"Ab jetzt zählt der Spin im Wahlkampf"

22. Jänner 2008, 13:34
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Historiker Steven Beller, der Barack Obama im Wahlkampf unterstützt, im STANDARD-Interview: Geld wird wichtig

Der Historiker Steven Beller unterstützt Barack Obama im Wahlkampf. Dieser bleibe auch weiterhin der einzige Kandidat, der die Amerikaner für ein gemeinsames Projekt begeistern könne. Die Republikaner will er indes nicht abschreiben. Mit ihm sprach Christoph Prantner.

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STANDARD: Was für ein Wahlkampf! Könnte es noch spannender sein?

Steven Beller: (lacht) Ja, von mir aus wäre es noch spannender, wenn Barack Obama auch in New Hampshire gewonnen hätte.

STANDARD: Ist der Sieg Hillary Clintons tatsächlich ein Comeback? Oder war sie nicht vielmehr nur kurzfristig als Favoritin abgetaucht?

Beller: Es herrscht jetzt in jedem Fall ein echter Zweikampf in der demokratischen Nominierung. Ab jetzt zählt der Spin im Wahlkampf noch mehr – und vor allem auch die Wahlkampfkassen. Man wird sehen, wie die Kampagnen weiterlaufen. Vor allem die Entscheidung in South Carolina scheint mir wichtig.

STANDARD: Warum treten Sie selbst für Obama ein?

Beller: Weil er im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten für einen Aufbruch steht. Er ist einer, der die Menschen einen kann. Er begeistert sie für ein Projekt. Hillary Clinton ist sicher auch eine gute Kandidatin, aber sie hat nicht Obamas Fähigkeit, alle Amerikaner anzusprechen.

STANDARD: Ab nun wird es in die massenmediale Schlacht gehen. Wer hat dabei Vorteile?

Beller: Diejenigen, die das Geld haben. Und darum wird sich in den kommenden Tagen auch alles drehen. Trotzdem ist in South Carolina immer noch so etwas wie politischer Einzelverkauf gefragt.

STANDARD: South Carolina gilt als „schwarzer Staat“. Obama wird für viele Beobachter aber nicht als schwarzer Kandidat wahrgenommen.

Beller: Ich glaube, Obama wird als schwarzer Kandidat wahrgenommen. Ein Teil der Begeisterung für seine Kampagne ist darauf zurückzuführen, dass er der erste schwarze Präsident werden könnte. Aber die Sache ist komplizierter, weil er sich in einer sehr unterschiedlichen Weise zu früheren schwarzen Kandidaten präsentiert. Er erkennt seinen afrikanischen Background und seine Hautfarbe als wichtige Teile seiner Identität an, aber eben nicht als den einzigen Teil.

Er sieht sich nicht als ein Geteilter, sondern als jemand, der viele Identitäten in sich vereint. Das spricht viele Amerikaner an, insbesondere Liberale. Meine Erklärung dafür, warum andere Schwarze, etwa in South Carolina, bisher nicht so enthusiastisch für Obama eintraten, ist, dass er keinen traditionellen Zugang hat. Er ist kein Jesse Jackson. Zum anderen haben viele Afroamerikaner – bis Iowa – angenommen, dass kein Schwarzer je eine reale Chance auf das Präsidentenamt haben würde. Nach Iowa ist das anders.

STANDARD: In der Auseinandersetzung nehmen viele von den Republikanern weit weniger Notiz als von den Demokraten. Würden Sie die Republikaner schon abschreiben?

Beller: Das wäre ein grober Fehler. Insbesondere in Europa sehen viele nicht, dass die Vorwahlen eine Sache und die Präsidentschaftswahlen eine andere Sache sind. Die Republikaner sind in vielen Bundesstaaten im Vorteil. Ich würde – ohne Rücksicht auf meine eigenen Präferenzen – davon ausgehen, dass es für Clinton schwieriger sein wird, gegen einen Republikaner zu gewinnen, als für Obama. Gleichgültig, wer deren Kandidat ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2008)

  • Zur Person Steven Beller (49) ist Historiker. Er ist in London geboren, hat in Cambridge studiert und lebt in Washington, D.C. Zuletzt ist von ihm erschienen: "Geschichte Österreichs" (Böhlau, 2007, in der Übersetzung von Susi Schneider).Derzeit schreibt Beller an einem Buch über Antisemitismus: "Antisemitism. A very short introduction." Er unterstützt Barack Obama im Wahlkampf, seine Ehefrau arbeitet im Wahlkampfteam des Senators aus Illinois.
    foto: privat

    Zur Person Steven Beller (49) ist Historiker. Er ist in London geboren, hat in Cambridge studiert und lebt in Washington, D.C. Zuletzt ist von ihm erschienen: "Geschichte Österreichs" (Böhlau, 2007, in der Übersetzung von Susi Schneider).

    Derzeit schreibt Beller an einem Buch über Antisemitismus: "Antisemitism. A very short introduction." Er unterstützt Barack Obama im Wahlkampf, seine Ehefrau arbeitet im Wahlkampfteam des Senators aus Illinois.

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