Kein Jim für Sam Beam

18. Jänner 2008, 14:27
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Ein Schwergewicht des Folk-Revivals spielt nächste Woche ein einziges Österreich­konzert in Wien: Der in Austin lebende Musiker Sam Beam alias Iron And Wine

Wien – Genau so wie Sam Beam aussieht, stellt man sich den Bilderbuch-Folkie vor: Lange Haare, ein gut bewohnter Bart, den Blick leicht verklärt, Milde verströmend. Möglicherweise ist er im Brotberuf Lehrer. Irgendwas mit Kunst. Schließlich malt er auch seine Plattencover selbst. Wohnen muss er in einem leicht verwittertem Haus draußen vor der Stadt. Mit Pflanzen in bunt bemalten Töpfen hinter naturbelassenen Holzrahmenfenstern, die er hegt und pflegt.

Abends sitzt dieses lebende Klischee auf seiner Veranda. Grillen zirpen, und Sam Beam greift behäbig in die Saiten seiner Gitarre und fördert scheue, aus der Zeit fallende Songs hervor. Mit solchen Stücken füllte Beam unter dem bei Diät-unterstützenden Pillen entliehenen Namen Iron And Wine seit 2002 mehrere Alben. Die Kritik lobte sein exquisites Songwriting, insgesamt war sein Werk aber schon sehr karg und untertrieben aufbereitet: kaum je mehr als Gitarre und Stimme.

Dazu erschien er noch im ärgsten Unglück stets beherrscht und gefasst, entsprach also gar nicht dem Typ desperate Barfliege, der sein Leid mit dem Wundelixier seines Namensvetters Jim bekämpft und wenigstens hin und wieder in die Luft geht.

Dass Beam auf seine Weise durchaus aus dem Vollen zu schöpfen vermag und das formal auch umzusetzen weiß, zeigten einige Singles oder Coverversionen – etwa für den Soundtrack zum Film Garden State – sowie eine fantastische Kollaboration mit Calexico.

Mit den beliebten wie bekannten US-mexikanischen Grenzlandwüstenstaubrockern veröffentlichte er 2005 In The Reins, auf dem die beiden Partien gemütlich bis beschwingt insistierend und gepflegt rumpelnden Folkrock spielten. Das dürfte zu der nun vollzogenen Aufrüstung beigetragen haben. Vielleicht war Beam seiner introspektiven Songs, die stellenweise biblische Bezüge aufweisen und als traditioneller Appalachen-Folk gereicht wurden, selbst schon ein wenig überdrüssig.

Jedenfalls zeigt das im Herbst letzten Jahres erschienene Album The Shepherd’s Dog – das die New York Times als viertbestes Werk des vergangenen Jahres einschätzte – einen doch recht veränderten Künstler, der sich für die Aufnahmen eine Band zusammenstellte, in der neben seiner Schwester Sarah auch die beiden Calexicaner Joey Burns und Paul Niehaus spielen.

Fiebriger Anschlag

Das Ergebnis darf man als Fortsetzung des mit Calexico eingeschlagenen Weges sehen. Mit dem Unterschied, dass hier Beam federführend ist. Das bedeutet also weiterhin die für ihn typische Sanftheit, mit der er mit dem feingliedrigen Pagan Angel And A Borrowed Car in das Album gleitet: Dekonstruiertes Boogie-Piano, Streicher und ein zart fiebriger Anschlag kennzeichnen das Stück.

White Tooth Man wiederum ist Beams Interpretation eines Sixties-Folk-Freakouts. Greinende Sitar, dominante Percussion – alles vorhanden. Dennoch klingt hier nichts drogenverseucht und nach tatsächlichem Freakout, sondern bleibt brav, anständig und aufgeräumt, ohne deshalb abgestanden zu wirken. Im Gegenteil!

Beam etabliert sich damit als neues Schwergewicht im Folkrevival der letzten Jahre. Anachronistischer Weise wird er dabei nun als Nachzügler wahrgenommen. Dafür muss er sich nicht mit den Vertretern des Freak-, Neo- oder Weird-Folk messen, sondern wird gleich mit historischen Großmeistern wie Simon & Garfunkel verglichen – mit allen Unschärfen, die dieser Vergleich mitbefördert.

Immerhin: Die Leichtfüßigkeit, die mit einem eloquenten Spiel und nicht übertriebenen Genrekreuzungen einhergeht, mag tatsächlich an Sternstunden der beiden New Yorker Folk-Granden erinnern.

Beam spielt allerdings die zeitgenössische Version davon, erweist sich dabei als Dub-affin und setzt eine Unmenge an Instrumenten dermaßen präzise ein, dass bei The Shepert’s Dog (Sub Pop/Trost) nie Völlegefühl aufkommt. Sublime! (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.01.2008)

Iron And Wine live: 16. 1. Szene Wien, 11., Hauffgasse 26, Tickets (01) 749 33 41. 20.00
  • Der Bilderbuch-Folkie Sam Beam alias Iron And Wine präsentiert nächste Woche in Wien sein großartiges Album "The Sheperd’s Dog".
    foto: sub pop/kim black

    Der Bilderbuch-Folkie Sam Beam alias Iron And Wine präsentiert nächste Woche in Wien sein großartiges Album "The Sheperd’s Dog".

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