Im Schleichwerbestrudel

von Redaktion  |  15. Jänner 2008, 21:02
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    Franz Bogner.

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    Als die TV-Werbung laufen lernte und Product-Placement noch ein Fremdwort war.

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    Spots aus der Frühzeit des Fernsehens.

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    Wer was wofür springen lässt, ist für heutige Medienkonsumenten kaum mehr durchschaubar: "EURO-2008-Tanzerei" beim ORF-Neujahrskonzert.

Wie der zunehmend "flexibler" werdende Umgang mit der Trennung zwischen Werbung und redaktioneller Berichterstattung den Ruf des Journalismus schädigt - Von Franz Bogner

Ein kritischer Blick auf die "sauren Wiesen" der heimischen Medienlandschaft - nicht nur am Beispiel der Praktiken des öffentlich-rechtlichen ORF.

***

Viele Werber tun's, manche PR-Leute tun's, viele Unternehmen und öffentliche Stellen tun's und fast alle Massenmedien tun's - und alle leugnen es: Schleichwerbung.

Prominentester Schleichwerbungsleugner der letzten Tage: der ORF. Laut seinem Sprecher sei, nachzulesen im STANDARD, die Bezahlung für die einzelnen Episoden in der Pausensendung zum Neujahrskonzert rechtlich und journalistisch kein Problem.

Da sagt also ein öffentlich-rechtlicher Sender, der zur Objektivität und zur klaren Trennung von Redaktion und Werbung verpflichtet ist, ohne mit der Wimper zu zucken, dass es völlig in Ordnung sei, wenn dem p. t. Publikum ein informativer Querschnitt über Österreich und die kommende Fußball-Euro vorgegaukelt wird, in Wirklichkeit aber nur das gezeigt wird, wofür ordentlich bezahlt wurde. Frage: Sind auch für die Euro 08-Tanzerei vor der Karlskirche und für das EURO-2008-Schalumhängen der Philharmoniker entsprechende Summen geflossen?

"Botschaften optimieren"

Wie weit der ORF schon im Schleichwerbestrudel gefangen ist, zeigt ja auch die Gründung einer eigenen Enkel-Gesellschaft für sogenannte "Sonderwerbeformen". So wird nämlich im ORF Schleichwerbung umschrieben. Nach Mitteilung des Branchenblattes "Horizont" soll dadurch erreicht werden, "...dass die Projektmanager für die Sonderwerbeformen näher an die einzelnen Redaktionen rücken, sodass die Verzahnung von redaktionellen Inhalten und Werbebotschaften optimiert wird". Was wohl nichts anderes heißen kann, als dass die redaktionelle Berichterstattung, also die Arbeit von unabhängigen, objektiven Journalisten, systematisch von Werbebotschaften unterwandert wird.

Und das im öffentlich-rechtlichen ORF. Bei Privatsendern und auch bei der großen Mehrheit der Printmedien ist es ohnehin schon Usus, die Medienkonsumenten an der Nase herumzuführen und ihnen Werbebotschaften als redaktionelle Kost zu verkaufen. Sehr oft passiert dies unter Inkaufnahme von Gesetzesverstößen, weil die vorgeschriebene Kennzeichnung solcher entgeltlicher, redaktionell anmutender Beiträge mit den Worten "Werbung", "Anzeige" oder "entgeltliche Einschaltung" nicht erfolgt.

Der Schleichwerbebrei ist ist zähflüssig: Er firmiert unter "Produktionskostenzuschuss", "Druckkostenbeitrag", "Product-Placement", "Patronanzbeitrag", "Advertorial", "Medienkooperation", "Sonderwerbeform" oder unter sonstigen Phantasienamen - nur ja nicht als Werbung, denn als solches soll es der für blöd verkaufte Medienrezipient nicht erkennen. Und da fast alle Medien solches praktizieren, wird auch kaum darüber berichtet (von Einzelfällen wie dem STANDARD-Interview mit dem Medienrechtler Hans Peter Lehofer abgesehen).

Armutserklärung für die Werbebranche

Das ganze ist auch eine Armutserklärung für die Werbebranche, da die vielgerühmten Kreativen offenbar oft nicht kreativ genug sind, um gute, klar erkennbare Werbung zu machen. Dabei kommen insbesondere die anständigen Öffentlichkeitsarbeiter und der seriöse Journalismus unter die Räder, da eigenständige Berichterstattung zunehmend eingeschränkt wird. Unter vier Augen schütten einem Journalisten manchmal ihr Herz aus: Der Druck auf redaktionelle Inhalte werde immer größer, vom Herausgeber, der Inseratenabteilung, den Inserenten, etc.

Aber keine Journalistengewerkschaft, keine Arbeiterkammer, kein Redakteursrat regt sich darüber auf. - auch keine engagierten ORF-Journalisten, die sonst bei jeder Politikerintervention laut aufschreien. Entweder sie haben allesamt Angst um ihre Jobs oder sie sind selbst im Schleichwerbungs-Dickicht gefangen. Und die Medienkonsumenten haben offenbar keine Interessenvertretung. Viele bezahlte Inhalte fallen selbst erfahrenen Insidern gar nicht auf, sondern werden als journalistische Kost konsumiert.

Was tun?

Was wäre also zu tun gegen diese sauren Wiesen in der Medienlandschaft? Bei den elektronischen Medien gibt es ja Instanzen, die diesen Wildwuchs zu kontrollieren haben - bzw. hätten.

Und bei den Printmedien gibt es ein System der Medienförderung, das ohnehin reformbedürftig ist. Warum wird nicht die Einhaltung von ethischen Standards - also etwa des § 26 Mediengesetz, der die Schleichwerbung regeln soll - zur Bedingung für die Gewährung von Medienförderung gemacht? Wer also Medienförderung bekommen will, hat sich an die Grundregeln seriöser journalistischer Arbeit zu halten. Dies würde nicht nur den Medienkonsumenten und dem Ruf des Journalismus nützen, es wäre auch ein wesentlicher Beitrag zu mehr Demokratie und mehr kritischer Auseinandersetzung mit der Vierten Gewalt im Staate. (Franz Bogner/DER STANDARD; Printausgabe, 16.1.2008)

Zur Person
Franz Bogner ist Lehrbeauftragter für Kommunikationsmanagement an der Uni Wien und Ex-Präsident des Public Relations Verband Austria.

Nachlese
ORF verteidigt Bezahlung für Neujahrskonzert-Pausenfilm

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»Posting 1 bis 25 von 26
1 2
ktee fresh
18.01.2008 11:05
!

Pfui- Bogner

Azamat Bagatov
31.01.2008 10:43
Armer alter Mann.

gridomo  
16.01.2008 18:55

Bei vielen Journalisten lautet die Motivation wohl Kollaboration.

So als Anekdote: Rief ein Wirtschaftsjournalist einer angesehenen österreichischen Tageszeitung die für eine gewisse Schimarke zuständige PR-Assistentin an und äußerte seinen Wunsch einer Werksbesichtigung zu einem bestimmten Termin. Gab in diesem Gespräch auch bekannt, daß seine Freundin mitkommen würde und welche Schi beide gerne hätten.

Ist Jahre her. Gehe aber wetten, der Journalist fährt auch heuer wieder nagelneue Schi.

Ich behaupte auch nicht, daß alle mitmachen. Aber die die es nicht tun werden sich hüten...

Element Dawn Productions
16.01.2008 12:12
PR-Texter

Der Journalismus heute ist, speziell in Historyland Austria, ein PR-Textübung: Journalisten sind willige Vollstrecker ihrer Keiler und deren Hochleistungsfreunderlwirtschaft. Eloquente Argumentation, theoriefeste Diskussion und konsequente Streitkultur sind tatsächlich Staatsfeinde.Investigativer Journalismus kann hierzulande mit dem Elektronenmikroskop gesucht werden.
http://elementdawnproductions.blog.de/

Hilmar im Abseits
16.01.2008 16:29
find ich lustig,

dass bogner das ausgerechnet dem standard vorjammert, der selbst einer der erfinder der sagenhaften "advertorials" hierzulande ist.

tatsache ist: plumpe pr ist schlecht, gut gemachte schleichwerbung aber hilft projekte zu finanzieren.

der postbote
16.01.2008 11:06
ich fürchte, dass herr bogner in einem punkt schon immer geirrt hat:

public relations (und werbung sowieso) hatten niemals das von ihm wie ein mantra runtergebetete ziel "objektiv zu informieren", sondern immer den verkauf zu steigern. das ist auch die einzige rechtfertigung für die gesamte branche.

gridomo  
17.01.2008 14:13
Zu ihrem nicht veröffentlichten Posting:

Hörensagen ist gut. Ich bin bei dem Gespräch direkt
daneben gesessen.

Und ich habe eine Menge ähnlicher (wenn auch nicht viertel so krasser) Fälle innerhalb von wenigen Monaten mitbekommen.

"Sache der Unternehmen ob sie was herschenken"... ich hör wohl nicht recht?

hechtel mechtel
08.04.2008 23:15
jetz tuns doch nicht so heilig!

sie haben sicherlich noch nie presseinformationen auf einem USB-stick erhalten und den dann später privat verwendet. die werden zur sicherheit gleich alle verbrannt ...

der postbote
17.01.2008 15:20
und nochmal zum herschenken: ja, in der tat

ist es sache der unternehmen, was sie mit ihrem kram machen. in aller regel kriegen journalisten folgende "geschenke":

- firmenbroschüren (und zwar soviele p.a., dass sei damit einen ganzen monat heizen können)
- kugelschreiber
- notizblock
- brötchen (wahlweise mit salami, schinken oder eiaufstrich)
- dünnen kaffee
- mineralwasser
- manchmal fällt soagr ein mittagessen ab
- und wenn es hoch her geht mal ein do&co buffet am abend
- und weihnachten, ostern und geburtstag zusammen ist: eine reise (idr 1-2 tage), vollgepackt mit präsentationen, terminen, interviews...

lauter dinge, für die jeder journalist bereitwillig auf objektive berichterstattung vergisst und firmenpropaganda veröffentlicht - har, har, har...

gridomo  
17.01.2008 15:52
Zu ihrem anderen bislang auch nicht veröffentlichten Posting:

Nein, ich bin neben der PR-Assistentin gesessen und habe das Gespräch ganz genau mitverfolgen können.

Falls Sie weiterhin den Inhalt dieses Gesprächs in Zweifel ziehen wird es langsam ein bissl mühsam...

Grundsätzlich: Derart unverschämte Kameraden sind sicher eine Ausnahme. Kleine Schnorrer, die technische Gimmicks zu "Testzwecken" anfordern, gibt es jedoch wie Sand am Meer.

Und wie Sie da zu Ihrem Lied des unbekannten Journalisten anheben, könnten einem glatt die Tränen kommen.

Ich würde mir da eher Gedanken darüber machen, was man tun könnte um das Niveau des österr. Journalismus zu heben.

agent_spy
16.01.2008 13:32
Sie wissen...

wovon Sie sprechen?

Bitte vergessen Sie nicht, dass ein (ehem.) PRVA Präsident per Definition argumentieren sollte.

Er ist halt ein elder statesmen der Public Relations in Österreich ;)

der postbote
16.01.2008 15:09
ich denke, ich weiß sehr gut, wovon ich spreche

und das pr keine nettigkeitsveranstaltung ist, ist meine feste überzeugung

agent_spy
16.01.2008 16:13
Bitte um Klärung

Was verkauft dann zB die MA48? Die machen auch PR in eigener Sache...

oder meinten Sie mit "Verkauf steigern" ebenso das eigene Image, somit sich selbst (also Organisation) verkaufen?

Das PR "heilig" ist, behaupte ich nicht ;)

Scully
16.01.2008 09:43

schleichwerbung hat's schon immer und wird's immer geben. na und?!?

gridomo  
16.01.2008 18:48

Haben'S das auffällige "manche" im ersten Satz überlesen? Er hält an der idealisierten Sichtweise fest, daß seine Branche an sich eine höchst ehrenwerte ist, es jedoch einige schwarze Schafe gäbe...

Das nennt sich Schwarz-Weiß-Blindheit.

Der Artikel ist lediglich eine komisch verhaltene Form von Eigenwerbung eines Verbandes.

inge1001
21.01.2008 10:24
was wäre der journalismus ohne pr?

worüber würden sie den schreiben? wovon würden sie leben?
recherchejournalismus gibts ja nicht mehr.

sabine hundstrümmerle
16.01.2008 08:40
und wenn das schwein flügeln hätt, könnts fliegen.

Ruth Schlabbeeritzka-Pangl
16.01.2008 07:15
"Inkaufnahme von Gesetzesverstössen"

Und, was passiert bei einem "Gesetzesverstoss"? Die werden höchstens bitterböse abgemahnt, und das war's. Das kann ja niemand ernst nehmen.
Wie wär's mit wirklich wirksamen Strafen, z.B. 3 Tage Sendeverbot für jeden Verstoss? Ich wette, dass dann der Unfug sofort eine Ende hätte!
Aber, leider ist's wie immer: Wirklich wirkungsvolle Strafen "kann ma ja net machen..."!

Richard Pyrker   
16.01.2008 01:30
Bogner im Studenten-Interview

Aua!! Herr Bogner ist an der FHWien, nicht an der UniWien. Dafür gibts dort im Studenten-Weblog KOMMPress ein aktuelles Interview mit Bogner inkl. Originalton im Podcast und Fotos.

Bogner: "Ich wurde ja schon öfters bedroht"
http://kommunity.twoday.net/

der postbote
16.01.2008 11:03
ist er nicht mehr vortragender beim pr-lehrgang der uni wien?

Richard Pyrker   
16.01.2008 11:17

ob er dort noch unterrichtet, ist eine gute Frage, aber - "Kommunikationsmanagement" nennt sich das Institut an der FHWien

Queen of Sheba 
16.01.2008 01:03
Im ORF haben die Kinder schon immer mit Fischstäbchen zählen gelernt.

Sonder(bare) Werbeformen eben.

red rat
15.01.2008 21:40
dinosaurier

der gut bogner war schon 1991, als er an der werbeakademie mit seinem damals (zwangsweise) zu erwerbenden pr-buch unterrichtete, schon ein hoffnungsloses auslaufmodell.

traurig, dass er trotz der möglichkeit, über die letzten jahre wissen aufzuholen, immer noch im trüben fischt. noch dazu im bereich klassischer werbung, below the line und elektronische medien. da hat(te) er ja erst recht keine ahnung.

Blutarsky
16.01.2008 08:49
Ich gebe Ihnen vollkommen recht

Was man bei Bogner gelernt hat und wie die Realität aussieht ist einfach 180 Grad. Dinosaurier statt Curryfee. Ich muss mal wieder zum Lachen das Buch aufschlagen! 10 Punkte.....

Interessent
15.01.2008 22:43

Mag sein, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Fachlich - in seinem Bereich - dennoch eine "Curryfee". Mit seinem Befund liegt er sicher nicht ganz falsch. In nur einem Punkt möchte ich ihm widersprechen: Nicht den Kreativen von Werbeagenturen fällt nichts Besseres als Schleichwerbung ein, sondern gefinkelte PR-Freunderlwirtschaftler fädeln diese ein. Kein Wunder, dass so oft in Stellenanzeigen für PR/Kommunikationsleute von "besten Kontakten zu Medien" die Rede ist.

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