"Wir leben vom Sonntag"

3. Februar 2008, 16:00
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Jeder sechste Erwerbs­tätige in Österreich ar­beitet regelmäßig am Sonntag - Blumenver­käufer Mahmoud el Sayyad und seine Kollegin sind zwei davon - Eine Reportage

Obwohl Sonntag ist, herrscht in der Bahnhofshalle in Wien Landstraße geschäftiges Treiben. Ein Proviantgeschäft, mehrere Zeitungsverkäufer und ein Trafikant haben hier neben den Fahrkartenschaltern geöffnet. Am Ende der großen grauen Halle ist eine bunte Oase zu sehen: das Blumenparadies. Je näher man zu dem Geschäft kommt, desto intensiver steigt der süßlich-säuerliche Geruch von frischen Schnittblumen und Grünzeug in die Nase. Eigentlich ist der Laden eher ein großer Stand.

Sonntag - kein Ruhetag

Verkäufer Mahmoud el Sayyad (25) hat an jenem Tag, an dem ein Großteil der Menschen in Österreich frei hat, viel zu tun. Fast keine Minute vergeht, in der nicht ein Kunde Blumen kaufen will. Und schon wieder hat er einen Bund Tulpen in der Hand. Auf seiner Schürze steht 'Arbeit macht Spaß'. "Ich arbeite sehr gerne am Sonntag, weil die Kunden ruhiger und freundlicher sind als unter der Woche", erzählt er. Er ist einer von über 700.000 Menschen in Österreich, die auch an Sonntagen arbeiten: Für Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker gibt es kein klassisches Wochenende. Auch in der Gastronomie und in Freizeiteinrichtungen müssen Menschen arbeiten, damit es anderen gut geht. Dazu gehört auch das Verkaufen von Blumen.

Blumenverkäufer mit akademischer Ausbildung

El Sayyad stammt aus Ägypten. Eigentlich hat er dort sein Germanistik studiert. Seit zwei Jahren arbeitet er aber nun schon im Geschäft seines Bruders im Bezirk Landstraße. Gerne würde er als Deutschlehrer oder Übersetzer arbeiten und hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, "obwohl es schwierig ist", seufzt er. Trotzdem macht ihm das Blumenverkaufen Spaß: "Hätte ich einen anderen Job, würde ich trotzdem in meiner Freizeit hier arbeiten." Acht Stunden pro Tag, fünf Mal pro Woche arbeitet er im Blumenparadies. Zwei Frauen kaufen gerade Blumen für Mutter und Schwester. Sie wissen, dass der Laden sonntags offen hat und kaufen öfter hier ein.

Blumen rund um die Uhr

Wie eine helle Insel liegt das Geschäft in der kalten und unfreundlichen Bahnhofshalle. Ein Heizstrahler sorgt für angenehme Temperaturen und zwei Scheinwerfer für grelles Licht. Rund um die Uhr ist das Geschäft offen. In der Nacht passt eine Aufsichtsperson auf alle Geschäfte in der Halle auf. "Vor allem auf unsere Blumen, weil es kein Lager gibt, das wir zusperren könnten", erklärt El Sayyad. Bei dem Aufpasser kann man auch Blumen erstehen.

Traum: eigenes Geschäft

"Schauen die Farben so schön aus?", fragt der Verkäufer eine Kundin, für die er gerade einen Strauß in Violetttönen zusammenstellt. Auch ein bisschen Grünzeug müsse noch dazu, findet er. Hinter dem Verkaufspult raschelt Papier. Mitarbeiterin Lena F. (23) wickelt eine rosa Rose in Papier ein. Sie arbeitet jeden Tag hier, zirka acht Stunden. Sie stammt aus der Slowakei, seit einem Jahr lebt sie in Österreich. "Dort hatte ich mein eigenes Blumengeschäft", erzählt sie. Das wäre auch ihr Traum hier, "aber es ist schwierig", meint sie ein wenig nachdenklich. Auch ihr macht die Arbeit Freude: "Es ist keine Arbeit für mich, es macht mir Spaß, auch am Sonntag." Die beliebtesten Blumen seien die Rosen.

Durchsagen aus dem Lautsprecher

El Sayyad ist schon wieder bei einem Kunden. Der will besonders schöne Blumen für seine Schwiegermutter kaufen. Ein oranger Strauß wechselt darauf hin seinen Besitzer. Hinter der Kasse tönt Hip Hop Musik aus einem alten Radio. Daneben steht noch ein Adventgesteck, das wohl keinen Abnehmer mehr finden wird. Aus einem Lautsprecher ertönt die Durchsage, dass ein Bahnsteig wegen Umbauarbeiten derzeit gesperrt sei.

Dieser Umbau macht El Sayyad Sorgen: "Noch heuer soll der Bahnhof umgebaut werden. Mein Bruder und ich haben nur diesen Job und wir wissen daher nicht, wie es dann weiter gehen soll." "…Wir bitten um Ihr Verständnis", sagt eine Stimme aus dem Lautsprecher und El Sayyad wendet sich der nächsten Kundin zu.

Gutes Geschäft

"Grüß Gott, haben Sie schon etwas gefunden?", fragt er die Dame. Seinen freundlichen Augen entgeht nicht, wenn jemand unschlüssig vor der bunten Pracht steht. Das Publikum ist gemischt, es kommen viele Paare, aber auch einzelne Personen. Manchmal müssen sie heute sogar warten, bis sie an die Reihe kommen. "Das Geschäft läuft gut, aber am Sonntag verkaufen wir die meisten Blumen", bilanziert er. Er und sein Bruder können gut davon leben, vor allem weil das Geschäft am Sonntag besonders beliebt ist. (Marietta Türk, derStandard.at, 3.2.2008)

  • Verkäufer Mahmoud el Sayyad findet die Kunden am Sonntag freundlicher.
    foto: derstandard.at/türk

    Verkäufer Mahmoud el Sayyad findet die Kunden am Sonntag freundlicher.

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