Am Fuß der Burg rumort es

16. Jänner 2008, 21:54
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Einer der ältesten Stadtteile von Bratislava soll neugestaltet werden - Die Siegerprojekte des Architekturwettbewerbs sind heftig umstritten

Das Gebiet von Vydrica umfasst einen schmalen Streifen von rund zweieinhalb Hektar zwischen dem Burgberg von Bratislava und der Donau. Neben Vydrica lag einst ein anderer Vorort namens Zuckermandel. Durch Vydrica führten parallele Straßen, die mit mäandrischen Gassen verbunden waren. Das Viertel reichte vom heutigen Straßenbahntunnel bis zum Fischmarkt- Platz, der früher Vydrica-Platz hieß.

Es war ein kleiner Stadtteil, wo die ärmsten Bewohner lebten, unter ihnen viele Fischer. Sie hatten kleine, hübsche Häuser. Manche ältere Einwohner von Bratislava erinnern sich, dass Vydrica auch ein Freudenhaus hatte. Für die Stadt hatte das kleine Viertel große Bedeutung. Wahrscheinlich im 13. Jahrhundert wurde dort der bekannte Wasserturm gebaut, bei dem auch die Brückenmaut eingehoben wurde. Um den Turm wurde im Lauf der Geschichte mehrmals gekämpft. Heute steht nur noch seine Ruine.

Die Zerstörung des historischen Viertels, in dem auch viele Juden lebten, begann mit dem Zweiten Weltkrieg. Nach Kriegsende wurde die Zerstörung unter dem kommunistischen Regime vollendet, mit dem Bau der zweiten festen Donaubrücke, der "Neuen Brücke" mit dem Turm-Restaurant, das heute Ufo heißt. Aus der gesamten sogenannten Vorburg sind fast 380 alte Häuser verschwunden.

Im Laufe der Jahre wurde das baum- und strauchbestandene Areal zur Lagerstätte vieler Obdachloser – bis sich die auf Immobilien spezialisierte Privatgesellschaft Zillion des Gebietes annahm. Sie gliederte das Areal in fünf Sektoren mit unterschiedlicher Nutzung und schrieb einen großen internationalen Architekturwettbewerb aus. Mit 46 Einreichungen war die Resonanz jedoch unerwartet schwach. Renommierte Architekten kritisierten die Bedingungen des Wettbewerbs.

Inzwischen stehen die Sieger in allen fünf Sektoren fest, in mehreren Fällen wurden allerdings nur zweite oder dritte Preise vergeben. Drei Preise gingen an italienische Architekten, je einer an ein polnisches und ein slowakisches Büro. Nach der Präsentation der Projekte wurde massive Kritik in der Bevölkerung laut. Inzwischen ist eine intensive Diskussion zwischen Bürgern, Stadtverwaltung, Historikern und Architekten in Gang gekommen, deren Ausgang die endgültige Neugestaltung des Gebiets bestimmen wird.

Kritisiert wird in der Bevölkerung vor allem, dass bei der Prämiierung nur moderne Architektur zum Zuge kam. Der Hauptarchitekt der Stadt Bratislava, Štefan Šlachta, sagte dazu, ein Wiederaufbau des historischen Vydrica sei fast unmöglich. Ein Zurück in die Vergangenheit sei nicht die beste Lösung, und jede neue Epoche brauche auch neue Architektur. Daneben gebe es auch zahlreiche technische Gründe, die gegen einen historischen Wiederaufbau sprechen. Ein Stück Historie werde man imneuen Vydrica aber wiederfinden.

Die in London lebende tschechische Architektin Eva Jiřičná, die in der Jury saß, sagte, das neue Vydrica werde ein Platz sein, von dem andere Städte nur träumen könnten. Vydrica könne dann für Bratislava eine ähnliche Bedeutung erhalten wie die Burg. Der Hamburger Architekt Peter Gero meinte, Vydrica werde "ein Anblick für Götter" sein: "Alle, die nach oder durch Bratislava mit dem Schiff fahren, werden nur auf die linke Seite der Donau schauen und die Architektur bewundern." Die Burg werde aber die Dominante des linken Donauufers bleiben, versicherten die anderen Jurymitglieder. Die Kritik aus der Bevölkerung, von Touristen, Reisebüros und auch von Politikern wurde dadurch allerdings nicht leiser.

Besser haben sich unterdessen die archäologischen Forschungen in dem Gebiet entwickelt. Die Ausgrabungen begannen im Juli 2007 und sollen, nach einer vom Forscherteam beantragten Fristverlängerung, im Februar dieses Jahres abgeschlossen sein. Nicht alle archäologischen Funde konnten bisher historisch zugeordnet werden.

Zu den ältesten Funden zählen nach Angaben der Archäologin Tatiana Štefanovičová kleine Stücke aus dem Altertum. Sie könnten ihrer Meinung nach aus der Hallstattperiode stammen. Leider hat das Team keine anderen Relikte aus dieser Zeit gefunden. Dafür brachten die Ausgrabungen andere interessante Funde zutage, zum Beispiel aus der Epoche der Kelten und des Slawentums, wie Reste einer Hütte aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. Daneben wurden noch ein Keller und gewaltige Steinmauern aus dem 13. oder 15. Jahrhundert freigelegt. (Martina Halušková aus Bratislava/ DER STANDARD, Printausgabe, 15. Jänner 2008)

  • Umstritten: Einer der
ausgewählten Architektenvorschläge
für die Neugestaltung des Viertels
zwischen Burg und Donauufer.
    foto: der standard

    Umstritten: Einer der ausgewählten Architektenvorschläge für die Neugestaltung des Viertels zwischen Burg und Donauufer.

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