Die Ordnung der Bücher

18. Jänner 2008, 14:11
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Der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel hat sich in die Geschichte der Bibliothek seit ihren Anfängen vertieft

Seit etwa 25 Jahren gibt es in Kolumbien kleine, mobile Büchereien, die von "Biblioburros” ("Büchereseln") in die entferntesten Winkel des Landes getragen werden. Die Bücher verbleiben dann einige Wochen an Ort und Stelle. Das Ausleihen funktioniert offenbar klaglos, und die Bücher sind bis jetzt immer alle zurückgegeben worden – mit einer Ausnahme: einer spanischen Übersetzung der Ilias, deren Rückgabe die Dorfbewohner glatt verweigerten. Auf die Frage, warum sie gerade dieses Buch behalten wollten, erklärten sie, "dass Homer genau ihre Geschichte erzähle: ein vom Krieg zerrissenes Land, wo wütende Götter willkürlich über das Schicksal der Menschen entscheiden, die nicht einmal wissen, worum überhaupt gekämpft wird, und nicht wissen, wann sie umkommen werden".

Anekdoten von solcher Prägnanz und dazu jede Menge Wissenswertes und Kurioses aller Art über die Bibliotheken der Welt seit den Anfängen dieser Einrichtung warten auf Leserinnen und Leser in Alberto Manguels neuem Buch, Die Bibliothek bei Nacht, ein Titel, der offenbar helfen soll, die allgegenwärtige "Kulturgeschichte des XY" zu vermeiden. In 15 Kapiteln werden ebenso viele Aspekte des Phänomens Bibliothek identifiziert und durch charakteristische Beispiele illustriert.

Der Bogen spannt sich von der Bibliothek als Mythos (Alexandria), über Ordnung (mit den ältesten chinesischen und arabischen Bibliografien), Raum, Macht (die Bibliothek als Herrschaftssymbol), Schatten (Bücherverbote), Form (Michelangelo), Zufall, Werkstatt (Borges’ Bibliothek in Buenos Aires), Verstand (Aby Warburg), Insel (Robinson Crusoe und die Neuerschaffung der Welt anhand der Bibel), Überleben (Bücher im KZ), Vergessen, Fantasie, Identität (British Library) bis zur Bibliothek als Zuhause. Manche Kapitel bieten detailliertere Vignetten historischer Persönlichkeiten, die für das Thema von Bedeutung sind, andere sind als Mosaik von Geschichten und Fakten konzipiert, das von allgemeinen Betrachtungen zusammengehalten wird. Soweit ein roter Faden erforderlich ist, steht er zur Verfügung in Gestalt der Bibliothek des Autors in seinem Anwesen in der Nähe von Chinon im Südwesten Frankreichs.

Wer wie Manguel viel Material zu unterschiedlichsten Themen bietet, ist ganz besonders auf fachkundige Betreuung durch seinen Verlag angewiesen. In Die Bibliothek bei Nacht ist der S. Fischer Verlag dieser Verantwortung nicht durchgehend nachgekommen. Wenn Manguel, um nur drei Beispiele zu nennen, das Domesday Project der BBC vor dem Hintergrund einer unglücklich postulierten Gegnerschaft zwischen Gedrucktem und Digitalem offenbar total verzeichnet (Näheres dazu im Internet, direkt von der Quelle: Domesday Redux: The rescue of the BBC Domesday Project videodiscs); wenn er Achill, den Archetypus des "heroischen" Helden, wie einen Spanner sich in den Tempel des Apoll "schleichen" lässt, "um einen Blick auf Polyxena zu erhaschen"; oder wenn er den Umstand, dass Aby Warburg nach seiner Entlassung aus dem Sanatorium einen Brief mit "Warburg redux" unterschrieb, dahingehend deutet, er habe sich "kleiner" (statt "wiederhergestellt, neugeboren") gefühlt, dann gerät – im diametralen Gegensatz zu den Intentionen des Autors – ein Buch über Wert und Bedeutung der Bibliothek zum Plädoyer für die Form der Online-Publikation, wo derartige Schnitzer sich wenigstens rasch ausmerzen lassen. (Otmar Binder, ALBUM/DER STANDARD, 11./12.01.2008)

Alberto Manguel, "Die Bibliothek bei Nacht". Übers. Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié, € 19,90/400 Seiten. Fischer, Frankfurt a. M. 2007.
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    cover: fischer
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