Das Om-perium schlägt zurück

9. Jänner 2008, 17:00
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Yoga macht glücklich – und reich - Glücksritter dieses Fitnesstrends sind Unternehmer wie Chip Wilson - Mit seiner Yogabekleidungsfirma Lululemon verdient der Kanadier Millionen

Chip Wilson hat eine Vision: "Die Welt von der Mittelmäßigkeit zur Großartigkeit zu erheben." Der 52-jährige Kanadier will den Menschen dabei helfen, "länger und gesünder zu leben und Spaß daran zu haben." Seine Arbeit soll den Planeten "zu einem besseren Ort machen."

Was wie der Leitspruch eines sektiererischen Gutmenschenvereins klingt, ist in Wirklichkeit das Firmencredo der kanadischen Sportbekleidungsfirma Lululemon. Die Botschaft des Gründervaters Wilson ist klar: Wer Lululemon-Bekleidung kauft, bekommt sein Lebensglück gleich mitgeliefert. Für 50 bis 120 Dollar das Stück. Auf jeder der roten Einkaufstaschen des Labels ist das so genannte "Manifest" abgedruckt: Wilsons schlaue Tipps für ein besseres Leben. "Tanze, singe, benutze Zahnseide und reise", steht da, oder: "Kinder sind der Orgasmus des Lebens." Aber auch: "Freunde sind wichtiger als Geld." Oder: "Coke, Pepsi, und alle anderen Softdrinks werden die Zigaretten der Zukunft sein. Sie sind kein Ersatz für Wasser. Sie sind nur eine billige Droge." Auf diesen Weisheiten baut der 52-jährige Wilson sein Erfolgsrezept auf.

Die Yoga-Welle rollt und hat ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Laut dem renommierten Yoga Journal, dem Leitmedium der US-amerikanischen Yogi-Community, praktizieren allein in den Staaten mehr als 17 Millionen Menschen regelmäßig die indischen Meditations-, Atem- und Bewegungstechniken lassen sich das jährlich rund drei Milliarden Dollar kosten. Davon werden 500 Millionen in die adäquate Bekleidung für Sonnengruß&Co investiert – ein Riesengeschäft für Firmen wie Lululemon.

Vom Surfer zum Yogi

Das kanadische Unternehmen ist Pionier in dieser Sparte. 1998 eröffnete es seinen ersten Shop in Vancouver. Mittlerweile zählt das Lululemon-Imperium 57 Niederlassungen in Kanada, den USA, Australien und Japan und hat die stärkste Markenpräsenz im hart umkämpften Yoga-Segment. Weitere Expansionspläne stehen am Programm.

Laut Hauptgeschäftsführer Bob Meers, dem früheren Vorstandsvorsitzenden der Sportbekleidungsfirma Reebook, habe Lululemon gerade einmal zehn Prozent seines eigentlichen Marktpotentials ausgeschöpft. 2006 setzte die Firma 148,9 Millionen Dollar mit dem Verkauf von Yoga-Bekleidung um, von Jänner bis Oktober 2007 waren es bereits 169, 6 Millionen. Tendenz weiterhin steigend.

Auf die Erfolgsgeschichte des kanadischen Labels wurde sogar das britische Wirtschaftsmagazin Economist aufmerksam, auch dem renommierten New Yorker Time Magazine war das Lululemon-Phänomen eine Geschichte wert. Firmengründer Chip Wilson gibt dann gerne eine Anekdote von seiner ersten Yogastunde in Vancouver zum Besten. Nur sechs Leute hätten damals vor zehn Jahren mit ihm geschwitzt, allesamt in furchtbar unförmigen Shirts und Hosen. Der findige Geschäftsmann sah Handlungsbedarf und begann, modische und praktische Yoga-Outfits zu entwickeln. Erfahrung brachte Wilson aus seiner Sportbekleidungsfirma Westbeach mit, die auf Mode für Surfer, Boarder und Skater spezialisiert war. Dieses Image ist Wilson geblieben: Nach wie vor kann man sich den hoch gewachsenen Blonden eher auf einem Surfbrett als auf einer Yogamatte vorstellen.

Erzieher, Gäste und Botschafter

Yoga ist das verbindende Element in der Lululemon-Community. Alle der mittlerweile 1.700 Mitarbeiter müssen erst Yoga-Trainings absolvieren, bevor sie Kleidungsstücke designen oder in einem der Shops den Kunden die speziellen Eigenschaften der Lululemon-Stoffe und den Lululemon-Way-of-Life näher bringen dürfen. Verkäufer heißen im Firmenjargon übrigens "Erzieher" (educators). Ein eigenes Lululemon-Glossar auf der Firmenhomepage klärt außerdem auf, dass in der Lululemon-Welt die "geliebten Kunden" nicht als "Kunden", sondern als "Gäste" (guests) bezeichnet werden.

Dann wären da noch die "Botschafter" (ambassadors): Yoga-Leher und andere Profisportler, die mit ihrem regelmäßigen Feedback über Beschaffenheit und Tragekomfort der Kleidungsstücke bei ihrer Optimierung mithelfen. Mit diesem Konzept hat Lululemon drei neue Materialien entwickelt, die Yogi-Herzen höher schlagen lassen: "Luon", einen besonders dehnbaren Stoff; "Silverescent", einen Stoff mit eingewebten Silberfasern, die Schweißgeruch verhindern und "Vitasea", einen Stoff mit Meeresalgenfasern, die die Haut straffen und entgiften, die Zellbildung fördern und stressreduzierend wirken sollten.

Allerdings konnten Tests der US-amerikanischen Tageszeitung New York Times im November vergangenen Jahres keine der propagierten Algenwirkstoffe in Lululemon-Shirts oder Hosen nachweisen. Das Unternehmen reagierte sofort mit weiteren Tests, die das Gegenteil bestätigten. Seetang hin oder her, die Begeisterung für die kanadische Marke blieb ungebrochen. Auf die Verkaufszahlen hatte der Algen-Streit in den USA keinen Einfluss.

In Europa unbekannt

Von der Lululemon-Hysterie in Übersee hat man hier nicht viel mitbekommen. Heimischen Yogis ist die Marke bis dato unbekannt. Das könnte sich bald ändern: Bis zum Olympiajahr 2010 plant Firmengründer Wilson Niederlassungen auf allen Kontinenten. Bis dahin wird sich der österreichische Markt bedeutend vergrößert haben: Der Yoga-Trend ist auch in Österreich ungebrochen. Nach Auskunft des Berufsverbands der Yogalehrenden in Österreich (BYO) existieren zwar keine genauen Zahlen über heimische Yoga-Praktizierende; Elfi Mayr, Mitherausgeberin des Yoga-Guides "Yoga in Österreich" geht 2007 aber von etwa 300.000 Anhängern und jährlichen Zuwachsraten von etwa 25 Prozent aus.

Der große Wachstumsmarkt lockt auch hier Geschäftemacher auf den Plan, im Internet findet der begeisterte Yogi in diversen Web-Shops sämtliches Zubehör – von der Yoga-Matte bis zum Räucherstäbchen. Sigrid Achleitner, Leiterin des Grazer Yogainstituts Sananda, glaubt allerdings nicht an österreichische Yoga-Fashionvictims: "Was das betrifft, sind die Europäer wohl etwas bodenständiger. Ich rate meinen Schülern einfach, in der Kleidung zu erscheinen, in der sie sich wohlfühlen."

Auch Boris Georgiev, Gründer des Ganesha-Zentrums für Ashtanga-Yoga in Wien, kann über mit Meeresalgen- und Silberfasern versetzte Yoga-Kleidung nur schmunzeln: "Yoga ist etwas sehr Einfaches. Dazu brauchst du nur dich selbst und eine Unterlage. Als ich in Bulgarien mit meinen Übungen begonnen habe, tat ich das auf dem Teppich meiner Großmutter." (Nicole Bojar)

  • Sportflasche von Lululemon
    foto: www.lululemon.com

    Sportflasche von Lululemon

  • Yoga-Matten
    foto: www.lululemon.com

    Yoga-Matten

  • Höschen
    foto: www.lululemon.com

    Höschen

  • Featherlite Set
    foto: www.lululemon.com

    Featherlite Set

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