Analyse: Die zerbrochene Reagan-Koalition

5. Februar 2008, 23:55
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Republikaner scheinen ratlos - Franktionen werden sich auch bei Vorwahlen in Michigan nicht auf gemeinsamen Kandidaten verständigen

Die Republikaner, die „große alte Partei“ mit dem Elefanten als Wappentier, scheinen in dieser Wahlauseinandersetzung ratlos. Die Fraktionen der Partei werden sich auch bei den Vorwahlen in Michigan nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten verständigen.

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„Irgendwie geht es drunter und drüber bei den Republikanern“, erkannte der Bestsellerautor Garrison Keillor schon vor Jahren mit der ihm eigenen sarkastischen Note. Früher sei das die Partei pragmatischer Geschäftsleute gewesen, die Partei seriöser Männer mit Nickelbrillen, die sich ihren Gemeinden verpflichtet fühlten, die Verschwendung anprangerten und für eine Art von Wohlstand eintraten, wie er „ausnahmslos alle Schiffe anhebt“. Und heute? „Republikaner: Der wichtigste Grund, warum der Rest der Welt glaubt, wir Amerikaner seien taub, tumb und gefährlich.“

Tiefes Dilemma

Wer es zugespitzt mag, der lese Keillor. Der Satiriker, dies als kleines Detail am Rande, stammt aus St. Paul, oben in Minnesota am Mississippi gelegen. Es ist zufällig dieselbe Stadt, in der die Konservativen auf einem Kongress im September ihren Spitzenmann fürs Weiße Haus zu küren gedenken. Aber wen? John McCain? Mitt Romney? Mike Huckabee? Rudy Giuliani? Dass sich bis dato kein klarer Favorit herausschält, hat mit einem tieferen Dilemma zu tun.

Die Koalition, die einst die drei Flügel der Konservativen zusammenhielt, ist zerbrochen. Es war Ronald Reagan, der die drei Strömungen am wirksamsten vereinte, erstens die Religiösen, sozial Konservativen, zweitens die Befürworter militärischer Stärke, drittens die Business-Fraktion, fixiert auf einen schlanken Staat und niedrige Steuern. Die „Reagan Coalition“ zahlte sich aus. Immerhin stellten die Republikaner in den vergangenen 28 Jahren 20 Jahre lang den Präsidenten, nur unterbrochen von den beiden Amtsperioden Bill Clintons.

George W. Bush schwächte das Bündnis

Auch George W. Bush profitierte noch von dem breiten Bündnis. Obwohl er es war, der es entscheidend schwächte. Unter ihm kippte die Balance, verschoben sich die Gewichte zugunsten strengreligiöser Moralisten, wie sie im „Bibelgürtel“ der Südstaaten den Ton angeben.

Die Maschine, die Reagan baute, „sie bedeutet vielen Leuten nicht mehr sehr viel“, bilanziert Ed Rollins, ein früherer Reagan-Berater, der heute den Wahlkampf Mike Huckabees leitet. Lamar Alexander, ein Senator aus Tennessee, beklagt ganz generell den ausgelaugten Zustand seiner Partei. „Was wir sagen, klingt abgestanden. Wir wiederholen die Worte der Achtzigerjahre, statt nach vorne zu blicken.“ Richard Lowry, Chefredakteur des konservativen Magazins „National Review“, beklagt die schwache Qualität einer Debatte, die sich um das Gestern drehe. „Es geht nur darum, wer was falsch gemacht hat in den letzten sieben Jahren.“ Bedenklich sei das, signalisiere es doch, dass den Republikanern der intellektuelle Dampf ausgehe.

Beispiel Klimawandel. Bush hat ein Thema, das die Wähler bis weit hinein in die republikanischen Reihen besorgt, jahrelang ignoriert, ehe er ein paar Lippenbekenntnisse folgen ließ. Das Versprechen, es anders zu machen, gehört zu den Gründen, die Huckabees kometenhaften Aufstieg erklären. Auf den Schutz der Schöpfung pochend, verlangt der Ex-Pastor aus Arkansas angesichts der Erderwärmung schnell zu handeln.

Populistische Töne

Trotz seines Neuigkeitswerts, trotz seiner kumpelhaften, oft populistischen Töne: Im Kern steht Huckabee, ein Mann, der verneint, dass der Mensch vom Affen abstammt, nur für einen Flügel der Reagan-Koalition, für gläubige Christen. Romney, Sohn eines Automobilunternehmers und millionenschwerer Investmentbanker, weiß die Wall Street mit ihrem Geld hinter sich. McCain, Spross einer Admiralsfamilie, fünf Jahre Kriegsgefangener in Vietnam, spricht für jene, die Amerikas Militärmacht beschwören – ähnlich wie Giuliani, der sich zudem als eifrigster Steuersenker zu profilieren versucht.

Einer wird das Rennen machen, einer muss sich auf die alte Faustregel des Reagan’schen Pakts besinnen. Die besagt, dass einerseits die Business-Fraktion Mehrheiten nur dann gewinnt, wenn sie die „values voters“ (die Werte-Wähler) auf ihre Seite zieht. Und dass andererseits die „values voters“ nur dann eine regierungsfähige Riege stellen, wenn sie sich des Sachverstandes der Business-Fraktion bedienen. Welcher der vier halbwegs aussichtsreichen Bewerber die zerstrittene „Grand Old Party“ bis zum Wahlfinale zusammenschweißen kann, steht in den Sternen. Was auffällt, ist, wie sehr sich die Favoriten anstrengen, ihre Klientel zu erweitern. Huckabee gibt sich, neben allem Evangelikalen, immer stärker als Kämpfer für die Interessen der gebeutelten Mittelklasse. McCain wiederum buhlt um die Gottesfürchtigen, die ihn 2000, im Duell mit Bush, scheitern ließen. Die USA, betont er demonstrativ, „sind eine christliche Nation“. (Fran Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe 16.1.2008)

  • Die Republikaner, die „große alte Partei“ mit dem Elefanten als Wappentier, scheinen in dieser Wahlauseinandersetzung ratlos.

    Die Republikaner, die „große alte Partei“ mit dem Elefanten als Wappentier, scheinen in dieser Wahlauseinandersetzung ratlos.

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