Die flexiblen Geister: "Yella"

18. Jänner 2008, 14:32
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Unheimliche Welt des Kapitals: Christian Petzold beschreibt das gegenwärtige (Arbeits-)Leben in Deutschland als Geistergeschichte

... – ein ruheloses Driften zwischen Hotels, Verhandlungen und leeren Orten.


Wien – "Interessieren Sie sich für Bilanzen?" Der Mann, der da fragt, wird sich für seine brüske Anrede der ihm noch fremden Person gleich entschuldigen. Die in ihr Buch vertiefte Frau – Yella, die Titelheldin – wird zuerst gar nicht reagieren. Sie hat kurz davor auf das Notebook des Mannes geblickt, auf dem als Bildschirmschoner langsam eine Welle brach: einer dieser Momente im neuen Film von Regisseur Christian Petzold, in dem die Handlung kurz erstarrt. Leise hört man Beethovens Mondscheinsonate, und die träumerische Unwirklichkeit der nur zu wirklichen Umgebung eines Hotels, in der sich das alles abspielt, wirkt berauschend.

Man hat den Filmen von Petzold schon oft einen sehr präzisen Umgang mit der Gegenwart seines Landes attestiert. Das gilt auch für "Yella", wenngleich sich der Film, mehr noch als seine bisherigen Kinofilme, "Die innere Sicherheit" und "Gespenster", einen Blick aneignet, der ihn von den materiellen Dingen der Welt ein wenig entrückt. Yella, von Nina Hoss mit blassem Teint und sanft schleppenden Bewegungen verkörpert, möchte ihrem bisherigen Leben im ostdeutschen Wittenberge, von dem außer einer kaputten Ehe und einer ruinösen Firma nichts übrig ist, ein Ende setzen und einen neuen Job als Buchhalterin im Westen annehmen.

Entrückte Welt

Den Übertritt inszeniert Petzold als Genrefall, der lose an Herk Harveys B-Horrorfilmklassiker "Carnival of Souls" (1962) angelehnt ist. Ein Streit Yellas mit ihrem Mann endet damit, dass das Auto in die Elbe stürzt. Danach ist die Welt ein wenig entrückter und kälter, aber das könnte auch an der veränderten Lebensweise Yellas liegen.

Wichtiger als dramaturgische Rätsel sind hier aber ohnehin die Bedingungen einer Arbeitswelt, in der ganz spezifische Codes und Gesten vorherrschen. Petzold geht es um die Beschreibung von immaterieller Arbeit, bei der Menschen kaum lange an einem Ort verharren, vor verglasten Wänden Geschäfte tätigen, um virtuelles Kapital verhandeln und in Hotels übernachten, die sich alle gleichen. Der Dokumentarfilm "Nicht ohne Risiko", in dem Harun Farocki – bei Petzolds Filmen stets als Berater mit dabei – einen Verhandlungspoker um Risikokapital begleitet, stand für einzelne Teile Pate. Petzold legt rhetorische Manöver bloß, etwa denn Broker-Trick – verschränkte Arme hinter dem Kopf –, der geschäftig wirken soll, wenn man gerade nicht weiter weiß.

Doch "Yella" zielt als Spielfilm natürlich vor allem auf die Menschen und ihr Selbstverständnis ab – und nicht auf spätkapitalistische Verfahrensweisen. Er will zeigen, wie es ist, unter diesen Bedingungen zu leben; von Yella erzählen, die sich an der Seite von Philipp (David Striesow), dem Manager ohne Skrupel, in Verhandlungen bewährt und die doch ein somnambules Wesen bleibt, das sich mit Mühe aufrecht hält.

Das Gespenstische kommt dem Film nie abhanden, sondern dient als bestimmendes Stilmittel. Wie ein Schleier liegt es über den Einstellungen, die andererseits so wohlkomponiert, so aufgeräumt wirken. Manchmal dringen seltsame Geräusche in diese Welt vor, ein Plätschern, das Heulen des Windes – Abweichungen, die ähnlich unheimlich wirken wie bestimmte Gesten, die sich in veränderten Kontexten wiederholen und das Vertraute mit einem Mal fremd erscheinen lassen.

Der Film belässt es bei solchen Irritationen. Die beiden Figuren, Yella und Philipp, sind aller traditionellen Zusammenhänge enthoben. Heim und Familie haben sie gegen eine Ruhelosigkeit getauscht, in der das alte Leben nur noch wie ein fernes Echo zu vernehmen ist. Sie sind die neuen Outlaws. Es ist interessant zu beobachten, wie Petzold sich von Film zu Film ein Deutschland ausmalt, in dem hinter den Ausformungen einer postindustriellen Landschaft keine Lebenswelt mehr zu entdecken ist. Die Leere von "Yella" ist sein eigentlicher Spuk – ein Geheimnis, das nichts mehr verbirgt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.1.2008)

  • Ruhepause in einem rastlosen Arbeitsdasein: Yella (Nina Hoss), die Titelheldin aus Christian Petzolds neuem Film.
    foto: stadtkino

    Ruhepause in einem rastlosen Arbeitsdasein: Yella (Nina Hoss), die Titelheldin aus Christian Petzolds neuem Film.

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