Sozialistische Sehnsuchtsklänge

21. Jänner 2008, 14:14
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Brigitte Fürle punktet mit dem Theaterfestival "spielzeit: europa" in Berlin

Gegenüber Grzegorz Jarzynas mit filmischen Thrill-Effekten aufgeladener Medea-Adaption – ein Gastspiel des Berliner Burgtheaters mit Sylvie Rohrer als Medea – schien das Berliner Publikum merkwürdig reserviert. Ob es vom Pathos der Aufführung überwältigt war oder dagegen eine Reserve aufgebaut hatte? Schwer auszumachen. In das Berliner Programm von spielzeit: europa passt die neu für die große Berliner Bühne adaptierte Inszenierung mit ihrem genauen filmischen Realismus allerdings ziemlich gut.

Seit die Österreicherin Brigitte Fürle die künstlerische Leitung von spielzeit: europa übernommen hat, etabliert sich die traditionsreiche, in den 1990er-Jahren geschlossene "Freie Volksbühne" in der Westberliner Schaperstraße – nun "Haus der Berliner Festspiele" genannt – wieder als feste Einrichtung. Mit einem eigenständigen, über das ganze Jahr gestreckten Programm entsteht hier, ganz konträr zum hastigen Tourneezirkus, ein Ort, an dem Fürle auf "Entschleunigung und Verlangsamung" setzt. Sie schwärmt von den Arbeitsbedingungen des Hauses, den langen Probezeiten, dem Zeitluxus, der ihr hier zur Verfügung stehe. Deshalb nähmen nun auch mehrere internationale Gastspielproduktionen ihren Ausgangspunkt in Berlin.

"Verlangsamung" bestimmt auch inhaltlich das Programm, das unter dem Motto "Paradies jetzt" die Wahrnehmung des Zuschauers zu schulen scheint, ihn staunen lassen soll.

Heiner Goebbels schauspiellose Musik-Maschinen-Installation Stifters Dinge als Meditation zur Eröffnung war dafür ein eindrucksvoller Beweis, aber auch – in ihrer furiosen Dynamik konträr – die Uraufführung der Produktion von "DV8 Physical Theater" To be straigth with you, getanzt über 85 Interviews, meist im O-Ton, zum Thema Sexualität und Religion. Nicht nur Jarzynas Medea aus Wien, auch eine neue tief berührende Produktion des Letten Alvis Hermanis wurde freilich von manchen Kritikern unter Kitschvorbehalt gestellt und auf diese Weise abgewehrt. Doch so liebevoll verklärt, so poetisch und sentimental ist wohl noch selten das Lebensgefühl irgendwelcher Eltern von deren eigenen "Kindern" rekonstruiert worden.

Mit Dutt und Datenträgern

"Ein Konzert von Simon & Garfunkel 1968 in Riga, das nie stattgefunden hat", nennt Alvis Hermanis seinen Abend. Nachgeholt wird das Konzert allerdings nicht, das ist nämlich gar nicht nötig. Der Geist der "Roaring Sixties" habe durchaus auch hinter dem Eisernen Vorhang sein belebendes Wesen entfaltet: genau die gleichen Bücher wie im Westen, in die man sich lange vertiefte; vielleicht etwas merkwürdige Drogen, an denen man saugte, doch genau die gleichen Frisuren, Koteletten und Dutts – und vor allem die gleiche, oft unerträglich süßliche Musik von Simon und Garfunkel: nur dass man sie im Baltikum mit langen Antennen in abenteuerlichen Armverrenkungen einfangen musste.

In fünf Wohnungen wird von 14 durchwegs ausdrucksstarken Schauspielern wortlos – in immer wieder neu verblüffender Retro-Ausstattung – sozialistischer Alltag nachgespielt. Man lernt einander kennen, heiratet, wechselt die Partner, spielt die Reifeprüfung oder Antonionis Blow up nach, während – oft unterbrochen vom Rauschen – aus Gurkengläsern, Antennen oder Büchern Simon-&-Garfunkel-Songs als Sehnsuchtsklangtapete ertönen.

Sound of Silence ist genüssliche Regression, in eine Traumzeit, die nach Hermanis völlig unpolitisch gewesen sei und gegenüber der ein "leichtes Gefühl von Eifersucht" aufkomme, eine Harmoniesucht, die fast schon ins Provokatorische umkippt. Hermanis publikumswirksame Retro-Show wird im Juni 2008 bei den Wiener Festwochen zu sehen sein. (Bernhard Doppler aus Berlin/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 1. 2008)

  • Brigitte Fürle, vordem bei den Wiener Festwochen, in Frankfurt und in Salzburg tätig, belebt Berlins Theaterszene.
    foto: berliner festspiele

    Brigitte Fürle, vordem bei den Wiener Festwochen, in Frankfurt und in Salzburg tätig, belebt Berlins Theaterszene.

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