Bergsucht für Anfänger

13. Jänner 2008, 17:00
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Berg- und talwärts: Eine Ausstellung in der Innsbrucker Hofburg beleuchtet eine "unverständliche Leidenschaft"

Es war vor vielen Jahren auf einer Frühjahrstour in den Stubaier Alpen. Als wir im Anstieg die Ski stehen ließen, um die letzten 150 Meter zum Gipfel des Zuckerhütls zu Fuß zu gehen, überraschte eine aus der Gruppe uns mit der verwunderten Frage, warum wir weitergingen, wenn man von da oben ohnehin nicht abfahren könne. Sie war zum ersten Mal auf einer Tour und erklärte, sie habe geglaubt, wir seien wegen des Skifahrens hier heraufgekommen.

Nichts konnte sie überzeugen. Sie blieb beim Skidepot und fuhr, nachdem wir zurück waren, vollkommen zufrieden mit uns wieder ab. Für sie waren - und sind es übrigens immer noch - Berge eine unverständliche Leidenschaft.

Mit dem Blick von oben

Diese Leidenschaft, manchmal auch als Sucht bezeichnet, gilt indes, wie unzählige schriftliche Zeugnisse hoher und weniger hoher Qualität belegen, jenen Menschen, die ihr frönen, als höchste Befriedigung, jauchzendes Glück und heroische Tat. Sie zeuge von körperlicher und mentaler Stärke, die für alle anderen Lebensbereiche vorbildhaft erscheint, und trägt sogar religiöse, besser gesagt: die Religion in Besitz nehmende Züge. Mit dem Blick von oben, so erklären uns Kulturhistoriker, nahm der Mensch eine Perspektive ein, die früher nur Gott vorbehalten war. Mit dem Gipfelkreuz - eines der ersten wurde im Jahr 1800 auf dem Großglockner errichtet - dokumentiere der Bergsteiger seinen Triumph über das Universum und ganz nebenbei über all jene Mitmenschen, denen, aus welchen Gründen auch immer, ein Leben in den Niederungen genügt. "Es haben ja nur halb gelebt", heißt es in einem Bergsteigerlied, "die nie da droben standen." Das war freilich nicht immer so. Johann Joachim Winckelmann, der vor 250 Jahren mit seiner Bewunderung der edlen Einfalt und der stillen Größe wie kein anderer die Ästhetik der deutschen Klassik bestimmte, verhängte 1760 bei der Fahrt über den Schweizer St.-Gotthard-Pass die Fenster seiner Kutsche, um seinen Augen den furchtbaren Anblick von Fels und Eis zu ersparen.

Schrecken der Bergwelt

Von da an ging es allerdings sehr schnell. Im gleichen Jahr, in dem Winckelmann den Blick auf die Schrecken der Bergwelt verweigerte, setzte der Schweizer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure eine Belohnung für denjenigen aus, der einen gangbaren Weg auf Europas höchsten Berg, den Montblanc, fände. Plötzlich wurde das "schaurig Schöne" der Fels- und Eisberge gepriesen, dem sich urbane Bürger, Vertreter der Aufklärung, geführt - manchmal auch gezogen - von Hirten und Gämsenjägern, näherten.

"Berg-Sucht"

Das meiste über die Kulturgeschichte dieses frühen Bergsteigens geriet in Vergessenheit, wurde überlagert vom Fortschritt des Alpinismus. Erst jetzt, ein Vierteljahrtausend nach den ersten Hochgebirgserfahrungen, wendet sich das Interesse den Details dieser kulturhistorischen "Erfindung" zu: der Organisation, den Techniken, der Ausrüstung der frühen Bergreisen und ihren emotionalen Begleiterscheinungen. So setzt sich beispielsweise der deutsche Ethnologe Martin Scharfe in seinem soeben erschienenen Buch mit dem Titel "Berg-Sucht" anhand früher schriftlicher und bildlicher Darstellungen ausführlich mit dem Gefühl des Schwindels und der Sturzangst in großer Höhe und ausgesetztem Gelände auseinander, die von den neugierigen Städtern erst einmal zu bewältigen waren. Andere Kapitel des Buches sind dem ambivalenten gegenseitigen Verhältnis zwischen den bürgerlichen Gipfelstürmern und ihren bäuerlichen Führern oder auch den alpinen Mythen und Tabus und ihrer Entzauberung gewidmet.

"Unverständliche Leidenschaft"

Eine andere, sehr vergnügliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist die Ausstellung "Berge, eine unverständliche Leidenschaft", die der Österreichische Alpenverein für die nächsten Jahre in einem Trakt der Innsbrucker Hofburg installiert hat. Konzipiert von einem internationalen Kuratorenteam, entwirft sie aus Beständen des Alpenverein-Museums und vielen Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen ein buntes Bild dessen, was Bergsteigen war und ist.

Panoptikum an Erinnerungsstücken

Da sind die monumentalen Ölgemälde des berühmtesten Alpenmalers Edward Theodore Compton neben hunderten von Fotos aus dem AV-Archiv zu sehen. Naturwissenschaftliche Studien über Ermüdung, Höhenkrankheit und Farbwahrnehmungen auf blendenden Schneeflächen betrieb im 19. Jahrhundert der italienische Physiologe Angelo Mosso. Sie sind in der Ausstellung ebenso dokumentiert wie die Obsession seiner Zeitgenossen, der bayrischen Brüder Schlagintweit, die am Anspruch, aus Bergen von Daten die gesamte Bergwelt fassbar zu machen, letztlich scheitern mussten. Nicht vergessen wurde von den Ausstellungsmachern auf Bergreliefs, vom Dachstein bis zu den Drei Zinnen, auf Souvenirs, made in China, und auf das Aufputschmittel Pervitin, das eine Zeitlang zur Ausrüstung von Himalaya-Expeditionen gehörte.

So trägt diese kurzweilige Schau ein Panoptikum an Erinnerungsstücken zusammen, die die für manche unverständliche Leidenschaft, auf Berge zu steigen, möglicherweise plausibler, vielleicht aber noch unbegreiflicher machen. (Horst Christoph/DER STANDARD/11.12.2008)

Literatur:
Martin Scharfe: "Berg-Sucht. Eine Kulturgeschichte des frühen Alpinimus". 382 S., zahlr. Sw.-Abb. Wien/ Köln/Weimar, Böhlau Verlag, € 17,80.

Anneliese Gidl: "Alpenverein. Die Städter entdecken die Alpen". 444 S., zahlr. SW- und Farbabbildungen Wien/Köln/Weimar, Böhlau Verlag, € 49,-.

Agnès Couzy, Catherine Donzel, Martin Rasper, Marc Walter: "Legendäre Reisen in den Alpen". Aus dem Französischen von Marianne Glaßer. 320 S., zahlr. SW- und Farbabb. München, Verlag Frederking & Thaler, mit GEOSaison, € 51,40.

Hans Haid: "Mythos Lawine - eine Kulturgeschichte". 250 S., mit Illustrationen. Innsbruck/Wien/München, Studienverlag, € 29,90.

Ausstellung:
"Berge, eine unverständliche Leidenschaft". Ausstellung des Alpenverein-Museums in der Hofburg Innsbruck. Ganzjährig geöffnet, tägl. von 9 bis 17 Uhr. alpenverein.at. Dazu erschien ein gleichnamiges illustriertes Buch, mit dem Untertitel "Ein kulturhistorisches Bilderlesebuch zum Verhältnis Mensch und Berg". 179 S. Wien/ Bozen, Folio Verlag, € 17,80.

  • Ölgemälde (Großglockner) von Edward Theodore Compton.
    foto: alpenverein-museum/west.fotostudio

    Ölgemälde (Großglockner) von Edward Theodore Compton.

  • Ein Panoptikum an Erinnerungsstücken in der  Ausstellung "Berge, eine unverständliche Leidenschaft".
    foto: alpenverein-museum/west.fotostudio

    Ein Panoptikum an Erinnerungsstücken in der Ausstellung "Berge, eine unverständliche Leidenschaft".

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