Ein Boom ohne Tiefgang

13. Jänner 2008, 18:10
54 Postings

Die Armut sinkt, doch die Ungleichheit bleibt. Lateinamerikas rosarote Regierungen, allen voran Brasilien, setzen auf Wirtschafts­wachstum um jeden Preis - mit Infografik

Die Armut sinkt, doch die Ungleichheit bleibt. Lateinamerikas rosarote Regierungen, allen voran Brasilien, setzen auf Wirtschaftswachstum um jeden Preis und knüpfen dabei an die Hochzeit des Neoliberalismus an.

***

Luiz Inácio Lula da Silva strahlte vor Zuversicht. "Schon jetzt können wir mit Sicherheit sagen, dass unsere Wirtschaft 2007 um mehr als fünf Prozent gewachsen ist", sagte Brasiliens Präsident in seiner Neujahrsbotschaft und zählte weitere Erfolgsmeldungen auf: fast zwei Millionen neue Arbeitsplätze bis November, steigende Reallöhne, 14 Millionen Brasilianer, die in den letzten Monaten in eine "neue Mittelschicht" aufgestiegen seien.

Ex-Gewerkschafter Lula sieht einen "positiven Kreislauf": "Weil mehr Leute zu Konsumenten werden, steigen die Verkäufe, in Industrie und Landwirtschaft wird mehr hergestellt, die Unternehmer investieren beherzter, und die Firmen stellen mehr Arbeitsplätze zur Verfügung." Tatsache ist: Nicht nur Brasilien, ganz Lateinamerika boomt. Am gründlichsten hat das die in Chile ansässige UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) untersucht. Demnach dürfte das Wachstum in der Region 2007 bei 5,6 Prozent liegen. Seit 2004 stieg das Pro-Kopf-Einkommen um jährlich gut drei Prozent. Ähnliches gab es zuletzt in den frühen 1970er-Jahren. Verantwortlich ist in erster Linie die brummende Weltkonjunktur. Vor allem China giert nach Rohstoffen und Agrarprodukten aus Südamerika . Die Profite transnationaler Unternehmen, aber auch die Staatseinnahmen der Herkunftsländer sind so üppig wie schon lange nicht mehr.

Sozialprogramme

Auch wenn immer noch viele Milliarden Pesos oder Reais in dunklen Kanälen versickern – von Mexiko bis Argentinien wird das Los der Armen durch Sozialprogramme gelindert. Die Begünstigten danken es ihren Regierungen mit Wählerstimmen: Vor einem Jahr wurden Lula und Hugo Chávez in Venezuela deutlich im Amt bestätigt, in Argentinien ist gerade Cristina Fernández de Kirchner ihrem Mann Néstor nachgefolgt.

Als Folge des jahrelangen Wachstums ging die Arbeitslosigkeit zurück, und allein 2006 schafften laut Cepal 14 Millionen Menschen den Sprung über die von Land zu Land unterschiedlich definierte Armutsgrenze. Demnach lebten in Lateinamerika und der Karibik zum ersten Mal seit 1990 wieder weniger als 200 Millionen in Armut – derzeit dürften es 190 Millionen sein, rund 35 Prozent der Bevölkerung. 69 Millionen hausen sogar im absoluten Elend.

Cepal-Generalsekretär José Luis Machinea warnt denn auch vor übertriebener Zuversicht. "Lateinamerika stellt sich der Globalisierung mit seinen Wettbewerbsvorteilen bei den natürlichen Ressourcen und bei Produkten, die mit billiger Arbeitskraft hergestellt werden", sagt der ehemalige Wirtschaftsminister Argentiniens. Doch durch diese "falsche Wettbewerbsfähigkeit" werde die soziale Ungleichheit festgeschrieben. "Die Fortschritte in den letzten zehn, 15 Jahren waren minimal." Nirgendwo ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie in Lateinamerika.

In Brasilien hat der Ökonom Márcio Pochmann untersucht, warum die Ungleichheit kaum zurückgeht. Demnach verfügen 5000 brasilianische Familien über zwei Fünftel, die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung über drei Viertel des Volksvermögens. Von Jänner bis November 2007 belief sich der Schuldendienst der öffentlichen Hand – Gelder, die in der Sozialpolitik bitter nötig wären – auf umgerechnet 100 Milliarden Euro. 80 Prozent davon kämen 20.000 reichen Familien zugute, schätzt Pochmann, der seit kurzem das staatlichen Institut für angewandte Wirtschaftsforschung leitet: "Die wirklich Reichen verdienen immer weniger durch Arbeit und immer mehr durch Besitz von Land oder Aktien." Auf der anderen Seite verbesserten sich die 40 Prozent der Ärmsten durch gezielte Sozialprogramme und vor allem durch überdurchschnittliche Erhöhungen des Mindestlohns (derzeit 145 Euro).

"Unter dem Strich nimmt die soziale Polarisierung dennoch zu", sagt Pochmann. Auch das Steuersystem mit seiner Betonung indirekter Abgaben benachteilige die Armen. Wohl am wenigsten hat die Mittelschicht von der Regierung Lula profitiert. "Es wird immer schwieriger, ein Land zu verwalten, in dem die Mittelschicht fehlt", stellt Pochmann fest. Wegen mangelnder Arbeitsmöglichkeiten wandern pro Jahr um die 150.000 relativ gut ausgebildete Brasilianer aus, in die USA, nach Europa oder Japan.

Ruf nach Innovation

Daher plädiert er für eine "Revision des Wirtschaftsmodells": "Es reicht nicht, Soja, Hühner oder Eisenerz zu exportieren. Wir brauchen eine Industriepolitik mit technologischer Innovation in neuen strategischen Sektoren." Kollege Luiz Carlos Bresser Pereira warnt bereits vor weiterer Deindustrialisierung durch den überbewerteten Real.

Henrique Meirelles, seit 2003 als neoliberaler Zentralbankchef der Garant für das Vertrauen der Finanzmärkte in die Regierung Lula, setzt hingegen auf Kontinuität. Er sieht sich in seiner Hochzinspolitik bestätigt, durch die die Inflation gebändigt werden konnte: "Seit der Nachkriegszeit hat Brasilien nicht so viele günstige Bedingungen gehabt, um zu wachsen und den Lebensstandard der Bevölkerung anzuheben."

Ganz ähnlich sieht das der Präsident, der ankündigte, Brasilien werde ab 2008 eine große Baustelle. Dank seines " Wachstumsbeschleunigungsprogramms" sollen in den nächsten drei Jahren 192 Milliarden öffentlicher Gelder in den Bau von Autobahnen, Wasserstraßen, Häfen, Staudämmen und Atomkraftwerken, die Flussumleitung des São Francisco, aber auch in den Wohnungsbau oder die Trinkwasserversorgung fließen.

Die Chancen, dass sich in Lateinamerika langfristig etwas an der Kluft zwischen Arm und Reich ändert, schätzt der sozialliberale Cepal-Generalsekretär Machinea als gering ein. Dafür nämlich müsse die " systemische Wettbewerbsfähigkeit" gestärkt werden – nicht nur über Investitionen in die Infrastruktur, sondern vor allem in "innovative" Wirtschaftsbereiche und das Bildungswesen" .Das Problem dabei: "Die Regierungen, die solche Maßnahmen in die Wege leiten, können die Früchte nicht selbst ernten." (Gerhard Dilger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.01.2008)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.