Geständnis Flöttls bringt Elsner in Bedrängnis

17. Jänner 2008, 10:03
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Wolfgang Flöttl legte ein Teilgeständnis ab, es geht um einen 90-Millionen-Dollar-Kredit. Er hätte wissen müssen, dass er das Geld nicht zurückzahlen könnte

Tag 56 im Bawag-Strafprozess: Wolfgang Flöttl legte ein Teilgeständnis ab, es geht um einen 90-Millionen-Dollar-Kredit. Er hätte wissen müssen, dass er das Geld nicht zurückzahlen könnte. Seine Mitangeklagten aber auch: "Der gesamte Vorstand hat das gewusst", sagte Flöttl.

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Wien – Tag 56 im Bawag-Prozess begann mit eiskalten Händen und hitzigen Debatten samt gegenseitigen Beschuldigungen der Angeklagten. Je näher das Ende des Bawag-Prozesses rückt (und das Gerichtsgutachten des Grazer Wirtschaftsprüfers Fritz Kleiner), desto größer die Nervosität – und die Einsicht.

Am Mittwoch also setzte es das dritte Teilgeständnis. Wolfgang Flöttl, glückloser Investor, gestand Beihilfe zur Untreue in Bezug auf einen Betriebsmittelkredit von 90 Mio. Dollar, den ihm die Bawag im Herbst 1998 eingeräumt hatte. Und: Er belastete seine Mitangeklagten, den damaligen Bawag-Vorstand, schwer, der gesamte Vorstand habe damals alles gewusst.

Flöttl war Mittwochfrüh, anders als sonst, sichtlich nervös ins Graue Haus gekommen. Aufgeregt beriet er sich mit seinen beiden Anwälten, Herbert Eichenseder und Christian Hausmaninger. Bei der Begrüßung hatte er eiskalte Hände – habe er wegen Durchblutungsstörungen leider immer, kommentierte dies der in New York lebende Angeklagte knapp.

Kurz darauf ergriff er das Wort, um "niederzulegen"; wie man das im Gerichtsjargon nennen würde. Das Ganze lief (weil die Bawag wie immer bei den "Sondergeschäften" mit Flöttl das Geld an Gesellschaften überwies) unter dem Namen Ophelia, weil jene eine Milliarde Schilling (heute wären das rund 70 Mio. Euro) an die Ophelia Ltd. floss.

Er habe die Weihnachtspause genützt, um sein Verhalten zu analysieren, begann Flöttl, der sich bisher als unschuldig verantwortet hatte, "weil ich mir keiner Schuld bewusst war und ja auch selbst hunderte Millionen Verlust erlitten habe". Nun sei er aber "zum Schluss gekommen, dass Ophelia im rechtlichen Sinne nicht korrekt von mir war. Ich habe 90 Millionen Dollar Betriebsmittelkredit bekommen, davon 34 Mio. für Overheads der Bank verwendet." Mit den restlichen 56 Mio. Dollar in der Laufzeit von einem Jahr "90 Millionen und Zinsen zurückzuverdienen, war ausgesprochen unwahrscheinlich. Zum Zeitpunkt der Geldannahme konnte ich nicht sicher sein, dass ich das zurückzahlen kann." Was im rechtlichen Sinne Vorsatz sei, wie der studierte Jurist eingestand.

Kurz zur Erklärung: Im Herbst 1998 hatte Flöttl 639 Mio. Euro, die ihm die Bawag kreditiert hatte, in den Sand gesetzt. Am Nationalfeiertag, 26. Oktober 1998, kam der Bankvorstand unter Leitung von Helmut Elsner in Wien zu seiner ersten geheimen "Sondersitzung" zusammen, um Maßnahmen zu beraten. Flöttl war rund eine Stunde lang dabei, er hatte mit Elsner bereits vorher beraten.

Untergegangen

Das Ende vom Lied: Der Vorstand (mit Ausnahme von Christian Büttner) beschloss, die Geschäfte mit Flöttl weiterzuführen und ihm einen Betriebsmittelkredit zu gewähren (eben Ophelia; sie ist übrigens jene Frau aus Shakespeares Hamlet, die wahnsinnig geworden im Fluss ertrinkt). Gleichzeitig wurde der Bawag ein Teil des Flöttl-Vermögens (wie Gemälde und Immobilien) überschrieben. Die Bawag wollte damals erreichen, dass ihr Flöttl-Flop nicht aufflog, "sie wollte keinen Skandal haben", wie das Flöttl ausdrückt. Der Ophelia-Kredit wurde verlängert, nie eingefordert, nie zurückgezahlt und letztlich, im Rahmen der Verlustverdauungsmaßnahmen, in eine Anleihe umgewandelt, die die Bank selbst zeichnete. Auf Nachfragen der Richterin gab Flöttl an, das Geld sei (neben Boni und Abfertigungen für Mitarbeiter und sonstigen "Verpflichtungen") in neue Veranlagungen geflossen. "Das wusste der gesamte Vorstand", verantwortete sich Flöttl.

Genau an dem Punkt wurde es heiß im Gerichtssaal, Aussage stand gegen Aussage. Es geht ja auch um viel: Sollte das Gericht zum Schluss kommen, dass die übrigen Bankchefs die Nichtrückzahlung für möglich hielten, sind sie wegen Untreue dran; Flöttl eben wegen Beihilfe dazu (Strafrahmen: ein bis zehn Jahre; es gilt die Unschuldsvermutung). Sollte nur Flöttl übrigbleiben, dann hätte er im Punkt Ophelia den Vorstand getäuscht und wäre des Betrugs schuldig (gleiche Strafdrohung).

Die übrigen Angeklagten bestritten, bei der Ophelia-Vergabe gewusst zu haben, dass Flöttl nicht zurückzahlen könne. Elsner protestierte heftig, "Flöttl lügt, dass sich die Balken biegen", er habe ihm damals vertraut, der Verlust 1998 sei aus damaliger Sicht ein "einmaliger Ausriss" gewesen. Josef Schwarzecker bedauerte, "dass wir unsere Sitzung nicht auf Video aufgenommen haben, hier werden die Dinge falsch dargestellt".

Gestritten wurde im Gerichtssaal, in dem erstmals seit Verfahrensbeginn im Juli laute Worte zwischen West- und Ostflügel hin- und hergeschleudert wurden, auch darüber, was Flöttl mit dem Geld aus dem Betriebsmittelkredit überhaupt hätte tun dürfen. Eine Frage, deren Beantwortung Richterin Claudia Bandion-Ortner mit dem Hinweis "Wir werden das auch den Gutachter fragen" vertagte.

Insgesamt ist Ophelia für Flöttls Schicksal nur ein Teilaspekt: Er muss sich zudem für die Unibonds (rund 410 Mio. Euro), die Kredite Felixton (42 Mio.) und RCM (fast 19 Mio.) verantworten sowie wegen der Entnahme aus den Unibond-Resten (neun Mio.), die ihm 2000 "zum Leben" überlassen wurden. Macht rund 550 Millionen Euro. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.01.2008)

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