"Mein Nabel ist gefallen"

von Patricia Julia Harlfinger  |  14. Jänner 2008, 17:06
  • Artikelbild: Migranten im Krankenhaus sind nicht nur oft traumatisiert und haben Schmerzen, ein zusätzliche Überforderung sind die Sprache und die hier gebräuchlichen medizinischen Standards. Ihr Verlorensein fordert hiesige Ärzte.  - Foto: APA/dpa/Peer Grimm

    Migranten im Krankenhaus sind nicht nur oft traumatisiert und haben Schmerzen, ein zusätzliche Überforderung sind die Sprache und die hier gebräuchlichen medizinischen Standards. Ihr Verlorensein fordert hiesige Ärzte.

Andere Länder, andere Sitten - Migranten im Spital sind oft überfor­dert - Kultursensible Medizin ist ein Konzept, das Missverständnisse im Krankenhaus zu vermeiden hilft

"Warum kommen Sie zu mir?", fragt der Arzt. "Ich habe Rückenschmerzen", berichtet der Patient, ein Asylwerber aus Tschetschenien. Aufwändige Untersuchungen durch Orthopäden, Neurologen und Internisten erbringen keinen Hinweis auf die Ursache der Beschwerden. Simuliert der Mann? Auch Medikamente brachten keine Linderung. Vielleicht hat der Patient, der kaum Deutsch spricht, nicht verstanden, dass er seine Tabletten regelmäßig einnehmen muss?

Posttraumatische Belastungsstörung

In Österreich seien insgesamt kaum 15 Psychiater in der Lage, schätzt Alexander Friedmann vom Wiener AKH, hier eine korrekte Diagnose zu stellen: posttraumatische Belastungsstörung. Der Mann wurde in seiner alten Heimat gefoltert, kann sich jedoch kaum daran erinnern. Diese Gedächtnislücken seien ebenso typisch, sagt Friedmann, wie unterschiedliche Begleiterkrankungen, etwa Bluthochdruck und Magengeschwüre und das Unvermögen des Folteropfers, sein seelisches Leiden zu thematisieren.

Seit rund 30 Jahren befasst sich Friedmann, in Rumänien geboren und in Wien aufgewachsen, mit Fragen der kultursensiblen Medizin. Leider wüssten nur die wenigsten Ärzte über "die Probleme des Fremd- und Verlorenseins" Bescheid. Verpflichtende Lehrveranstaltungen zu "Migrantenmedizin" fehlen in der Ausbildung.

Falsche Einschätzung

Kulturspezifische Symptome werden oft falsch eingeschätzt. So klagen Muslime bei Depressionen nicht etwa, dass sie sich miserabel fühlen, sondern verweisen auf körperliche Beschwerden wie "mein Nabel ist gefallen". "Hunderte Millionen Euro gehen jährlich durch mangelnde Kompetenz verloren", überschlägt Friedmann, Leiter der "Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen".

Andere Weltsicht

Etliche Verständigungsschwierigkeiten ließen sich durch eine höhere Migrantenquote in der Ärzteschaft sowie in sozialen und Gesundheitsberufen vermeiden, meint Türkan Akkaya-Kalayci. Als die Kinder- und Jugendpsychiaterin nach ihrem Studium aus der Türkei nach Wien kam, bekam sie häufig ausländische Patienten von überforderten Kollegen überwiesen. "Migranten wissen oft nicht über die Wirkung und Nebenwirkungen ihrer Medikamente Bescheid", so die Expertin für kultursensible Medizin, die am Wiener AKH auch Patienten aus Afrika und Asien behandelt. "Wenn sie den Arzt nicht verstehen, haben Migranten vielfach Hemmungen, dies zuzugeben", berichtet Akkaya-Kalayci. Verunsichert brechen sie die Behandlung ab, wechseln von Arzt zu Arzt und kommen erst dann wieder ins Spital, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist.

Übersetzung für Kranke

Um gegen die sprachlichen Barrieren anzugehen, leisten sich einige Spitäler Dolmetscher und lassen Informationsmaterial übersetzen. "Für Kranke ist es beängstigend, wenn sie die eigenen Symptome nicht kommunizieren können. Dazu kommt oft das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden", weiß die Gynäkologin Susanne Heller vom Kaiser-Franz-Josef-Spital. Besonders sensibel geht Heller vor, wenn sie bei afrikanischen Frauen das Thema weibliche Beschneidung anspricht.

Probleme im Krankenhaus

Dennoch sei es im Spital nicht immer möglich, adäquat auf die kulturell geprägten Bedürfnisse aller Patientinnen zu reagieren - zum Beispiel im Nachtdienst. Von einem Mann gynäkologisch untersucht zu werden bedeutet jedoch für viele Migrantinnen einen Tabubruch. Nichtsdestotrotz erlebt Susanne Heller entgegen den Klischees "bei Frauen aller Ethnien und jeden Alters große Offenheit in puncto Sexualität".

Natürlich sei es manches Mal frustrierend, wenn ausländische Patienten zum wiederholten Male nachts mit banalen Beschwerden in der Notaufnahme auftauchten. "Ich nehme es nicht persönlich", erklärt Heller. Vielmehr möchte sie die Grundstrukturen der Gesundheitsversorgung in Österreich vermitteln. In manchen Herkunftsländern spielen niedergelassene Ärzte nämlich nur eine marginale Rolle.

Mit Händen und Füßen

Zuweilen fühlt sich auch der Krankenpfleger und Ethnologe Franz Plasser im Umgang mit fremden Kulturen herausgefordert. Seine Patienten einfach nur "satt und sauber" zu kriegen reicht ihm nicht. "Unser naturwissenschaftlich geprägtes Gesundheitssystem ist nur eines von vielen", so Plasser, der auch jüdische Frauen im Altenheim gepflegt hat. Notfalls mit Händen und Füßen bringt er die Bedürfnisse seiner Patienten in Erfahrung: Gibt es Nahrungstabus? Welche religiösen Bedürfnisse (rituelle Waschungen, Gebetszeiten) hat der Patient?

Große Unterschiede

"Muslime glauben, dass man in der Gemeinschaft gesund wird. Deswegen kommen viele Verwandte, Freunde und Nachbarn auf Besuch ins Spital", berichtet der Krankenpfleger. Es wird eng im Mehrbettzimmer. "Viele Österreicher hingegen sind der Meinung, dass Kranke Ruhe brauchen." Die Spannungen bleiben oft am Pflegepersonal hängen - ob eine für alle akzeptable Lösung gefunden wird, hängt von der Haltung der Stations- bzw. Spitalsleitung ab. Plasser hält seit einigen Jahren Seminare zum Themenkreis "Andere Länder, andere Sitten": "Manche Krankenhäuser kommen engagiert auf mich zu. Andere wiederum verschließen sich dem Thema völlig." (MEDSTANDARD, Julia Harlfinger, 14.1.2008)

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Risotta M.
01.03.2008 15:16
Ich (Österreicherin) habe z.B. kein Bedürfnis

auf ein Mittagessen um 11.00 oder auf ein Abendessen um 16.00... Leider nimmt darauf im Krankenhaus auch keiner Rücksicht.
Ja und vor 2 Tagen wurde ich von einer Bekannten gebeten, für Sie beim Arzt zu dolmetschen und das, obwohl sie schon mind. 4 Jahre hier lebt und unzählige Deutschkurse (auf Steuerkosten )absolviert hat… Ich hatte keine Lust und hab ihr Bachblüten verabreicht. Die Symptome waren weg…

Risotta M.
01.03.2008 15:33
da fällt mir noch etwas ein:

kann mir jemand erklären, warum in Österreich in den öffentlichen Krankenhäusern Kruzifixe hängen?

nochwer 
26.03.2008 13:04

sind sie doch froh, daß die Leute so motiviert sind, Ihnen zu helfen.

locken
22.01.2008 16:57
USA

Gehen sie in der USA ins Spital da kommt auch kein Übersetzer wenn sie nicht Englisch können,bei uns heisst es Deutsch lernen wenn man hier leben will !

mel gob
25.11.2009 14:01

und sie wollen sie an dem extrem schlechten amerikanischen system orientieren?

sepp blatter
26.03.2008 13:16

Hauptsache was schreiben, auch wenn man uninformiert ist...

meinungsfreiheit2
04.03.2008 00:32

Wo haben Sie denn Ihre Weisheit her?
In den USA sind im Grossteil der Spitaelern Dolmetscher rund um die Uhr verfuegbar, entweder persoenlich od. telefonisch, je nachdem wieviel Geld das Spital hat. Ausserdem stellen US Spitaeler sehr viele Auslaender ein u. suchen sie auch nach ihren Sprachkenntnissen aus. Z.B. NY Downtown Hospital, um nur ein Beispiel zu nennen, hat ueberwiegend chinesische Patienten, da es nahe von Chinatown liegt. Das Personal (Schwestern) ist grossteils chinesisch. Ein rund-um-die-Uhr Dolmetschdienst wird angeboten. Anderes Beispiel: Driscoll Hospital Texas: Viele Latino Patienten. Dolmetschdienst u. Aufnahme von spanisch sprechendem Personal.
Manche Spitaeler bieten dem Personal sogar kostenlos Sprachkurse an. Usw.

Madame Haram
16.01.2008 22:06
Das Einstellen von mehrsprachigem Personal und das zur Verfügung stellen von

größeren Zimmern bzw. Einzelzimmern ist halt nicht nur eine Frage des Willens, sondern auch des Geldes.

sepp blatter
26.03.2008 13:17

Wo ein Wille, da auch ein Weg...

Rudolf1958 
27.05.2008 18:04
ba ba ba banküberfall!!!

wille -> weg

Artenvielfalt
16.01.2008 14:28
wenn ich die Sprache lerne

mich optisch anpasse und die allg. Umgangsformen im neuen Land beachte, fühle ich mich bald wieder heimisch, willkommen, geachtet und was mir sonst noch gefehlt hat.

hauptsache daheim
18.01.2008 17:09

So einfach ist die Sache nicht.

Viele Menschen mit Migrationshintergrund, die Ihren Kriterien von gelungener Integration entsprechen, erleben es trotzdem sehr oft, dass sie als fremd und nicht dazugehörend wahrgenommen werden.



mel gob
25.11.2009 14:06
ich bin fremd

ich bin seit 18 jahren hier, bin weisse aus europaeische herkunft, spreche fliessend deutsch, habe schon einen pensions-anspruch in oesterreich.

ich bin fremd. oesterreich ist mir fremd. ich weiss noch immer nicht wie das ganze wirklich funktioniert. das gesundheitssystem ist mir bekannt aber noch fremd es funktioniert anders und das fuehrt immer wieder zu problemen - zB rufe ich jetzt 141 oder 144? Der umgang hier ist fremd - alle busserl sich staendig aber umarmen tut man nicht *was?*. ich fuehle mich nicht heimisch obwohl ich gerne hier bin und bleiben werde.

Wer noch nicht migrant war kann nicht verstehen. Sorry halten sie ihre unqualifizierte von Strache und co. geborgte argumente fuer sich.

Prolet
15.02.2008 12:16
Des passiert an jedn wiener in tirol 200 jahr lang

Vurher is des a zuagraste bazi

adjua
18.01.2008 17:05
Ganz einfach

Besonders gut vorstellbar für Folteropfer. Also wenn ich gefoltert und bedroht worden bin, und außerdem krank und depressiv, dann ist für mich nichts einfacher, als die Sprache zu lernen und mich optisch anzupassen.

Haben Sie schon mal mal länger als nur ein paar Wochen urlaubsweise in einem ganz fremden Kulturkreis verbracht hat, und zwar nicht in privilegierter Postition, ohne Kreditkarte und Rückflugticket in den sicheren Sozialstaat, der Ihnen in die Wiege gelegt wurde?

Madame Haram
22.01.2008 04:24
Und gerade weil es bei uns einen Sozialstaat gibt,

der auch MigrantInnen auffängt, ist es wohl das mindeste, das diese (die - im Gegensatz zu Milliarden anderen Menschen, die niemals ihrem Elend entkommen werden können - die Chance haben, hier noch einmal von vorne anzufangen) unsere Sprache erlernen und unsere Werte respektieren.

fahrenheit 451
19.01.2008 02:09

hüstel

wenn man eine flucht über mehrere tausend kilometer schafft wird es doch wohl auch nicht so schwer sein in förderkursen die sprache zu lernen?

dann ist so ein sprachkurs schon wie eine beschäftigungs- bzw ablenkungstherapie für das opfer.

kiwi99 
25.01.2008 12:09

You've made my day :)!!!!

Abraxas16  
29.11.2008 14:39

sie scheinen sich ja alle ziemlich gut auszukennen, wie sich so ein immigrant in einer Fremden Kultur fühlt. Wer von ihnen wurde denn schon mal gefoltert?

hexe caracas
14.01.2008 15:35
Es sollte im eigenen Interesse sein

die Sprache des Landes zu lernen, wo man lebt und man soll auf die Ruhebedürftigen Rücksicht nehmen.
Die Party kann dann jeder bei sich zu Hause veranstalten.

jeff5
14.01.2008 14:08
nicht nur österreicher sind der meinung,d ass ruhe bei krankheit hilft.

schon einmal b edient im krankenhaus gelegen und der nachbar hat besuch von 10 lauten verwandten?
(gilt natürlich auch für österreicher.)

ich würde mir wünschen, das überhaupt ein arzt mehr zeit hat, egal welche sprache der patient spricht.

die exfrau vom rathausmann 
16.01.2008 14:43

nicht nur das, sie brachten auch wohlriechende Speisen und Getränke mit, ich kam mit dem Kotz... kaum nach. Wenn ich nicht frischopereriert gewesen wäre, hätte ich mich ja mitgegessen, aber so... *g*

die exfrau vom rathausmann 
16.01.2008 15:05

oh, ich reduziere um das "mich" ;-)

Mike 23
14.01.2008 13:46
Warum muss als Bild der Migration

immer eine Frau mit Kopftuch verwendet werden?
Natürlich ist es verständlicher, da wir wahrscheinlich genau dieses Bild im Kopf haben, wenn wir an Migration denken. Aber ich fände es eigentlich toll, wenn gerade der Standard nicht diese Klischees bedienen würde.
mfg Michael

Heimwerkerking  
03.02.2008 00:25
Diese Klischees stimmen aber!

Wo´s stinkt hat wer einen Schxxxs gelassen, sagt ein altes Sprichwort. Das Kopftuchklischee ist kein leeres sondern die normative Kraft des Faktischen wenn man so die Köpfe der muselmanischen Damen anschaut.

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