Atompilz im Frühstücksfernsehen: Künstlergruppe droht Gefängnisstrafe

8. April 2008, 19:21
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Aktivisten manipulierten Wetterkamera: TV-Sender klagt wegen Verbreitung falscher Informationen und Panikmache

Bis zu drei Jahre Haft könnten den sieben Mitgliedern einer tschechischen Künstlergruppe bevorstehen, die sich wegen der Manipulation einer Wetterkamera des tschechischen Fernsehens vor Gericht verantworten müssen. Der Prozess im nordböhmischen Trutnov beginnt am 25. März.

Die Mitglieder des Künstlerkollektivs Ztohoven hatten sich im Juni des Vorjahres Zugang zu einer auf einem Dach in der Nähe des Dorfes Cerny Dul installierten Wetterkamera verschafft und spielten statt des Bergpanoramas ein vorbereitetes 30-Sekunden-Video ein.

Das Bild unterscheidet sich zuerst nicht von den üblichen Landschaftsaufnahmen, nur der unten eingeblendete URL deutet auf eine Manipulation hin. Dann überstrahlt ein Lichtblitz den Bildschirm, als dieser verblasst, ist am Horizont ein Atompilz zu sehen.

Weniger als 50.000 Zuseher, gibt Martin Krafl vom Fernsehsender CT2 an, sahen die manipulierten Bilder am Sonntagmorgen. Trotzdem meldeten sich einige besorgte Anrufer, die wissen wollten, ob die Explosionswolke auf einen Atomkrieg oder ein Gasgebrechen zurückzuführen sei. Der Sender erstattete umgehend Anzeige: das Video sei geeignet gewesen, "in großen Bevölkerungsteilen Panik auszulösen", so Knafl.

Spekulationen, die Aktion stehe in Zusammenhang mit der aktuellen Drohung Russlands, Mittelstreckenraketen auf den Standort des geplanten US-Radars in der Tschechischen Republik zu richten, bestreitet Roman Tyc, ein Mitglied des Kollektivs, im Gespräch mit derStandard.at. Er rechnet damit, dass sich das Verfahren darauf konzentrieren wird, ob die Zuseher durch die Aktion wirklich erschreckt worden seien.

"Ich glaube, was ich sehe"

Die Künstlergruppe wollte mit der Aktion auf die Manipulierbarkeit von TV-Bildern aufmerksam machen und eine Debatte darüber anregen. Dies ist offenbar gelungen: Jiri Baumruk, der Generaldirektor des Fernsehsenders, war über die Manipulation des Fernsehprogramms empört: "Mit so etwas hat niemand gerechnet. Ich glaube, was ich (im Fernsehen, Anm.) sehe".

Milan Knizag, der Direktor der Tschechischen Nationalgalerie, war hingegen von der Idee begeistert: "Sie sind aus dem Kammerspiel-Kunstterritorium ausgebrochen und haben den öffentlichen Raum erreicht mit dem Ziel, die Gesellschaft in provokanter Weise zu konfrontieren", sagte er bei der Verleihung des neu geschaffenen NG 33-Preises für junge Künstler. Ein Sprecher der Aktivisten gab an, das Preisgeld von 12.644 Euro werde wohl für Anwaltskosten ausgegeben werden.

Reaktionen aus der ganzen Welt

Roman Tyc ist mit den öffentlichen Reaktionen auf das Projekt zufrieden: schließlich sei es das Ziel jedes Künstlers, Aufmerksamkeit zu erregen, gibt er im Gespräch mit derStandard.at an und verweist darauf, dass sich im Forum auf der Webseite des Kollektivs Beifallsbekundungen und Journalistenanfragen aus der ganzen Welt sammeln.

Mittlerweile zirkuliert im Internet eine Parodie des Ztohoven-Videos. Nachdem der Text "Mitteilung an die Tschechen: hier stand das Radar. Denkt darüber nach. – Vladimir (Putin, Anm.)" über den Bildschirm läuft, ist darauf die Hymne der Russischen Föderation zu hören. (Berthold Eder, derStandard.at/15.1.2008)

  • Die Bilder einer mutmaßlichen Atomexplosion verwirrten die Seher des tschechischen Frühstücksfernsehens.
    screenshot: derstandard.at

    Die Bilder einer mutmaßlichen Atomexplosion verwirrten die Seher des tschechischen Frühstücksfernsehens.

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