Stimmungshilfen zur Last der Langeweile

11. Jänner 2008, 18:03
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Gastspiel des Theaters Rampe im TAG mit Kai Hensels "Welche Droge passt zu mir?" in der Regie von Eva Hosemann

Wien – Kai Hensels Frage: "Welche Droge passt zu mir?" soll an diesem Soloabend nicht beantwortet werden. Das kann sich, wenn überhaupt, jeder für sich überlegen (Eine "Seminarleiterin" gibt immerhin Entscheidungshilfen: Speed sei zum Abnehmen günstig, Ecstasy fördere die Zärtlichkeit), immer wieder wird dazu der Monolog im Foyer des Theaters an der Gumpendorfer Straße zum In-sich-Kehren unterbrochen – ein Zimmerbrunnen plätschert, Esoterik klirrt aus dem Lautsprecher.

Petra Weimer spielt die immer ein wenig verschmitzt, nachgerade selig lächelnde Hausfrau Hanna Schlüter, die ihren gutbürgerlichen Anstand in krassen Kontrast zur verdorbenen Ungeniertheit der Drogensüchtigen stellt.

Weshalb, möchte man fragen, fängt eine vernünftige, nicht mehr ganz junge Frau, Mutter und somit wohl verantwortungsbewusst obendrein, auf einmal an, die Langeweile ihres Lebens mit Pillen in bunteren Farben auszumalen? Kai Hensel, ehemals Werbetexter, kann das in streckenweise erdrückend Hüllen-lastigen Vortragssätzen recht nachdrücklich vorstellen: Die Frau, mit geschwungenem Holly-Golightly-Zopf adrett in einen beigen Zweiteiler gesteckt und in der Regie von Eva Hosemann verschwörerisch zur Selbsttherapie veranlasst, möchte nach ihrem Gesinnungs(an)leiter Seneca nicht den "sicheren Pfad" gehen.

Die Vormittage sind lang, mit dem "verweichlichten" Sohn weiß sie ohne gelegentliche "Stimmungshilfen", die sie anfangs bei Handwerkerlehrlingen ersteht, nichts anzufangen. Man lebt das Leben, das man zu leben wagt, die großen unerfüllten Träume, Schranken, Disziplin und so weiter sind die Stichworte einer Art von willensstarkem Rechtfertigungsdrang, in dem Weimer, die in ihre Vortragskunst die Aggressions- und Panikattacken der Drogen-Nebenwirkungen ausdrucksvoll eingliedert, nicht zuletzt den "intellektuellen Drogenkonsumenten" Gottfried Benn zu ihrer Verteidigung heranzieht. (Isabella Hager / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.1.2008)

Weitere Aufführungen: 11. und 12. 1., 20.00 Uhr.
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