisch auftreten. Warum gerade im Winter der Höhepunkt ist, weiß man nicht wirklich. Angenommen wird aber, dass das Virus in der Kälte länger infektiös bleibt und die Schleimhäute durch die trockene Heizungsluft anfälliger für Infektionen sind. (derStandard.at, 16.1.2008)

Wissen: So wirkt der Neuraminidasehemmer Tamiflu(R)

Therapie
Der Neuraminidasehemmer Tamiflu(R) (Wirkstoff Oseltamivir) wirkt bei allen Arten der Influenza. Durch die Hemmung des Virus-Enzyms Neuraminidase wird damit die Freisetzung von neugebildeten Viruspartikeln aus den befallenen Zellen verhindert.

Medikation
Somit kann sich die Infektion nicht weiter im Organismus ausbreiten. Tamiflu(R) wird Erwachsenen und Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr in Form von Hartkapseln beziehungsweise eines Saftes (Suspension für Kinder) verabreicht.

Bei ersten Symptomen sofort einnehmen
Zeigen sich bereits Grippesymptome, sollte Tamiflu(R) möglichst sofort, auf jeden Fall aber innerhalb von zwei Tagen nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen werden. Krankheitsintensität und -dauer und somit mögliche Komplikationen der Influenza können dadurch drastisch reduziert werden.

Mögliche Folgeerkrankungen
Das Risiko von gefährlichen Folgeerkrankungen der Grippe wie Bronchitis, Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis), Mittelohrentzündung (Otitis media) und Lungenentzündung (Pneumonie) kann mit Tamiflu(R) erheblich verringert werden. Auch Antibiotikaeinsatz und Krankenhausaufenthalte sowie das Risiko einer Ansteckung weiterer Personen werden durch Tamiflu(R) deutlich gesenkt.

Mögliche Wechselwirkungen
Für das Präparat sind keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt.

Siehe:

Grippewelle rollt an

  • Zur Person
Franz X. Heinz leitet das Institut für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Der Forschungsschwerpunkt des Instituts liegt im Bereich der respiratorischen Viren (Viren, die Erkrankungen der Atemwege verursachen). 

Das Institut ist auch das nationale Referenzzentrum für Influenza und Vogelgrippe und es betreibt auch das Diagnostische Influenzanetzwerk Österreichs.
    foto: heinz

    Zur Person

    Franz X. Heinz leitet das Institut für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Der Forschungsschwerpunkt des Instituts liegt im Bereich der respiratorischen Viren (Viren, die Erkrankungen der Atemwege verursachen).

    Das Institut ist auch das nationale Referenzzentrum für Influenza und Vogelgrippe und es betreibt auch das Diagnostische Influenzanetzwerk Österreichs.

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