New Hampshire: Comeback-Kid Hillary räumt ab

28. Jänner 2008, 18:25
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Die Demokratin Hillary Clinton hat entgegen aller Umfragen die US-Vorwahlen in New Hampshire gewonnen und sich von ihrem Rivalen Barack Obama abgesetzt

Es dauert, ehe Jay Carson sich traut zu feiern. Über die Leinwand, die sie in der kleineren Sporthalle der Southern New Hampshire University aufgestellt haben, flimmern Balken und Zahlen. Ergebnisse. Hillary Clinton liegt vorn, von Anfang an. Der Abstand zu Barack Obama verändert sich kaum, egal, ob nun fünfzehn oder fünfzig Prozent der Stimmen ausgezählt sind. Aber noch sei das Ergebnis aus Hanover nicht da, dämpfen die Experten. Hanover, eine Studentenstadt, die habe doch sicher Obama gewählt. Also nur nicht zu früh frohlocken.

Eigentlich sollte die Wahlparty ja in der größeren Sporthalle der Uni steigen. Alles war vorbereitet, auf der Anzeigetafel standen die Zahlen 20:08, unter Heimmannschaft Hillary, unter Gastmannschaft Clinton. Aber dann hatte ihr Team kalte Füße bekommen und die Veranstaltung in eine Arena verlegt, die nur halb so groß ist: Es sollte nicht so leer aussehen. Auch unter den Clintonians gab es etliche, die nur noch bangten, dass die Schlappe nicht allzu derb ausfallen würde. Deshalb dauert es eben ein bisschen, bis sich Jay Carson, Hillarys lokaler Pressesprecher, zu jubeln getraut. "Wir sind wieder da", sagt er triumphierend, als die Würfel gefallen sind. "Gestern habe ich eine Website entdeckt, die hieß 'Todeswache für Hillary'. Sie wollten die Stunden bis zu ihrem Ausscheiden zählen. Ein wenig zu früh, finden Sie nicht?"

Erleichterte Siegerin

Als die zu früh Totgesagte auf der Bühne erscheint, kommt sie lange nicht zu Wort, ertrinkt förmlich im Jubel. Glücklich ist vielleicht nicht das treffende Wort, um ihre Miene zu beschreiben. Eher wirkt sie erleichtert. "In der letzten Woche habe ich euch zugehört und dabei meine eigene Stimme gefunden", sagt sie. "Jetzt lasst uns Amerika dasselbe Comeback geben, das mir New Hampshire gerade gegeben hat."

Hillary Clinton, das Comeback-Kid! Damit kopiert sie ihren Ehemann Bill, der 1992 auch schon fast aus dem Rennen schien, bevor ihm bei der Primary in dem Ostküstenstaat mit einem überraschenden zweiten Platz die Wende gelang. 16 Jahre später hat der brillante Redner noch einmal all seine Register gezogen, stellvertretend für seine Frau. Unermüdlich auf Achse, hatte der Mann, der gern "First Husband" heißen möchte, das Pendant zu "First Lady" für die Präsidentengattin, sein Publikum umgarnt. Gab das den Ausschlag? Oder war es der meistdiskutierte Moment der Kampagne? Die Kandidatin, die plötzlich Gefühl zeigte, der die Tränen in den Augen standen?

Manche dichten diesen Moment schon zur Wende von Portsmouth um. In einem Imbiss der beschaulichen Hafenstadt hatte Hillary erkennen lassen, was sich alles an Emotionen hinter der Maske der tapferen Wahlkämpferin verbirgt. Gefragt, wie sie es schaffe, trotz der schlechten Umfragewerte Haltung zu wahren, hatte sie ermüdet und mit den Tränen kämpfend zugegeben: "Leicht ist es nicht, leicht ist es nicht. Wissen Sie, das ist alles auch sehr persönlich für mich." In diesem Augenblick, heißt es, flogen ihr die Sympathien zu, multipliziert durch die unzähligen Fernsehsender, die sie wieder und wieder ausstrahlten, diese Szene anrührender Ehrlichkeit. War es das?

"Ach was, das ist zu kitschig", protestiert Caroline Tarr, die zuvor stundenlang in Concord an einer Ampelkreuzung ausharrte, um, bewaffnet mit blauem Hillary-Poster, Autofahrern zuzuwinken, Flagge zu zeigen. "Die Leute haben sie gewählt, weil sie fühlten, dass sie mehr in den Sachthemen steckt als Obama." Die Dynamik vor dem Urnengang, Tarr beschreibt sie kurz gefasst so: Auftritte vergleichen, hier Obama mit seiner großen Rhetorik, dort Hillary mit ihrem Detailwissen, nüchtern die Alltagsprobleme durchrechnen, die Hypothek, die auf dem Haus lastet, die horrenden College-Kosten der Kinder - und letztlich das Kreuz beim Namen Clinton machen.

Es gibt noch eine andere Deutung des Überraschungscoups, nämlich die, dass die Frauen New Hampshires nicht zulassen wollten, dass eine potenzielle Mrs. President schon in der Vorrunde ausscheiden muss. 47 Prozent der Wählerinnen stimmten für Clinton, nur 34 Prozent für Obama. Und auch ein lokalpatriotischer Erklärungsversuch macht die Runde. Gemäß ihrem kämpferischen Motto "Leb frei oder stirb" wollten die rebellischen New Hampshiraner partout nicht den Trend bestätigen, der aus Iowa kam, dieses glasklare Ja für Obama.

Perfekte Rede des Verlierers

Der brillante Rhetoriker, er hält auch in der Nacht seiner Niederlage eine perfekte Rede. Gezielt greift er den Vorwurf der Clintons auf, er rede immer nur von Hoffnung und Wandel, habe aber konkret nichts zu bieten. "Man hat uns gewarnt, falsche Hoffnung zu säen", ruft er seinen enttäuschten Anhängern zu. Aber in dieser unwahrscheinlichen Story namens Amerika habe das Wort Hoffnung noch nie einen falschen Klang gehabt.

"Immer wenn man uns sagte, wir seien noch nicht bereit, wir sollten es nicht versuchen, wir könnten es nicht, antworteten Amerikaner mit einem einfachen Credo: 'Ja, wir können es.'" "Yes, we can" - ein halbes Dutzend Mal wiederholt er seinen neuen Schlachtruf. Die Botschaft ist klar: Camp Obama kann den Rückschlag wegstecken und weiter gewinnen. (Frank Herrmann aus Nashua/DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2008)

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  • Jubel für Hillary Clinton nach ihrem Sieg. "Ich habe meine eigene Stimme gefunden", meinte sie.
    foto: epa/justin lane

    Jubel für Hillary Clinton nach ihrem Sieg. "Ich habe meine eigene Stimme gefunden", meinte sie.

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