Ein Bizeps ist keine Maus

14. Jänner 2008, 15:35
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Subversiver Feminismus, großteils nie ausgestellt: Arbeiten aus dem Nachlass von Birgit Jürgenssen in der Galerie Hubert Winter

Bei der ersten Begegnung von Alice Schwarzer mit Simone de Beauvoir im Mai 1970 in Paris habe ihr diese, erzählte Schwarzer vergangenen Herbst in einem TV-Interview, ob des Tragens eines Minis scheele Blicke zugeworfen. Genauer gesagt, Beauvoir habe "einen kurzen, irritierten Blick" auf sie, ihr Outfit und die langen blonden Haare geworfen. Und Schwarzer berichtet weiter, dass sie selbst irgendwann mit dem Röcketragen aufhörte, weil ihr das Pfeifen eines Bauarbeiters unangebracht erschien.

So wie Schwarzer die Skepsis beschreibt, die einem augenscheinlich betont weiblichen Äußeren entgegengebracht wurde, verwundert es nicht weiter, dass Birgit Jürgenssen (1949-2003) immer dementiert hat, eine Feministin zu sein. Optisch sei sie die Antithese zu vielen Feministinnen der 1970er gewesen, liebte Mode, hohe Schuhe, Nagellack und Lippenstift, erzählt Galerist Hubert Winter, der ihre Arbeit als subversiven Feminismus charakterisiert.

Das erste Mal seit dem Tod der Wiener Künstlerin zeigt die Galerie Zeichnungen der 1970er-Jahre aus Jürgenssens Nachlass. Zeichnungen, von denen ein großer Teil bisher nie ausgestellt war und die die subtile Note ihrer Statements einfangen. Subtil, weil nicht eindeutig definierbar, sich nicht aufdrängend, weil sie sich über ihre Rätselhaftigkeit langsamer, aber dafür womöglich nachhaltiger in uns einschreiben.

Sie selbst und ihr Körper als Protagonisten dessen, was dem Innen und dem Außen widerfährt: "Stellvertretend hat sie ihren Körper publik gemacht, ihre Haut gegeben, für uns die unzähligen Projektionen aufzufangen, die auf sie, die auf jede Frau gerichtet sind," schrieb Markus Mittringer im Katalog zur posthumen Ausstellung im MAK 2004.

Fast surreal die Szene eines Paares, das das Gegenüber nicht erkennen kann, weil ihre Blicke verhängt sind; Kommunikation findet allein über die Bindung statt, denn ihre Hände verknüpfen Bänder. Und auch die Sonne, oft ein Symbol des Glücks, ist in ihrem Lauf gebunden. Auf ein Tuch gebannt und ordentlich verzurrt. - Selbstironisch das Blatt "Dieses Match trag ich mit mir selber aus", das eine zum Tennisschläger stilisierte Frau beim Ballspiel mit sich selbst zeigt. Und mit viel Humor und leider zeitloser Aktualität: Bilder von Busen - und Mäuschen-Bizeps. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.1.2008)

Galerie Hubert Winter, Breite Gasse 17, 1070 Wien. Bis 1. 3.

Link: www.galeriewinter.at

  • Links: Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper: In Birgit Jürgenssens "Jeder Leberfleck ein guter Freund 
(Selbstportrait)" von 1978 gleicht der Rücken einer mit Bächen und Feldwegen durchzogenen Landschaftszeichnung.Rechts:  












Der Blick der Frau hinter der "Schuhmaske" (1976): nicht gezähmt, sondern selbstbeherrscht.
    fotos: galerie winter

    Links: Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper: In Birgit Jürgenssens "Jeder Leberfleck ein guter Freund (Selbstportrait)" von 1978 gleicht der Rücken einer mit Bächen und Feldwegen durchzogenen Landschaftszeichnung.

    Rechts: Der Blick der Frau hinter der "Schuhmaske" (1976): nicht gezähmt, sondern selbstbeherrscht.

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