Unter uns Wein-Auskennern ...

11. Jänner 2008, 10:06
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Leo Hillingers Pinot Noir 2005 wurde verdeckt probiert und als "erfreulich" und "sortentypisch" beschrieben, mit schöner klassischer rotbeeriger Frucht

Leo Hillinger lässt kaum jemanden kalt. Da ist einerseits jene Klientel, die es schätzt, Weine vom „Starwinzer“ Hillinger zu trinken. Sie werden bedient mit klaren und perfekt gemachten Rebsortenweinen, die in einem durchdacht strukturierten und preislich interessant gestalteten Sortiment verlässlich danach schmecken, wonach sie schmecken sollen: nach der Rebsorte, die am Etikett steht. Wer es eine Stufe anspruchsvoller möchte, greift zu den Cuvées. Und dann sind da die Weinfreaks, die Auskenner, die zwischen sich und einem Hillinger-Wein ganz gern eine gediegene Distanz legen und sich eingedenk einer längst überholten Wein-Romantik hinter dem Argument verschanzen: Er lebe ja ausschließlich vom Marketing. Und wenn er nicht jede Woche mit Kreti und Pleti in diversen Promi-Kolumnen zu sehen wäre, dann ...

Leo Hillingers Pinot Noir 2005 wurde in einer Runde von fünf durchaus fachkundigen Verkostern verdeckt probiert und zuerst einmal als "erfreulich" und "sortentypisch" beschrieben, mit schöner klassischer rotbeeriger Frucht (so soll es sein!) – Himbeeren, rote Ribisel wurden erschnüffelt, einer sprach von einer ganz zarten herben Note, die sich aber keinesfalls unangenehm auswirke, sondern so etwas wie herbe Frische bringe. Schließlich haben auch reife Rote Ribisel immer ein ganz zartes Aroma, das an Gras und Blätter erinnert. Die Frucht wurde als üppig (positiv besetzt), aber keinesfalls gekocht-verwaschen oder marmeladig (negativ besetzt) empfunden. Der Wein war elegant, wie es die Sorte sein soll, schmeckte weich und süffig und wurde nach einigem Rätselraten und im Ausschlussverfahren auch als österreichischer Pinot Noir zugeordnet (Herkunft ist schmeckbar – sehr positiv). Bei der Frage nach Mineralität teilten sich die Geister, mehrheitlich sprach man diese dem Wein zu. Die Runde hatte jedenfalls ihre Freude daran. (Und last but not least: das Ganze für einen Wein aus einem Jahrgang, der für diese Rebsorte nicht flächendeckend ideal gelaufen ist, wie eine kürzlich durchgeführte umfassende Vergleichsverkostung österreichischer Pinots 2005 gezeigt hat)

Dass es Hillingers Pinot war, wurde nach dem Aufdecken mit Kommentaren bedacht, die sich mit "Naaaaaaa, des gibt’s ja gar net ..." ganz gut zusammenfassen lassen. Offen serviert wäre der Wein möglicherweise in den Auskenner-Vorurteilen untergegangen. Eine Barriere, die aber wegfiel, da niemand damit gerechnet hatte, von mir einen Hillinger-Wein vorgesetzt zu bekommen. Und wir rechnen bei diesen freundschaftlichen Verkostungsspielchen immer mit den Angewohnheiten (wo war er/sie auf Urlaub?) und Tricks der anderen (z.B. in andere Flaschen umfüllen – gell, René!),

Wie man die Vermarktung von Weinen anlegt, ist eine persönliche Entscheidung. Wein verkauft sich nicht von alleine, und die Zeiten, in denen man sich als Einsiedler arbeitend von Hollywood entdecken ließ, sind definitiv vorbei angesichts der Dichte an hochklassiger Konkurrenz in diesem Land. Die Qualität der Weine muss sich bei Kunden, bei Bewertungen, in verdeckten Verkostungen usw. bewähren. Entspricht sie nicht, dann ist ein rascher kaufmännischer Tod garantiert – Starwinzer hin oder her. Das weiß auch Leo Hillinger und hat sich sehr bewusst so positioniert, wie er sich positioniert hat.

Noch ein paar Infos zu diesem Pinot Noir: Er ist eine Best-of-Lagen-Selektion aus seinen Schiefer-Weingärten entlang des Leithagebirges. Um die Wertigkeit zu unterstreichen, wurde er in eine schwere, dunkle Burgunderflasche gefüllt, eine Verpackung, die heute viele Winzer aus ebendieser Motivation wählen. Über sein Verhältnis zu Pinot Noir meinte Hillinger: "Ich bin eigentlich zum Pinot-Noir-Fan geworden. Früher mochte ich nur Weine, die man mit dem Löffel essen konnte, sowohl was Farbe als auch Struktur anlangt."

Fazit: Für "Starwinzer"-Trinker - habt Spaß an dem, was Ihr bekommt. Nicht jeder selbst- oder von anderer Seite ernannte „Starwinzer-Wein“ erreicht die Qualität der Hillinger-Produkte. Für Weinfreaks - auch wenn Hillingers Weine vielleicht nicht interessant genug sein sollten, um sie in Eure Keller zu legen – ein weniger vorurteilsbeladenes Verkosten erweitert den Horizont und bringt mehr spannende Erlebnisse. Und das ist es doch, was wir Auskenner wollen... oder nicht? (Luzia Schrampf)

Leo Hillinger Pinot Noir 2005,
28 € ab Hof

Infos:
leo-hillinger.com
A-7093 Jois, Tel. 02160/83 17 0
Outlet Shop 24/25; A-7111 Parndorf
Tel. 02166/201 44
  • Nach dem Aufdecken lauteten die Kommentare in etwa: "Naaaaaaa, des gibt’s ja gar net ..."
    foto: luzia schrampf

    Nach dem Aufdecken lauteten die Kommentare in etwa: "Naaaaaaa, des gibt’s ja gar net ..."

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