Traiskirchen: Im Auge des "Ansturms"

5. Februar 2008, 20:59
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Das Flüchtlingslager ist nur mäßig gefüllt, Politik und Boulevard sehen dennoch einen Ansturm von Asylwerbern

Viele der Neuankömmlinge werden dank der EU-weiten Datenbank für Fingerabdrücke nur kurz hier sein

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Der "Informator", eine Computersäule mit Informationen zum Asylverfahren, ist defekt, der "Euro-Dacer" (sprich: Daker) will auch nicht so recht. In der im Amtsdeutsch "Erstaufnahmestraße" genannten Raumflucht in der Bundesbetreuungsstelle Traiskirchen sind das an diesem Dienstagvormittag aber auch schon die größten Probleme, die die Belegschaft hat. Die Polizisten, die Daten von Flüchtlingen aufnehmen, sie fotografieren und ihre Fingerabdrücke elektronisch mit dem europaweiten System "Eurodac" abgleichen, versinken nicht in Arbeit.

"Was wir in den vergangenen Tagen erleben, ist eher ein Ansturm der Medien und nicht der Flüchtlinge", meint Franz Schabhüttl mit ironischem Lächeln zum Standard. Der Leiter der Lagers führt Journalisten bereitwillig über das weitläufige Gelände und wundert sich über die Aufmerksamkeit, die die Einrichtung plötzlich wieder bekommt.

Gleicher Wert wie vor einem Jahr

"Exakt 784 Menschen wohnen derzeit hier, ziemlich genau den gleichen Wert hatten wir im Jänner 2007", rechnet Schabhüttl vor. "Da sind die 18 Personen, die aus Kärnten gekommen sind, übrigens schon inkludiert." Der Seitenhieb ist der einzige, den sich der Beamte zur Aktion des Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider (BZÖ), drei tschetschenische Familien aus der Landesbetreuung zu entlassen und "dem Bund zurückzugeben", gestattet.

Er verweist nur auf die geltende Gesetzeslage: "Grundsätzlich ist eine Rücknahme von Personen, die bereits in der Betreuung der Länder sind, nicht vorgesehen." Nachsatz: "Aber natürlich haben wir menschlich gehandelt, als die 18 am Montag um 21 Uhr angekommen sind."

Söhne der betroffenen Familien sollen in eine Massenschlägerei in der Silvesternacht verwickelt gewesen sein, sagt Haider. Das Landespolizeikommando habe eine Liste mit Namen übermittelt, auf der auch die zwei Söhne der Familie H. ((16 und 14 Jahre alt) stehen sollen. Nur: Mit den Jugendlichen hat nie ein Polizist gesprochen. Der 16-Jährige war 2006 selbst Opfer eines Messerattentats und dabei schwer verletzt geworden.

Wie den H.s, die sich auch in Traiskirchen nicht wirklich erklären können, warum sie plötzlich hier sind, erging es zwei weiteren tschetschenischen Familien aus Villach. Auch sie waren am Sonntagabend völlig unvermittelt von ihrer "Abschiebung" nach Traiskirchen informiert worden. Von ihrem Quartiergeber, der selbst auf Nachfrage vom Kärntner Flüchtlingsreferat keine näheren Hintergründe erfuhr.

"Willkürlich herausgepickt"

"Man hat offenbar willkürlich drei Familien herausgepickt, deren Mitglieder der Polizei zwar mit Kleindelikten bekannt waren, aber nie im Zusammenhang mit Gewalttätigkeit aufgefallen sind", zeigt sich Siegfried Stuppnig vom Kärntner Flüchtlingsberatungsverein Aspis empört. Auch die Flüchtlingsbetreuerin Schwester Andreas Weissenbacher vom Kloster Wernberg zeigt sich entsetzt: "Hier wird auch die Unschuldsvermutung auf das Gröblichste verletzt! Die muss in einem Rechtsstaat jedem zustehen."

In Traiskirchen kann man den Vorfall kapazitätsmäßig jedenfalls verkraften - Szenen wie zur Jahrtausendwende, als der Komplex mit fast 2000 Flüchtlingen völlig überfüllt war und Menschen in Notunterkünften schlafen mussten, sieht man nicht. Einzelne Gebäude sind sogar für Renovierungszwecke gesperrt. Der kontinuierliche Anstieg der Belagszahlen über die Weihnachtsfeiertage sei nicht ungewöhnlich und hat nach Schabhüttls Meinung nicht ursächlich etwas mit der Schengenerweiterung zu tun.

Die rund 250 Tschetschenen, die offenbar schon in Polen einen Asylantrag gestellt haben und dann nach Österreich gekommen sind, fallen nicht sonderlich ins Gewicht. "Soweit wir es von ihnen wissen, haben ihnen Schlepper in Polen gesagt, dass das möglich ist. Dann haben sie 600 bis 800 Euro gezahlt - und werden in den kommenden Wochen ohnehin zurückgeschickt, weil ihre Fingerabdrücke ja schon gespeichert sind", schildert der Lagerleiter. Der auch auf Disziplin beharrt: Die Aggressivität tschetschenischer Flüchtlinge sei zwar gesunken, doch wenn jemand zu einer Gefahr für andere werde, habe er kein Problem, ihn aus der Betreuung zu entlassen. (Michael Möseneder/ Elisabeth Steiner/ DER STANDARD, Printausgabe, 9. Jänner 2008)

  • Medien-, nicht Flüchtlingsansturm ortet Leiter Franz Schabhüttl (li.) - im Gespräch mit einem Journalisten.
    foto: der standard/moe

    Medien-, nicht Flüchtlingsansturm ortet Leiter Franz Schabhüttl (li.) - im Gespräch mit einem Journalisten.

  • Die Zeiten von Behelfsbetten sind im Flüchtlingslager Traiskirchen vorbei. Von dem von der Politik gefürchteten "Ansturm" merkt man nichts.
    foto: der standard/matthias cremer

    Die Zeiten von Behelfsbetten sind im Flüchtlingslager Traiskirchen vorbei. Von dem von der Politik gefürchteten "Ansturm" merkt man nichts.

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