Die Ehre des Pu Yi

21. Jänner 2008, 13:18
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Die Welt kennt Pu Yi als den letzten Kaiser von China - sein jüngster Bruder, der greise Pu Ren, kämpft gegen die reißerische Vermarktung von dessen Lebensgeschichte

Der alte Mann beugt sich über die Fotografie. Mit dem Finger zeigt er auf den im Gruppenbild vorn kauernden Jungen im chinesischen Brokatgewand. Pu Ren, direkter Nachfahre der mandschurischen Adelsfamilien aus dem Clan der Aisin Giorro und jüngster Bruder des letzten chinesischen Kaisers Aisin Giorro Pu Yi, hat sich in dem Zehnjährigen in der ersten Reihe wiedererkannt. Pu Ren greift geistesabwesend nach einer Steinkugel, lässt sie auf der Tischplatte rollen und sagt: "Alle sind sie weg, alle bis auf mich."

Wir sitzen dem bald Neunzigjährigen im Mittelraum seines Pekinger Hofhauses gegenüber. Der letzte Kaiserbruder wohnt in der Nordstadt, in einer Seitengasse der "Gasse der Gongs und Trommeln", die sich von der Hektik Pekings noch nicht hat anstecken lassen. Paarweise bewachen steinerne Tierpfosten die Eingangstore zu den Höfen.

Im Hof hat Pu Ren seine Topfpflanzen gruppiert. So wie alle in der Kaiserfamilie ist auch er Hobbygärtner, hält Katzen und übt sich in Kalligrafie. Gepresste Brikettkohle ist zu schwarzen Haufen vor dem Eingang aufgeschichtet, obwohl die Stadtregierung für alle Anwohner wegen der Olympischen Spiele Elektroheizungen einbauen ließ. Pu Ren ist taub, versteht die Begrüßung nicht. Seine Tochter Jin Yukun reicht uns eine Tafel mit Schwamm, auf der wir Fragen aufschreiben. So verständigt sich die Familie: "Wann wurde das Foto gemacht?" Der alte Mann antwortet: "Vor rund 50 Jahren."

Das Foto wurde bereits 1928 aufgenommen. China war bereits Republik. Der Kinderkaiser Pu Yi hatte in der Revolution 1911 abdanken müssen. Später durfte er für ein paar Jahre wieder in den Kaiserpalast zurück. 1924 wurde er endgültig mit seinem verbliebenen Hofstaat hinausgeworfen. Im benachbarten Tianjin fand er ein provisorisches Domizil. 1928 folgte Vater und Vormund Zai Feng seinem erstgeborenen Sohn nach Tianjin und nahm den zehnjährigen Pu Ren mit. Bald nach ihrer Ankunft entstand das Foto.

Mit Erinnerungen an verflossene Zeiten hat der alte Mann nichts im Sinn. Er habe viele Jahre geschwiegen: "Jetzt muss ich sprechen, aus Verantwortung vor der Geschichte", meldete er sich im Jänner 2006 in einem offenen Brief an Pekings Konsultativparlament zu Wort. Er ist Mitglied in dem machtlosen, aber angesehenen Beratergremium. Pu Ren forderte Chinas Öffentlichkeit auf, ihren Tratsch über den letzten Kaiser einzustellen. In den Medien werde seine Person verunglimpft, Gerüchte und reißerische Schlagzeilen über seine fünf Frauen und Konkubinen würden verbreitet. Lügen, wonach er homosexuell gewesen sein soll, treiben Blüten: "Mein großer Bruder ist seit 40 Jahren tot. Aber er hat dennoch ein gesetzlich verankertes Recht auf Schutz seiner Persönlichkeit."

Pu Ren und seine Vertrauensanwältin Li Yuan haben bisher alle Prozesse gegen den Missbrauch von Fotos und Nachrichten über den Ex-Kaiser verloren. Chinas heutige Öffentlichkeit giert nach Geschichten über Kaiser, Konkubinen und Eunuchen. Nach vielen Niederlagen traf Pu Ren fast der Schlag, als 2007 eine Neuausgabe der berühmten Biografie seines Bruders Der letzte Kaiser von China erschien.

Der jüngere Kaiserbruder hätte sich nie träumen lassen, im hohen Alter eine Lanze für die Familienehre zu brechen, denn schon früh distanzierte er sich von Pu Yi und trennte sich von seinem Mandschu-Namen "Aisin Giorro". Er nennt sich "Jin Youzhi" und freut sich, als wir ihn auf der Schreibtafel mit "Jin Laoshi" (Lehrer Jin) ansprechen. Fast ein halbes Jahrhundert war er Grundschullehrer. Seine erste Schule hat er 1945 zusammen mit seinem Vater Zai Feng in den leeren Räumen des Pekinger Prinzenpalais eingerichtet. 1947 unterrichteten sie dort 200 Schüler. Die Hingabe zum Lehrerberuf und der Verkauf des Prinzenpalais 1949 an den Staat schützten ihn und seinen Vater, als Mao an die Macht kam. Pu Ren blieb bis zur Pensionierung 1988 Lehrer und bezieht heute eine Rente von rund 2000 Yuan (200 Euro) im Monat. Sein Bruder, der sich als Marionettenkaiser über die Mandschurei einsetzen ließ, wurde nach Japans Kapitulation 1945 von den Sowjettruppen als deren Gefangener verschleppt. 1950 überstellte ihn Stalin der Volksrepublik, wo er als Kriegsverbrecher in Arbeitshaft kam. Mao ließ ihn vom Kaiser zum Bürger "umerziehen".

Propagandacoup der Partei

Pu Ren dagegen stand immer unter dem Einfluss des Vaters Zai Feng (1883-1951). Der modern denkende Prinz legte sich als Erster ein Telefon zu, schnitt seinen Zopf ab und trug Anzüge. "Wir wohnten am Ufer des Shichahai-Sees", erinnert er sich und bestätigt, dass sein Vater dort auch als Erster ein Auto fuhr. 1901 musste der Vater als Vertreter des chinesischen Kaiserreichs zur Abbitte für den Boxeraufstand nach Berlin reisen. Er weigerte sich, vor Kaiser Wilhelm II. den demütigenden Kniefall zu machen. Das wurde ihm zuhause hoch angerechnet. Selbst die Kommunisten lobten ihn später dafür, ebenso wie für seine Haltung 1911. Als Vormund des fünfjährigen Pu Yi unternahm er nichts, um Sun Yatsens bürgerliche Revolution gewaltsam zu stoppen. Nach 1938 überwarf er sich mit seinem eigenen Sohn Pu Yi, weil dieser sich von den Japanern inthronisieren ließ. Der Vater kehrte mit Pu Ren und seinen Töchtern nach Peking zurück, statt beim Kaiser in Changchun zu bleiben.

Fast siebzig Jahre ist es her, dass sie damals in die Hauptstadt zurückkehrten. Trotz seines Alters wirkt der letzte Kaiserbruder agil. Jeden Morgen um sechs Uhr kehrt er mit einem Strohbesen den Hof. Kehren ist eine alte Pekinger Sitte. "Wenn es hell wird, steht man auf, sprüht Wasser auf den staubigen Boden und kehrt den Garten." Auch Ex-Kaiser Pu Yi, der erst in der Haft körperliche Arbeit kennenlernte, kehrte Hof und Straße. Gleich am ersten Tag in Peking nach seiner Rückkehr aus der Haft im Dezember 1959.

Als Pu Yi damals - erstmals nach 35 Jahren - am Bahnhof eintraf, war unter den Verwandten, die ihn abholten, auch Pu Ren. Der älteste und jüngste Bruder hatten sich 20 Jahre nicht mehr gesehen. Pu Ren sprach Pu Yi mit "Da Ge" (ältester Bruder) an, statt mit der einst unter ihnen vorgeschriebenen hoheitlichen Anrede. Pu Yi zuckte zusammen: "Ich merkte, wie sich auch meine Familie verändert hatte", schrieb er später. Dies ist eine der Ergänzungen in der neuen und erweiterten Ausgabe der Pu-Yi-Biografie Der letzte Kaiser von China.

Pu Ren kämpft gegen die Ausgabe. Sie sei ein Vertrauensbruch, weil der Verlag nie die Erlaubnis von Pu Yi erhielt. Der letzte Kaiser hatte aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Frau Li Shuxian diese Teile nicht veröffentlichen wollen. Nun sind sie auf dem Markt. Pu Yi schildert etwa den Mord am 1935 geborenen Kind seiner Hauptfrau Wan Rong. Das Baby, Ergebnis ihres Seitensprungs, wurde nach der Geburt im Palast verbrannt. Die Untat wurde Wan Rong verschwiegen. Bis zu ihrem Tod glaubte sie, es sei weggegeben worden. Sehr privat schildert Pu Yi auch sein Verhältnis zur letzten Konkubine Li Yuqin. Mit ihr hatte er sich als Kaiser der Mandschurei liiert, als das Mandschu-Mädchen 15 Jahre alt war. Im Mai 1943 nahm er sie offiziell zur vierten Frau. Erst 1955, in chinesischer Haft, als Li ihn dort besucht, entwickelt er eine echte Liebe zu ihr.

Pu Ren will den Verlag zwingen, das Buch aus dem Handel zurückzuziehen. Im Streit des fast Neunzigjährigen um die Ehre seines Bruders kommt unfreiwillig zutage, wie Chinas Partei mit Pu Yis Biografie einen ihrer größten Propagandacoups landete. Der Ex-Kaiser war nur Stichwortgeber seiner eigenen Memoiren, die andere für ihn verfassten. Die im März 1964 erschienene chinesische Ausgabe, die es auf 21 Auflagen in Millionenhöhe brachte, in dutzende Sprache übersetzt und vom italienischen Filmemacher Bertolucci verfilmt wurde, ist in Wahrheit ein Konstrukt vieler Autoren, Ministerien und Berater im Auftrag der Partei. Von 1957 an begann Pu Yi unter Aufsicht der Sicherheitsbehörden im Gefängnis Fu Shun, an der Biografie zu schreiben. Als Grundlage dienten seine schriftlichen Geständnisse. Die erste handgedruckte Ausgabe wurde von Mao gegengelesen. Der Qunzhong-Verlag stellte Pu Yi 1961 den Ghostwriter Li Wenda zur Seite, mit dessen Hilfe sich der Umfang des Buches verdoppelte. Auch die besten Historiker und Schriftsteller Chinas kamen Pu Yi zur Hilfe.

Pu Rens Lebensweg verlief in ruhigen Bahnen, die sich nach 1959 nur selten mit Pu Yi kreuzten. Heute ist allerdings Pu Ren der letzte direkte Nachfahre der über China herrschenden Mandschu-Kaiser, die die Qingdynastie begründeten (1644 bis 1911). Pu Ren hat heute selbst fünf Kinder, darunter drei Söhne. Gäbe es in China noch einen Kaiser, hätten sie heute Anrecht auf den Thron. Aber davon ist keine Rede mehr.

Als wir gehen, winkt uns der Bruder des letzten Kaisers von China nach. Pu Ren ist zum Hüter seines Erbes geworden. (Johnny Erling/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 1. 2008)

  • Familienfoto von 1928 mit dem letzten Kaiser von China, der bereits 1911 abdanken musste:
Der 22-jährige Pu Yi trägt eine Sonnenbrille. Auch die Brüder Pujie und Pu Ren (vorne kauernd) und die Schwestern haben sich zum Familienfoto aufgestellt.
    foto: palastmuseum/ johnny erling

    Familienfoto von 1928 mit dem letzten Kaiser von China, der bereits 1911 abdanken musste: Der 22-jährige Pu Yi trägt eine Sonnenbrille. Auch die Brüder Pujie und Pu Ren (vorne kauernd) und die Schwestern haben sich zum Familienfoto aufgestellt.

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