Fünfmal Zukunft

4. Februar 2008, 11:44
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Produkte von morgen existieren bereits in den Laboren von heute - Zumindest in den deutschen - Ein neues Buch beweist dies eindrucksvoll

Ein USB-Stick fürs Hirn, das wär's. Einer, der Geistesblitze aus den grauen Zellen heraussaugt, die sich dann zwecks bequemer Weiterbearbeitung auf den Rechner übertragen ließen. Solch Wunderwerk lauert leider noch nicht in den Pipelines von Forschungslaboren. Dafür aber stellt uns der Band "100 Produkte der Zukunft" vor, die "wegweisend" sein sollen und "unser Leben verändern werden", verspricht der Untertitel. Herausgegeben hat es Theodor W. Hänsch, Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik im bayerischen Garching und Pionier der Laserspektroskopie. 2005 erhielt er den Nobelpreis für Physik und schien deshalb prädestiniert, jener Jury aus Wissenschaftern und anderen schlauen Menschen vorzusitzen, die aus der Flut jener Innovationen, an denen deutsche Wissenschafter und Thinktanks gerade werkeln, die zukunftsträchtigsten vorzustellen. Hier sind zumindest fünf davon - damit auch Sie eine Ahnung davon bekommen, was uns übermorgen erwarten könnte:

Rohrpost mit Rückenwind

Bei "VeloVent" haben die Tüftler der Technischen Uni (TU) München wohl ein bisschen zu viel "Futurama" geschaut. Auch dort - die Sci-Fi-Zeichentrickserie spielt im 31. Jahrhundert - gibt es neben schwebenden Autos ein System aus Röhren, durch die man angesaugt und zum Zielort gebracht wird. Die Münchner jedenfalls holen die Idee aus der animierten Fiktion in die Realität des 21. Jahrhunderts: Voraussichtlich 2015 sollen zentrale Knotenpunkte im Stadtverkehr mit einem Netzwerk aus transparenten Röhren verbunden sein, in denen Radfahrer auf jeweils zweispurigen Bahnen pro Fahrtrichtung ihrem Ziel entgegenrollen. Ein Luftstrom sorgt mittels Rückenwind für zusätzliches Tempo. Na, dann: Rohr frei. Hoffentlich.
www.sport.tu-muenchen.de

Aussichtsloses Fliegen

Sollten sogenannte "Nurflügler" herkömmliche Passagierflugzeuge tatsächlich irgendwann einmal ablösen, erübrigt sich die Frage "Fenster oder Gang?" beim Einchecken. Denn die eigenartigen Fluggeräte, deren Form an Rochen erinnert, werden kaum Fensterplätze haben. Dafür werden sie umso mehr Menschen transportieren können: 900 Passagiere sollen hineinpassen. Und sie werden schnell sein. Schließlich dient im Unterschied zu herkömmlichen Fliegern beim Nurflügler die gesamte Konstruktion als Antriebskörper. Frankfurt-New York in sechseinhalb Stunden: Bei diesen Aussichten lässt sich schon einmal auf den Ausblick verzichten. Bis 2030 wollen Hamburger und Münchner Wissenschafter einen solchen Großraum-Nurflügler startklar machen.
www.haw-hamburg.de
www.ac2030.de
www.ids-jork.de

Arachnoider Dellentod

Dass Forscher mitunter ein bisschen spinnert sind, ist ein weitverbreitetes Klischee. Oder wer käme sonst auf die Idee, Spinnenseide mithilfe gentechnisch veränderter Darmbakterien herzustellen? Und wozu überhaupt? "Deshalb!", meinen die Mitarbeiter des Projekts "Fiberlab" an der TU München: Spinnenseide ist belastbarer als Stahl, enorm dehnbar, elastisch, antibakteriell. Sie kann, einmal gedehnt, aufgrund ihrer Struktur nach und nach wieder ihre ursprüngliche Form annehmen. Was ließe sich damit alles anstellen: künstliche Sehnen, Wundverbände, reißfestes Papier, Auto- und Flugzeugteile. So zwischen 2009 und 2012 soll es bereits so weit sein. Und das würde auch den Anfang vom Ende der gemeinen Delle in der Motorhaube bedeuten!
www.fiberlab.de

Die Quadratur des Datenflusses

Die ehrgeizigen Pläne der Paderborner Ingenieure werden Internet-Piraten feuchte Träume, Vertretern der Film- und Musikindustrie aber wohl eher Albträume bescheren. Die Jungs und Mädels wollen richtig große Datenmengen richtig schnell übertragen. Dafür eignet sich die "optische Quadraturphasenumtastung". Klingt kompliziert, ist es auch. Deshalb nur so viel: Bei diesem Verfahren werden jedem Lichtsignal, das über ein Glasfaserkabel übertragen wird, bis zu vier Informationen oder Bit gleichzeitig aufgeprägt.

Das ging bisher auch schon - langsam. Doch mittels neuer Elektronik und dem sogenannten "Polarisationsmultiplex" soll es bis 2012 gelingen, auf fast jeder beliebigen Glasfaser mindestens 160 Signale mit unterschiedlichen Lichtfarben zu übertragen. Jedes davon würde somit 40 GBit pro Sekunde transportieren. Nur damit Sie sich etwas darunter vorstellen können: 40 GBit entsprechen der Größenordnung eines Kinofilms.
www.uni-paderborn.de

Pünktchen mit Durchblick

Um etwa ein Autofenster gleichzeitig zu einem durchsichtigen Display zu machen, bedarf es lichtdurchlässiger Pixel, die auf einer ebenfalls transparenten Schicht farbig leuchten. Aus den kleinen Bildpunkten können Schriftzüge, Grafiken oder Fotos zusammengesetzt werden. Bisher scheiterte dies an den Steuereinheiten der hierfür benötigten organischen Leuchtdioden, OLEDs, bekannt vom Handy. Diese werden aus Silizium hergestellt, was allerdings die Angewohnheit hat, lichtundurchlässig zu sein.

Forscher an der TU Braunschweig entwickelten daher Steuereinheiten aus hauchdünnen Zinkoxidschichten, die viel Licht durchlassen. Und so bleibt der Durchblick erhalten, obwohl die Pixel doppelt so hell leuchten wie die Bildpunkte herkömmlicher Bildschirme. Markteinführung etwa von 2010 an, Anwendungsideen gibt's schon jetzt zuhauf: Nicht zuletzt scheint sich das Militär brennend dafür zu interessieren. Das Display im Helm soll die Wahrnehmung des Soldaten erweitern.
www.tu-braunschweig.de/hf
(Markus Böhm/Der Standard/rondo/11/01/2008)

Theodor W. Hänsch (Hg.):
"100 Produkte der Zukunft"
Econ Verlag
25,60 Euro
  • Artikelbild
    foto: econ-verlag
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