So viel von den Pyramiden und den Mumien

10. Jänner 2008, 17:00
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Nur hartnäckige Orientverweigerer können sich dem Lebensgefühl entziehen, das einen in Kairo befällt - wenn man erst einmal zur Ruhe gefunden hat

"Es kommt vor, dass man in Kairo ganze Personen kaufen kann." Keine Sorge, der nächste Satz lautet: "So viel von den Pyramiden und den Mumien", es handelt sich bei den zu kaufenden Personen also zumindest um keine lebenden. Und heute ist auch da die ägyptische Altertumsbehörde vor: Geschrieben hat beide Sätze nämlich Samuel Kiechel, der 1588 Ägypten bereiste, unter anderem fuhr er von Kairo nach Gizeh zu den Pyramiden hinaus, wozu er sich extra alte zerrissene Hemden und Hosen anzog, um nicht überfallen zu werden (einer Ausraubung durch die Vorfahren der heutigen Tourismusindustrie entging er trotzdem nicht).

Die ganze Geschichte ist nachzulesen in "Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. - 2000 n. Chr." (Promedia Verlag), das als Reiselektüre zu empfehlen ist, schon allein wegen des vom preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (dem späteren Kaiser Friedrich III.) beklagten "auffälligen Benehmens der Österreicher", die sich bei der Einweihung des Suezkanals 1869 mit ihren Schiffen vordrängten.

Bei einer Geschichte über Kairo landet man leicht in der Vergangenheit, zu kompliziert ist die Gegenwart. Kairo liebt man oder hasst man, dazwischen gibt es nichts. Ich habe einen (österreichischen) Freund, der schlüpft in Kairo wie in eine zweite Haut. Er lebt in einem anderen arabischen Land und muss ständig nachhause nach Kairo fahren. Er bewegt sich durch die Stadt wie eine Figur aus einem Roman von Nagib Mahfus, während unsereins über die Löcher und abgerissenen Gehsteigkanten fällt und sich an kreuz und quer abgestellten Autos anhaut.

In gutem infrastrukturellen Zustand ist Kairo nicht, dem werden als Allererste die alten Kairiner zustimmen, die noch nicht in die neureichen Viertel am Stadtrand gezogen sind. Für die touristischen Bedürfnisse wird natürlich viel getan, das lässt nicht zu wünschen übrig. Obwohl - wer sich etwa auf der Homepage des Ägyptischen Museums über Aktualitäten informieren will (wie ich soeben), wird feststellen, dass das letzte Update von 2003 stammt. Zeit haben sie, die Ägypter.

Brauchen sie auch - um im Stau zu stecken (wenigstens etwas, das sie mit den Israelis gemeinsam haben). Der Moloch Kairo lässt seine Untertanen gerne zappeln, besonders zu Stoßzeiten. Da verstärkt sich das Ameisen-Lebensgefühl, das einen in Kairo mit bis zu 25 Millionen Einwohnern (im Großraum, versteht sich) schon einmal anfällt. In diesen Momenten könnte man sich vorstellen, dass ein amoklaufender Automobilist eine Revolution auslöst. Aber das wäre nicht ägyptisch, so lautet zumindest das Klischee. Wie Alaa al-Aswani einen seiner Protagonisten in "Der Jakubijan-Bau" sagen lässt: "Die Ägypter sind das am leichtesten regierbare Volk der Welt (...) Gott hat sie so gemacht" (auch eine mögliche Reiselektüre, aber weniger amüsant als die erste Empfehlung).

Es ist richtig, dass Touristen in Ägypten manchmal unter Aufdringlichkeiten leiden - und da besonders Touristinnen (eine der Gnaden des Alters, dass das mit der Zeit abnimmt ...). Aber es stimmt schon, die Ägypter gehören zu den liebenswertesten und geduldigsten und gastfreundlichsten Personen auf dieser Erde. Antiwestliche Gefühle oder Unmut über ihre Obrigkeit zeigen jene, die unter ihr leiden - es gibt immerhin auch Gewinner der in Zahlen überaus erfolgreichen Wirtschaftsreformen der vergangenen Jahre -, im Allgemeinen nur sotto voce, und alles andere würde auch nicht in eine Reisegeschichte gehören.

Was aber dazugehört, ist das Optische, und das kann man schon auch in eine gewisse Richtung interpretieren. Edith Binderhofer, eine österreichische Politologin, die 2004 nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder nach Kairo zurückkehrte (wo sie zwei Jahre gelebt hatte), sah nur mehr Kopftücher (90 Prozent aller Frauen, schätzt sie). Und im Sportclub muslimische Frauen nur noch in Ganzkörperverhüllung im Wasser. In einem Mail an Freunde zeigte sie sich "fassungslos darüber, dass die Frauen keine andere Ausdrucksmöglichkeit finden, ihre Identität gegenüber dem Westen und ihre Kritik an der Regierung zum Ausdruck zu bringen". Und nach dem guten alten Kopftuch werden wir uns noch sehnen: Heute wird es in einem gewissen islamistischen Sektor bereits vom kompletten Gesichtsschleier verdrängt.

Stimmig, wenn auch verzichtbar, erschien es mir bei einem Besuch bei Muslimbrüdern in Kairo im November 2006, dass im Aufzug des Hauses, in dem sich deren Büro befand, eine blecherne Stimme Koran-Verse zu leiern begann, sobald man auf den Knopf für das betreffende Stockwerk drückte. Diese Art der Frömmigkeit aus der Konserve ist mittlerweile der große Heuler in Kairos Liften. Umm Kulthum, die große Dame des klassischen Gesangs, eine Ägypterin (wie viele andere berühmte arabische Sänger), bei deren Konzertübertragungen früher die ganze arabische Welt innehielt, wäre als akustische Untermalung mindestens ebenso authentisch und mir wahrlich lieber, aber mich fragt ja keiner.

Aber al-Qahira, Kairo, die Siegreiche, von der schon 988 der Geograf al-Muqaddasi schrieb, sie stelle als Stadt Bagdad in den Schatten (da war Kairo übrigens fatimidisch, also schiitisch, das musste später ausgemerzt werden), wird auch das noch überleben, wie auch der Nil, der breit - und gar nicht so träge - durch die Stadt fließt. In einem Café an seinem Rand sitzend, oder von mir aus auch irgendwo in der Altstadt, mit oder ohne Wasserpfeife, die Menschen beobachtend, das Leben riechend, manchmal gut, manchmal schlecht - am besten natürlich, wenn es nach Aisch duftet, nach Brot, und Aisch heißt übersetzt tatsächlich Leben -, muss man schon ein hartleibiger Orientverweigerer sein, um nicht Glücksgefühle zu verspüren.

Ein Bagdader Freund behauptet, dass in Ägypten die Gebetsrufe viel freundlicher und melodiöser seien als anderswo, dem versuche ich auch immer nachzulauschen. Und zu besichtigen gibt es natürlich genug, aber ich bin ja kein Reiseführer und selbst ständig zwischen dem pharaonischen und dem islamischen Ägypten hin- und hergerissen - wobei die Pharaonen ja bis heute überlebt haben, es gibt sie noch.

Über das Essen, die Küche, hätte ich hingegen gerne geschrieben beziehungsweise darüber, dass ich mich im Garten des Marriott an einen Tisch am Rand zu setzen pflege, um den dort wohnenden Katzenkindern eine Freude zu machen. Das ist zwar nicht gerne gesehen, aber mein Tribut dafür, dass ich solche Etablissements zwecks der flüssigen Essensbegleitung im Orient dann und wann aufsuche. Es gibt übrigens immer noch Weine aus ägyptischer Produktion, der Firma Gianaclis. Pflegten wir bei früheren Ägyptenreisen zu behaupten, der Wein schmecke nach dem Muff der Nilschiffe (Medizinalton nennt sich das), so kann man zumindest gegen die Roten heute wirklich nichts mehr sagen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD/RONDO/11.01.2008)

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Anreise: z. B. mit der Egypt Air
Opernring 1/4, 1010 Wien
Tel.: (01) 587 45 32-0

Allgemeine Infos:
Ägyptisches Fremdenverkehrsamt
Opernring 3/3, 1010 Wien
Tel.: (01) 587 66 33
E-Mail:info.at@egypt travel


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  • Die einstige Kaffeehaustradition Ägyptens ist fast in Vergessenheit geraten, aber da und dort findet man noch ein Kleinod, das dieser Kultur gerecht wird - mitunter unter freiem Himmel, wie im Park des legendären Hotels Winterpalace in Luxor.
Bild und Text: Doris Dobida
>>> Mehr Bilder unserer LeserInnen sehen Sie in der Ich war da: Ansichtssache.
    foto: doris dobida

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    Bild und Text: Doris Dobida

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