Adoptionen ohne Bürokratie

13. Jänner 2008, 19:39
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Teil einer tausendjährigen Tradition: Kanadier nutzen die Kinderabgabe der Inuits

Vancouver - Ian Roberts ist eines der Adoptivkinder, die aus der Kälte kommen: aus dem kanadischen Inuit-Territorium Nunavut. Für kinderlose weiße Eltern im Osten Kanadas ist Nunavut zum bevorzugten Ziel ihrer Absichten geworden. Dort ist bis heute die unkomplizierte Adoption eine uralte Eskimotradition. Ian Roberts war das erste Adoptivkind, das nach der Schaffung des selbstständigen Territoriums seinen Weg 1999 in den Osten fand; zum Ehepaar Paula und Bert Roberts, das in der Provinz Neufundland lebt.

Im Osten Kanadas warten Eltern bis zu 14 Jahre auf ein Adoptivkind, mit Ian ging es sehr schnell: Vom ersten Kontakt mit der schwangeren Mutter bis zur Adoption dauerte es rund drei Wochen. Weder der Dienst einer Adoptionsagentur noch eine Vermittlung der Sozialbehörden waren dafür notwendig. "Es handelte sich um eine private Adoption", sagt die 41-jährige Paula Roberts. Allerdings musste die Adoption durch die Behörden von Neufundland und von Nunavut genehmigt werden.

In den vergangenen sechs Jahren, berichtet die Zeitung The National Post, seien mehr als hundert Kinder der Inuit, wie die kanadischen Eskimos genannt werden, von weißen Familien vornehmlich im Süden und Osten Kanadas adoptiert worden. Nunavut hat die höchste Geburtenrate in ganz Kanada. In den Jahren 2006 und 2007 kamen 24 Geburten auf 1000 Einwohner, das ist mehr als doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt von 10,8 Geburten. Neufundlands Rate beträgt nur 8,5 Geburten.

Für Inuits sind Adoptionen Teil ihrer tausendjährigen Tradition. Häufig werden Kinder an unfruchtbare Frauen verschenkt oder an Großmütter, deren Kinder erwachsen sind. Dies wird von den Behörden anerkannt und geschieht ohne Papiere. Die Kinder wissen stets, dass sie adoptiert sind. Der Kontakt zu ihren natürlichen Eltern bleibt in der Regel bestehen. Dies hat unter den harten Lebensbedingungen in der Arktis den Vorteil, dass ein Kind mehrere Bezugspersonen hat, was sein Überleben sichert.

Enge Kontakte

In Nunavut arbeiten viele Frauen und Männer aus Neufundland oder anderen Atlantikprovinzen. Dadurch entstehen enge Kontakte zur Inuit-Bevölkerung. Über diese Kontaktpersonen suchen Inuit-Mütter, viele von ihnen noch minderjährig, weiße Adoptiveltern für ihre Babys.

So geschehen im Fall von Nathan und Carolyn Norman aus Neufundland. Die 24-jährige, schwangere Inuit-Mutter, die bereits drei Kinder hatte und nicht mit deren Vater verheiratet war, kontaktierte die Normans über eine Bekannte. Die Adoption wurde während eines Telefonats vereinbart, und drei Monate später holten die Normans ihren Adoptivsohn Tyler auf dem Flughafen von Nunavuts Hauptort Iqaluit ab. Der leibliche Vater übergab dem Adoptivvater den Säugling mit dem Worten: "Hier, Dad, hier ist dein Sohn."

Die Richtlinien des Gesundheits- und Sozialministeriums von Nunavut verlangen für weiße Adoptiveltern aus anderen Provinzen eine Überprüfung des Adoptionsprozesses durch die Behörden. Yasmina Pepa, Sprecherin des Ministeriums, betont, dass es keinen Massenexodus von Inuit-Babys aus Nunavut gebe: "Im vergangenen Jahr waren es nur etwa 15 Adoptivkinder."

In Neufundland treffen sich die Familien adoptierter Inuit-Kinder jedes Jahr und lassen einige Inuit-Bräuche auferstehen. Alle Familien bemühen sich, den Kontakt ihrer Kinder zur Inuit-Kultur zu ermöglichen. Die Roberts' wollen Ian später auch Nunavut zeigen. Der übt sich derweil in einer uralten Inuit-Tradition - dem Kehlkopfsingen. (Bernadette Calonego, DER STANDARD - Printausgabe, 11. Jänner 2008)

  • Paula und Bert Roberts mit dem von ihnen adoptierten Inuit Jan. Der Kontakt mit den leiblichen Eltern bleibt erhalten.
    foto: calonego

    Paula und Bert Roberts mit dem von ihnen adoptierten Inuit Jan. Der Kontakt mit den leiblichen Eltern bleibt erhalten.

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