"Das sind keine Wundermittel"

21. Jänner 2008, 14:27
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Der Markt der Vibrationsgeräte boomt - der Unterschied reicht von "kaum wirksam" bis "medizinische Hoch­leistung": Im Interview der Sportwissenschafter Christian Haas

"Anstrengungsfreies Trainieren gibt es nicht", so der Sportwissenschafter Christian Haas im Gespräch mit Regina Philipp, zu den versprochenen Wirkungen von Vibrationsgeräten im Fitnesscenter. Wie Vibrationen medizinisch tatsächlich sinnvol genützt werden können erklärt der Experte im Interview.

derStandard.at: Den Vibrationsgeräten werden viele Effekte nachgesagt. Was bewirkt Vibration tatsächlich?

Haas: Vibrationsreize bewirken im Körper sehr viel. Knochen und Muskeln reagieren ebenso, wie das Nerven- und Hormonsystem. Leider sind diese Reaktionen nicht immer positiver Natur. Es gibt eine Reihe von Krankheitsbildern die allein durch Vibrationen ausgelöst werden können.

Menschen, die permanent an vibrierenden Geräten arbeiten verlieren im Laufe der Zeit ihre Wahrnehmungsfähigkeit. Durchblutungsstörungen bis hin zu Amputationen von Gliedmassen können die Folge sein. Im Bereich der Arbeitsphysiologie beschäftigt man sich schon lange sehr intensiv mit den schädigenden Wirkungen von Vibrationen auf den menschlichen Organismus.

derStandard.at: Das heißt diese Fitnessgeräte sind gefährlich?

Haas: Vibrationsgerät ist nicht gleich Vibrationsgerät. Grundsätzlich muss man zwischen zwei Vibrationsformen unterscheiden. Es gibt Geräte, die mit sinusförmigen, hochfrequenten Vibrationsreizen arbeiten. Hochfrequent bedeutet, zwischen 30 und 50 Wiederholungen pro Sekunde.

Das zweite System arbeitet mit sogenannten stochastischen Resonanzvibrationen. Ihre Grundfrequenz ist niederfrequent. Sie wird jedoch permanent von ständig wechselnden Frequenzen, den stochastischen Anteilen überlagert. Ein Phänomen, dass seit den 1980er Jahren erforscht wird und das bewirkt, dass die Nervenzellen im Körper schneller aktiviert werden.

derStandard.at: Wann verwendet man welches System?

Haas: Im Fitnessbereich werden ausschließlich sinusförmige hochfrequente Verfahren angeboten. Diese Geräte sind vergleichbar mit den vibrierenden Geräten, die in der Arbeitsumgebung auf die Menschen einwirken. Der Schwingschleifer oder die Bohrmaschine sind bekannte Beispiele. Im medizinisch therapeutischen Bereich kommt eher die andere Gruppe, das stochastische Resonanztraining zum Einsatz.

derStandard.at: Angeblich erhöhen die Vibrationsgeräte in den Fitnessstudios völlig anstrengungsfrei die Leistungsfähigkeit. Das klingt doch vielversprechend.

Haas: Anstrengungsfreies Trainieren gibt es nicht, genauso wenig wie es stimmt, dass die Vibration zu einer Aktivierung aller Muskelfasern führt. Diese Apparate sind keine Wundermittel.

Es wäre zu schön, wenn man bereits einen Trainingseffekt hätte, indem man sich im Anzug mit Krawatte täglich fünf Minuten lang darauf stellt. Es kursieren Zahlen, dass man so innerhalb von 14 Tagen einen Maximalkraftzuwachs von 40 Prozent erreichen kann. Nach unseren eigenen Forschungsergebnissen ist dem leider dem nicht so.

derStandard.at: Also überhaupt kein Benefit?

Haas: Wenn man einen Vibrationsreiz auf einen menschlichen Organismus überträgt, dann kann ein Reflex ausgelöst werden. Das bedeutet ein Teil der Muskulatur, die Muskelspindel wird gedehnt und der Körper reagiert darauf mit einer reflektorischen Kontraktion des Muskels. Es wird also kurzfristig eine muskuläre Aktivität erzeugt und die Durchblutung kurzfristig erhöht.

derStandard.at: Was bringt das dem trainierenden Sportler?

Haas: Im Sport dienen diese Reize vor allem dem Aufwärmen oder können als ergänzende Trainingsmaßnahme eingesetzt werden. Ein konventionelles Ausdauer- oder Krafttraining ersetzen diese Vibrationsmethoden nicht. Ein wichtiger Aspekt ist noch, dass die Reize immer nur in kurzen Serien, wenige Sekunden lang bis maximal eine Minute, durchgeführt werden.

derStandard.at: Warum so kurz?

Haas: Wenn man diese hochfrequenten Vibrartionsreize länger auf den Körper einwirken lässt, dann kommt es sehr schnell zu Fehlwahrnehmungen, so genannten kinästhetischen Illusionen. Der Körper kann diese Reize nicht richtig interpretieren, deshalb fühlt man beispielsweise, als ob das Bein in anderen Position wäre, als es eigentlich ist. Konsequenz daraus, ist eine negative Beeinflussung der Koordinationsfähigkeit.

derStandard.at: Was ist mit Anregung der Fettverbrennung, Anti-Aging Effekten und Cellulite Abbau. Ist das alles Humbug?

Haas: Bezüglich dieser Punkte kann ich nur sagen ohne Fleiß kein Preis. Plastisch ausgedrückt, hat man nur dann gute Trainingseffekte, wenn man sich die Geräte auf den Rücken schnallt und damit spazieren geht oder Treppen steigt.

derStandard.at: Was ist mit der anderen Variante, dem stochastischen Resonanzprinzip. Wo wird es im Bereich der medizinischen Rehabilitation eingesetzt?

Haas: Hauptsächlich wird es bei Bewegungsstörungen und Krankheitsbildern verwendet die das Nervensystem betreffen. Neurodegenerative Erkrankungen, wie der Morbus Parkinson oder die Multiple Sklerose.

Hilfreich ist es auch für Menschen, die bei einem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben, oder nach einem Schlaganfall querschnittsgelähmt sind. Allen gemeinsam ist ein Bewegungsdefizit, das in der Regel zu einem Teufelskreis führt.

derStandard.at: Zu welchen Problemen führt das Bewegungsdefizit?

Haas: Wenn man keine Muskeltraining macht, dann bildet sich die Muskulatur zurück und ähnliches passiert auch im Nervensystem. Das heißt wenn Nervenzellen nicht laufend aktiviert werden, dann sterben sie ab. Mit dem Stochastischen Resonanzsystem kann man diesen Teufelskreis umgehen. Die zugeführten Vibrationsreize bewirken im Körper kurzfristig relativ starke muskuläre und neuronale Aktivitäten.

derStandard.at: Was heißt das für den Patienten in der Praxis?

Haas: Es kommt rasch zu einem besseren Gleichgewicht und einer verbesserten Gehfähigkeit durch die erhöhte Koordinationsfähgikeit. Die Basis dafür bilden längerfristige Anpassungen, nämlich Umbauprozesse im Nervensystem, die durch den stochastischen Resonanzreiz ausgelöst werden.

derStandard.at: Sind die Vibrationen das alleinige Therapieprinzip?

Haas: Gang- und Gleichgewichtsstörungen sind generell medikamentös schwer behandelbar. Die stochastische Therapie allein reicht jedoch nicht aus. Sie muss eingebettet sein in ein komplexes therapeutisches Konzept.

derStandard.at: Der Vibrationsreiz wird auch bei Osteoporosepatienten eingesetzt. Was bringt er da?

Haas: Es gibt hier mehrere Studien mit unterschiedlicher Aussagekraft. Grundsätzlich geht man davon aus, dass ein Vibrationsreiz im Knochen zu einer Dehnung und einer anschließenden Stauchung führt. Der Knochenstoffwechsel wird angeregt und es kommt zu einer Verfestigung des Knochens führt. Tierexperimente haben gezeigt, dass sich die Knochendichte um 390 Prozent erhöht.

derStandard.at: In der Rehabilitation wird das Vibrationstraining durchaus als Vorbereitung für ein Krafttraining verwendet. Dient es auch hier nur der Aufwärmung?

Haas: Wie gesagt in der Rehabilitation wird das Stochastische Resonanzprinzip verwendet. Diese Geräte arbeiten im Gegensatz zu den gängigen Fitnessgeräten mehrdimensional und ihre Frequenz lässt sich variabel einstellen.

derStandard.at: Welche Vorteile bietet es da?

Haas: In der Vorbereitung auf ein Krafttraining macht die Verwendung der Stochastik insofern Sinn, weil die Patienten, wenn sie auf diesen so genannten Zeptoren (SRT) stehen, sich ständig neu einstellen müssen. Sie werden permanent aus dem Gleichgewicht gebracht, viele Muskelgruppen werden dabei aktiviert.

Das nachfolgende Training kann daher auf einem höheren Level stattfinden. In etwa so, als ob sie ein Auto warm fahren und wenn dann die Reifen angewärmt sind, dann können sie bessere Rundenzeiten fahren.

derStandard.at: Wie lange darf man denn auf diesem Zeptor stehen und was bringen die Pausen?

Haas: Pausen sind sehr wichtig, denn durch diese Stochastik wird das Nervensystem sehr schnell überschwellig gereizt, sprich es werden sehr viele Nervenzellen aktiviert. Es ist nicht sinnvoll, wenn die Patienten ermüden.

Das Gehirn ist nicht fähig zu lernen, wenn man ermüdet ist. Es ist also wichtig, dass man nur kurze Serien macht. Am besten fünf Serien hintereinander, jede sollte zwischen dreißig Sekunden und einer Minute dauern. In den Pausen, die genauso lange dauern, kann sich das Nervensystem wieder regenerieren.

derStandard.at: Ist der MFT-Kreisel die nicht motorisierte Variante des Vibrationstrainings?

Haas: Nicht ganz. Der MFT-Kreisel dient mehr dem Gleichgewicht und der Koordination wie der Muskelaktivierung. Beim Vibrationstraining wird der Reiz dem Körper quasi aufgezwungen. Die Muskulatur wird also unwillkürlich aktiv. Beim MFT-Kreisel entsteht der Reiz durch die jeweils durchgeführte Übung auf dem Gerät. Medizinisch betrachtet ist der MFT-Kreisel allerdings für Parkinson- oder Schlaganfallpatienten nur sehr bedingt geeignet, da viele Personen mit schweren Bewegungsstörungen diese Übungen nicht durchführen können." (Regina Philipp, derStandard.at)

  • Flexi-Bar 

Haas: "Dieses Gerät wird von der Person selbst in eine Eigenschwingung versetzt. Diese Schwingung koppelt sich auf die Person zurück und muss von ihr dann ausgeglichen werden. Die Vibrationsreize sind niederfrequent. Als ergänzende Maßnahme im koordinativen Bereich und im Krafttrainingsbereich durchaus praktikabel."
    foto: flexi-sports gmbh

    Flexi-Bar

    Haas: "Dieses Gerät wird von der Person selbst in eine Eigenschwingung versetzt. Diese Schwingung koppelt sich auf die Person zurück und muss von ihr dann ausgeglichen werden. Die Vibrationsreize sind niederfrequent. Als ergänzende Maßnahme im koordinativen Bereich und im Krafttrainingsbereich durchaus praktikabel."

  • Powerplate
Haas: "Eine Platte vibriert hochfrequent. Kritisch betrachte ich liegende und sitzende Positionen, denn der Schwingungsreiz kann so schnell auf den Kopf übertragen werden. Es kann zu Sehschärfeneinbrüchen und im Extremfall zu Netzhautablösungen kommen."
    foto: powerplate

    Powerplate

    Haas: "Eine Platte vibriert hochfrequent. Kritisch betrachte ich liegende und sitzende Positionen, denn der Schwingungsreiz kann so schnell auf den Kopf übertragen werden. Es kann zu Sehschärfeneinbrüchen und im Extremfall zu Netzhautablösungen kommen."

  • MFT Trim Disc

Haas: "Dient mehr dem Gleichgewicht und der Koordination. Schult das Reaktionsvermögen und erhöht die Stabilisierung des Bewegungsapparates."
    foto: mft

    MFT Trim Disc

    Haas: "Dient mehr dem Gleichgewicht und der Koordination. Schult das Reaktionsvermögen und erhöht die Stabilisierung des Bewegungsapparates."

  • Christian T. Haas (35) ist Trainings- und Bewegungswissenschafter an der Johann Wolfgang Goethe-Universität 
in Frankfurt am Main.

Er beschäftigt sich mit den neurophysiologischen Aspekten der Bewegungssteuerung, der stochastischen Resonanz und den mechanischen wie neuronalen Oszillationen im Training.

2002 wurde er mit dem Fresenius Innovations- und Erfinderpreis auf der Medizinmesse Medica in Düsseldorf ausgezeichnet.

    Christian T. Haas (35) ist Trainings- und Bewegungswissenschafter an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

    Er beschäftigt sich mit den neurophysiologischen Aspekten der Bewegungssteuerung, der stochastischen Resonanz und den mechanischen wie neuronalen Oszillationen im Training.

    2002 wurde er mit dem Fresenius Innovations- und Erfinderpreis auf der Medizinmesse Medica in Düsseldorf ausgezeichnet.

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