Hindernisse auf den Pisten sollen Sportler einbremsen

7. April 2008, 12:17
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Selbstüberschätzung als Unfall-Hauptgrund - Schweiz setzt auf Radargeräte, Italien auf Helmpflicht, Österreich auf Aufklärung

Wann ist die Chance, im Krankenhaus zu landen, wohl höher? Wenn man mit dem Auto die Asphaltpiste entlang brettert oder mit Sportgerät die Bergpiste hinunter? Die Antwort wird auch heuer wieder eindeutig ausfallen: Zwei Brettln, ein Board und der g’führige Schnee sind eine Hochrisikokombination.

45.500 Unfälle beim alpinen Skilauf und 13.600 beim Snowboarding, zusammen also 59.100 tödliche oder behandlungsbedürftige Stürze und Kollisionen weist die Freizeitunfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit für die Saison 2006/07 aus (siehe Grafik unten). In diesem Winter werden es noch mehr werden: Der frühe Wintereinbruch hat mehr Gäste auf mehr Pisten gelockt. Auf Österreichs Straßen wurden dagegen im Jahr 2006 (aus dem die jüngsten exakten Daten stammen) 51.930 Menschen verletzt.

Obwohl „in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Skiunfälle eher zurückgegangen ist“, wie Ingo Kroath vom Kuratorium für Alpine Sicherheit vorrechnet. Zweifellos würden jedoch harte, eisige Pisten das Unfallrisiko erhöhen. Zu denen heuer die weitere Intensivierung der künstlichen Beschneiung und die kalten Temperaturen (etwa zu Weihnachten) beigetragen haben. Eindeutig widerspricht Kroath Meldungen über eine steigende Zahl von Kopfverletzungen und damit dem Bedarf nach einer Helmpflicht. Gemeinsam mit Sportwissenschaftern der Universität Innsbruck habe das Kuratorium Daten zusammengetragen, wonach etwa bei Kindern unter 15 Jahren Kopfverletzungen seit 1998 rückläufig seien. Dazu habe maßgeblich das vermehrte Tragen von Helmen beigetragen, was bei Kindern und Jugendlichen inzwischen „cool ist“.

Insgesamt würden Kopfverletzungen beim Unfallgeschehen auf den Skipisten nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil diese hauptsächlich bei Kollisionen vorkommen, diese aber insgesamt nur zehn Prozent der Unfälle mit Verletzungen ausmachen würden, betont Kroath. In der aktuellen Saison gab es davon 883, die von der Polizei registriert worden sind, weiß Robert Jölly, Ausbildungsleiter der Salzburger Alpinpolizei.

Riskantes Snowboarding

Trotz Trend zum Helm bleibt die Verletzungsgefahr beim Wintersport hoch. Umgelegt auf die Zahl der Menschen, die die Sportart ausüben, liegt Snowboarding mit 43,4 Verletzten pro 1000 Sportlern deutlich vor Fußball (19,7) und dem alpinen Pistenskilauf (17,6), zeigt die Freizeitunfallstatistik. Warum endet die Abfahrt für Freizeitsportler im Akja oder im Rettungshubschrauber? Weil sie sturzbetrunken von der Hütte und der Schirmbar talwärts rasen? Weil sie vom modernen Sportgerät überfordert sind? Oder schlicht nicht Skifahren und Boarden können?

All diese Faktoren spielen eine Rolle, die Hauptursache der Unfälle sei jedoch klar dokumentiert, sagt Albert Baier, Vorstand der steirischen Planaibahnen: Es liege an der Selbstüberschätzung untrainierter Skifahrer. Problematisch werde zunehmend die „Mode“, abseits der Öffnungszeiten über die Pisten zu rasen. Pistenrowdys seien dagegen ein eher marginales Problem, wie auch Trunkenheit auf dem Ski. Es gebe zwar in allen österreichischen Skiregionen „Saufhütten“, aber es bewahrheite sich zudem meistens die Regel, dass „B’soffenen“ beim Fallen kaum was passiere.

Zumindest sind sie relativ selten in Kollisionen verwickelt, weiß auch der Salzburger Alpinpolizist Robert Jölly. „Die meisten fahren erst am Abend ab, wenn weniger Betrieb auf den Pisten ist. Und dann haben sie eher Alleinunfälle“, berichtet er. „Von den insgesamt 161 Unfällen mit Toten und Verletzten, die sich in dieser Saison in Salzburg ereignet haben, war in fünf Fällen eindeutig Alkoholisierung die Ursache.“

Auch nach seiner Erfahrung spielt die Selbstüberschätzung die wesentliche Rolle bei den Stürzen – die auch von Pistenbetreibern gefördert wird. „Die Präparierung wird immer besser, was zu mehr Tempo verleitet. Die meisten Unfälle mit Verletzten ereignen sich in den flachen bis mittel_steilen Abschnitten, wenn die Leute glauben, sie können Gas geben“, beobachtet Jölly.

Richard Walter, Leiter der „Skischule Arlberg“, der größten Österreichs, betont zwar, dass besonders die jüngeren Gäste immer fitter würden und sich das Material über die vergangenen zehn Jahre merklich verbessert habe. Das Problem der Selbstüberschätzung könne wohl nur durch ständige Aufklärung vermindert werden; oder durch bauliche Maßnahmen. „Man muss in einigen Jahren wahrscheinlich darüber nachdenken, Hindernisse in die Pisten einzubauen, um das Tempo wieder zu drosseln“, meint der Präsident des österreichischen Skischulverbandes. Von einer Pistenpolizei (siehe Artikel unten) hält er dagegen genau so wenig wie die Seilbahnwirtschaft. (Walter Müller, Michael Möseneder, Hannes Schlosser, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.1.2008)

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