Die Dringlichkeit der Middleclass

21. Jänner 2008, 14:12
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Forcierter Schrammel­rock und die Beobachtungen eines Kulturasylanten: Der in England lebende Wiener Musikjournalist Robert Rotifer veröffentlicht das Album "Coach Number 12 Of 11"

Demnächst tourt er mit seiner Band durch Österreich.

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Wien – Es ist eine etwas seltsame Situation: Ein Musikjournalist interviewt einen anderen singenden und gitarrespielenden Musikjournalisten. Das ist ein wenig so, als würde ein nichtsingender Fußballer einen singenden Fußballer interviewen. Wobei der qualitative Unterschied zwischen, sagen wir, Hans Krankl oder Toni Polster zum Musiker Robert Rotifer mindestens so groß ist, wie der Unterschied zwischen dem Fußballer Rotifer zu Toni oder Hanse. Weil das also ein bisserl eigen ist, wird der Ball gleich einmal abgegeben. Frage: Wie würde Robert Rotifer, Musikjournalist bei FM4 und Popsachverständiger für diverse heimische und deutsche Blätter, den Musiker Rotifer beurteilen?

Rotifer nach einer längeren Pause: "Der würde, glaub ich, sagen, dass viele Ansätze da sind, die nicht konsequent durchgezogen werden. Aber das ist natürlich eine schwierige Frage. Meine Frau hat einen iPod, da spiel ich mir vor Interviews oft Sachen rauf, und da sind auch meine Alben drauf, die ich dann seit Jahren zum ersten Mal wieder höre. Da gibt es dann Sachen, bei denen man sich denkt, das hätte ich gerne noch einmal gesungen. Aber das geht wahrscheinlich allen Musikern so. Die, mit denen ich rede, die halten es gar nicht aus, die eigene Musik zu hören. Aber ich glaube, dass der Kritiker – und wenn's nicht so wäre, wäre es ja ein Desaster! – mit der neuen Platte am zufriedensten wäre."

Diese heißt Coach Number 12 Of 11 und ist eine sympathische Platte aus dem sympathischen Genre des Schrammelrock. Also gitarrenlastige, poppige Rockmusik, die bei einem Kulturasylanten wie Rotifer einer ist, eine entsprechende Tendenz aufweist. Rotifer: "Das Album hat viele regressive Sixties-Dinge. Regressiv ist das Schlüsselwort. Es ist eine fast unverschämt regressive Platte. Eine zügige Gitarrenrockplatte, die ich immer gemocht, aber noch nie gemacht habe."

"Die Sprache des Pop"

Rotifer (38), der ein wenig wie Bill Gates als Paul-Weller-Fan aussieht, lebt seit elf Jahren in England. Zuerst in London, jetzt in Canterbury. Hat sich die Verkrampfung, Englisch zu singen, bereits gelöst? Rotifer: "Nachdem ich mittlerweile zwei Kinder habe, die mit mir nur Englisch reden, gibt es dieses Gefühl, dass ich da was umdrehe, nicht mehr. Ich habe Englisch-Singen immer als internationale Geste verstanden. Ich mag Sachen, die auf Deutsch gesungen sind, aber für mich ist Englisch die internationale Sprache der Popmusik."

Trotz britischer Prägung, die nicht zu gering aus dem kinksschen Universum kommt, eröffnet das Album aber transatlantisch mit einer countryesken Nummer, die recht deutlich Jonathan Richmans Instrumental Egyptian Reggae zitiert.

Rotifer: "Ich habe mit großer Verspätung den Film I Walk The Line (eine Johnny-Cash-Biografie, Anm.) angeschaut und mir gedacht, warum habe ich eigentlich nie diesen Zugrhythmus verwendet? Den habe ich dann ausprobiert, und es wurde sofort ein Song daraus."

Die Gefahr, dass Rotifer demnächst auf Cowboy umsattelt, besteht dennoch nicht. Das Britische scheint für ihn ähnlich dauerfaszinierend zu sein, wie es New York für Woody Allen ist – mit allen Höhen und Tiefen, die derlei Obsessionen begleiten. Rotifer: "Ich bin in ja in England in einer unfassbar privilegierten Situation, weil ich nicht in einer englischen Firma arbeiten muss. Ich glaube, ich würde das keinen Tag aushalten. Die machen alle irrsinnige Überstunden, haben irrsinnigen Arbeits- und Statusdruck. Das ist ein Grund, warum Popmusik von dort so gut ist, weil sie eine Dringlichkeit besitzt, die nicht nur aus dem bekannten Klischee 'Werde ich Fußballer, Verbrecher oder Popmusiker?' kommt, sondern vor allem auch versucht, aus diesem Berufsleben rauszukommen. Deshalb macht auch die Middleclass sehr gute Popmusik in Großbritannien, weil sie in einem unerträglichen Leben lebt. Insofern führe ich eine Parallelexistenz, indem ich so herumfreelance. Damit verdiene ich zwar viel weniger, aber ich kann mich dafür aus den ungustiösen Dingen ausklinken." Dass er vom Ungustiösen weitgehend verschont bleibt, mag den – bei aller auch hier spürbaren Dringlichkeit – entspannten Charakter des Albums mit ausmachen. Es ist geradlinig, gönnt sich aber kleine, verspielte Eilande, die wesentlich seinen Charme bestimmen. Und es wirkt gänzlich unkarrieristisch.

Letzte Frage an den Musiker im Journalisten: Wann ist ein Album ein gutes Album? Rotifer: "Wenn man es anhören kann, ohne an sich selbst denken zu müssen."

Als von dieser Bürde Befreiter kann man ganz einfach sagen: Es ist toll! (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 1. 2008)

Rotifer: Coach Number 12 of 11 (Wohnzimmer Rec./Hoanzl)

Rotifer live:
  • 31. 1. Philiale Gartenbaukino, 1., Parkring 12. 21.00
  • 1. 2. Stadtwerkstatt, 4040 Linz, _Kirchengasse 4. 20.00
  • 2. 2. Volkshaus Klagenfurt, 9020 Klagenfurt, Südbahngürtel 24. 20.00
  • Entspannt und dringlich zugleich: Der Popjournalist und Musiker Robert Rotifer  veröffentlicht mit "Coach Number 12 Of 11" sein bisher bestes Album. Demnächst tourt er mit seiner Band durchs Land.
    foto: hoanzl

    Entspannt und dringlich zugleich: Der Popjournalist und Musiker Robert Rotifer veröffentlicht mit "Coach Number 12 Of 11" sein bisher bestes Album. Demnächst tourt er mit seiner Band durchs Land.

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