Mit einem Jugendanteil von 50 Prozent haben die Messen der Filipino Catholic Community in Wien das, wovon andere katholische Gemeinden nur träumen können
Das Geheimnis der Magnetwirkung liegt in der dynamischen Atmosphäre der Gottesdienste.
****Wien - Während "Father" Cyril Villareal durch die Säle der Pfarre Maria vom Berge Karmel am Stefan-Fadinger-Platz schreitet, stoppen ihn immer wieder Jugendliche, die seine Hand zur Begrüßung an ihre Stirn drücken. "Es ist ein Zeichen von Respekt gegenüber den Älteren", erklärt er. Im nächsten Moment dröhnt ein Gebet auf Englisch durch die Lautsprecher, und ungefähr hundert anwesende Jugendliche malen sich symbolisch ein Kreuz auf die Brust.
Am 28. Dezember 2007 fand das Weihnachtsfest der jugendlichen Mitglieder der Filipino Catholic Community (FCC), eine der zwei großen philippinischen Pfarrgemeinden, statt. Schon in den 1970er-Jahren wurden die ersten Grundsteine der Kirchengemeinde gelegt. Seitdem wuchs die Zahl der Mitglieder stetig. Im Jahre 2002 erklärte Kardinal Christoph Schönborn die Pfarre Maria vom Berge Karmel zum Zentrum der philippinischen Gemeinde.
50 Prozent Junge
Waren es anfangs nur eine Handvoll Messebesucher, so wohnen heute etwa 600 Philippiner der Sonntagsmesse bei. "Die Jungen machen etwa die Hälfte unserer Messebesucher aus", berichtet José Demoy, Priester der FCC.
Die Tradition des Besuchens von Sonntagsmessen zusammen mit der Familie werde auch in den Philippinen gepflegt, wie Christian Aldover (17) erzählt. Er ist einer der vielen in Wien lebenden jungen Philippinern, die jeden Sonntag die Messe besuchen. "Anfangs wurde ich gezwungen, in die Kirche zu gehen und zu ministrieren, dann machte ich es freiwillig." Christian ist in Wien geboren und "mit der Religion aufgewachsen".
R 'n' B statt Orgelklang
Nach einigen Tönen der Musikrichtung R 'n' B beginnt die Moderation der eigentlichen Show. Einem Chor, der Weihnachtslieder a cappella singt, folgt eine Tanzgruppe, die ihr Talent hauptsächlich mit Choreografien zu HipHop-Musik beweist. Dass dies nicht der österreichischen Vorstellung von einem Weihnachtsfest in einer Kirche entspricht, weiß auch Gisela Reiterer, Lektorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sie erläutert den Unterschied zu österreichischen Messen: "Es wird gesungen, gepredigt, gelacht, und die Kleineren spielen mit ihren Gameboys. Es ist alles sehr viel lockerer."
Reiterer begann 1986 mit ihren Studien zu den Philippinen, seit fünf Jahren beschäftigt sie sich mit den Philippinern in Wien. In dem Artikel "Austro-Filipino Youth" der Südostasienexpertin legte sie die Grundzüge der Identitätsfindung und Integration Wiener Filipinos zweiter und dritter Generation dar. Auffällig seien für sie die unterschiedlichen Empfindungen der eigenen Nationalität: Kinder aus Mischehen sähen sich zur Gänze als österreichisch, Jugendliche mit philippinischen Eltern fühlten sich "massivst dazwischen". Sie kam zu dem überraschenden Ergebnis, dass diejenigen, die noch nie auf den Philippinen waren, eine weitaus größere Verbundenheit zur Heimat ihrer Eltern verspüren.
Die FCC bietet ihren jugendlichen Mitglieder zahlreiche Aktivitäten unter kirchlicher Aufsicht an. Die wahrscheinlich beliebteste dieser Veranstaltungen ist das Jugendcamp, das jeden Sommer für fünf Tage stattfindet. Die Jugendlichen haben dort neben einem großen Sport- und Workshopangebot auch die Möglichkeit, ihr Religionswissen zu erweitern. Man versuche, ihnen religiöse Werte auf eine spielerische und spaßige Weise beizubringen und ihr Interesse am Christentum zu wecken, so Villareal. Und dies gelingt ihnen auch. Die Kirchen sind zu Messezeiten regelrecht überfüllt, die Busse auf dem Weg zum Jugendcamp genauso.
Der entscheidende Grund für die Messebesuche eines Großteils der jungen Filipinos ist das Beisammensein mit anderen Jugendlichen, so Reiterer. Es habe nicht mehr nur eine religiöse, sondern auch eine soziale Funktion. Ähnliches bestätigt auch Christian: "Die Messen sind ein Jugendtreffpunkt."
Von Unbehagen über diesen Aspekt ist nichts zu spüren, weder vonseiten der Jugendlichen noch von der Kirche. Schließlich müsse man es schaffen, die jungen Filipinos in einer Gesellschaft, die sich eher von der Kirche abzuwenden scheint, doch noch zur Religion "zurückzubringen", meint Villareal. (Sara Mansour Fallah/DER STANDARD Printausgabe, 8. Jänner 2007)