Vitamin-B in den "Gelben Seiten für Menschen"

14. Jänner 2008, 15:12
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Mehr als vier Millionen nutzen das Business- Netzwerk Xing - "Strategie statt Passivität" lautet die Devise, vor allem bei der Lukrierung von Aufträgen

"Seit drei Jahren bin ich bei Xing registriert. Einmal habe ich ein Jobangebot aus Irland erhalten, ansonsten hat es mir beruflich noch nichts gebracht", beschreibt ein Xing-Mitglied seine Erfahrungen mit dem Business-Netzwerk. Angaben über die Seriosität des Offerts kann der Wiener nicht machen: "Ich habe nicht darauf reagiert." Er betreibe das berufliche Netzwerken "nicht offensiv". "Dafür habe ich auf dem Portal alte Schulfreunde und ehemalige Studienkollegen entdeckt", konstatiert der 34-Jährige doch einen persönlichen Nutzen von Xing, ehemals Open BC.

Networking ist in aller Munde. Virtuelle Wirtschafts-Netzwerke breiten sich virusartig aus. Das im Jahr 2003 von Lars Hinrichs gegründete Unternehmen Xing zählt mittlerweile - inklusive der Tochtergesellschaften eConozco und Neurona - mehr als vier Millionen Benutzer. Die Kontaktbörse ist damit im deutschsprachigen Raum konkurrenzlos. Ein Patentrezept, um mit Hilfe von Xing beruflich zu reüssieren, gibt es nicht, meinen Experten. Aktives Agieren, Zeit für die Kontaktpflege und eine gute Selbstdarstellung seien aber Voraussetzungen für den etwaigen Erfolg.

Vom Studenten bis zum Manager

Auf der Business-Plattform kann sich prinzipiell jeder registrieren und sein Profil inklusive Foto einrichten. Anhand des beruflichen Werdegangs, den Interessen sowie den Feldern "Ich suche" und "Ich biete" kann skizziert werden, welcher Zweck mit der Mitgliedschaft verfolgt wird. Xing serviert dann seinen Benutzern Jobangebote, die der aktuellen beruflichen Position entsprechen. User haben die Möglichkeit, auf dem Portal nach bekannten Gesichtern zu suchen und sie via Mail in ihr Vitamin-B-Netz einzuladen. So entsteht ein Netzwerk, in dem auch die Kontakte der Kontakte dokumentiert werden. Ob die "Eigenwerbung" der Mitglieder auch der Realität entspricht, kann nicht überprüft werden.

Auf Xing existiert eine Art "Zwei-Klassen-Gesellschaft". Der einfache Zugang ist kostenlos. Den so genannten "Basis-Mitgliedern" steht eine eingeschränkte Version zur Verfügung. Das volle Leistungsspektrum kann nur über die "Premium-Mitgliedschaft" in Anspruch genommen werden. Knapp sechs Euro pro Monat kostet die "Business-Class". Die Vorteile: Man kann beispielsweise andere Mitglieder per Mail kontaktieren, die erweiterten Suchfunktionen nutzen oder sehen, wer sich vor kurzem das eigene Profil angeschaut hat. Xing verfügt derzeit über 325.000 zahlende Kunden.

Neugeschäfte für jeden Fünften

Laut einer im September 2007 veröffentlichten Mitgliederbefragung von Xing hat "bereits jeder Fünfte ein- oder mehrmals ein Neugeschäft" über die Plattform generiert. Zwei Drittel hätten mindestens einmal einen neuen Geschäftskontakt geknüpft. Im Schnitt habe jeder 103 bestätigte Kontakte. 62 Prozent der auf Xing Registrierten seien im "mittleren und oberen Management" tätig, so das Ergebnis der Umfrage unter 7.400 Mitgliedern.

"Wenn man passiv ist, bringt die Mitgliedschaft bei Xing nichts", meint Hannes Offenbacher, Vorstand von Comdao, einem Wiener Institut für Vernetzung, im Gespräch mit derStandard.at/Karriere. Den Nutzen der Plattform sehe er "differenziert". "Sehr profitieren" würden primär Selbstständige: "Sie können sich hier präsentieren, Kooperationen suchen und ihre Anliegen publik machen." Die Chancen für "konkrete Aufträge oder Jobangebote" schätzt Offenbacher am Anfang der Mitgliedschaft als "sehr gering" ein. Xing sei ein "Marketingkanal", wo man "strategisch" vorgehen müsse. Durch den kontinuierlichen Aufbau von Beziehungen könnten aber à la longue schon Aufträge lukriert werden, glaubt Offenbacher.

Neue Geschäftsideen

Die Plattform fungiere als "Gelbe Seiten für Menschen": "Wenn man mit jemanden einen Termin ausgemacht hat, kann man vorher schauen, ob er bei Xing registriert ist und dann sehen, was das für ein Mensch ist, welche Interessen er hat etc." Ein weiterer Vorteil sei, dass das Portal einen "guten Überblick über die Wirtschaft" offeriere. Beim Herumsurfen und dem Abrufen der Profile bekomme man "Impulse für neue Geschäftsideen".

Joachim Rumohr ist Xing-User der ersten Stunde. Der "Networking Coach" hat ein Xing-Blog installiert und veranstaltet Seminare, wo er potenzielle Networker mit Tipps und Tricks zur Optimierung ihres Xing-Profils versorgt. "Ein Patentrezept, um auf Xing erfolgreich zu sein, gibt es nicht", erläutert der Hamburger auf Anfrage von derStandard.at. Das Portal sei eine "Stellenbörse für Fachkräfte". "Auf Xing bewegen sich viele Personalberater und Headhunter, die nach neuen Mitarbeitern suchen", meint Rumohr. Vom beruflichen Nutzen der Plattform ist er überzeugt: "Man muss gar nicht ins Profil schreiben, dass man einen neuen Job sucht. Viel mehr kann latent geschaut werden." Jeder bekomme über "Marketplace" relevante Stellenangebote, die mit dem eigenen Profil abgeglichen werden.

"Werkzeug wie Outlook oder Word"

Natürlich seien auch "Kontaktsammler" unterwegs, die das Portal nur zur "Selbstbeweihräucherung" nutzen würden. Der routinierte User könne aber zwischen seriösen Leuten und "Prestige-Mitgliedern" differenzieren. Xing eigne sich sehr gut, um an eine Firma ranzukommen: "Auch wenn die Vorstände selbst nur in den seltensten Fällen präsent sind, können Kontaktpersonen, die im Umkreis tätig sind, lokalisiert werden." Rumohr sieht Xing als "Werkzeug wie Outlook oder Word".

Die halbe Miete, um über Xing Kontakte zu knüpfen, sei ein gut eingerichtetes Profil mit einem "professionellen" Foto. "Der erste Eindruck zählt", meint Rumohr. Wichtig sei auch ein "vollständig ausgefüllter und aussagekräftiger Firmenname". Dieser tauche nämlich in den Suchergebnissen auf. "Viele Informationen und Stichwörter" sollten bei den "Ich suche" und "Ich biete" Feldern eingetragen werden. "Man muss den Leuten die Möglichkeit geben, etwas für sie zu tun", so der Xing-Experte. Bei den "Berufserfahrungen" gehe es nicht um das Auflisten von Firmennamen, sondern auch um die exakte Beschreibung der Tätigkeitsbereiche. "Um Persönlichkeit rüberzubringen und Gemeinsamkeiten zu finden", habe das Feld "Interessen" eine eminent wichtige Bedeutung. So könne man von einer "sachlichen auf eine persönliche Ebene" kommen. Die "Über mich" Seite sollte auf jeden Fall ausgefüllt werden. Diese werde nämlich bei der Stichwörtersuche durchforstet und viele User könnten auf diesem Weg auf die eigene Seite gelockt werden.

Manpower rekrutiert über Xing

Dass mittlerweile viele Unternehmen Mitarbeiter über Xing rekrutieren, bestätigt auch Andrea Lehky, Marketingmanagerin von Manpower. "Bei Bewerbungen für hochrangige Positionen checken wir im Internet, ob Fußspuren hinterlassen wurden", erklärt Lehky. Dazu gehöre auch die Suche über Xing: "Wir schauen, wie sich die Person selbst darstellt und ob die Angaben mit denen in den Bewerbungsunterlagen kongruent sind." Manpower nützt Xing als "Quelle, um Kandidaten kennen zu lernen".

Wenn ein Kunde einen Posten zu besetzen habe, der "spezielle, seltene Qualifikationen" erfordere, dann erfolge die Suche nach geeigneten Kandidaten über Xing. So könnten die "hohen Inseratenkosten" gespart werden. "Die für die Position infrage kommenden Leute werden dann direkt von uns kontaktiert", beschreibt die Marketingmanagerin das Recruiting. Es sei durchaus schon vorgekommen, dass Mitarbeiter von anderen Unternehmen abgeworben worden sind. "Bei den Firmen, die auf unserer Kundenliste stehen, machen wir das natürlich nicht", so Lehky. (Oliver Mark, derStandard.at, 13.1.2008)

  • Xing (X= Kreuz, engl.= cross, sprich: "Crossing") wurde 2003 von Lars Hinrichs (Bild) gegründet. Das Hamburger Unternehmen notiert seit Dezember 2006 an der Börse.
    foto: xing

    Xing (X= Kreuz, engl.= cross, sprich: "Crossing") wurde 2003 von Lars Hinrichs (Bild) gegründet. Das Hamburger Unternehmen notiert seit Dezember 2006 an der Börse.

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