Späte Suche nach dem Vater

Redaktion, 08. Jänner 2008 17:27
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    Foto: vorarlberger landesarchiv

    Soldaten der 2. marokkanischen Infanteriedivision 1945 im Kleinwalsertal.

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    Foto: sietar österreich

    Soziologe und Buchautor Clément Mutombo: "Die meisten Männer sind gegangen, ohne zu wissen, dass sie ein Kind gezeugt haben."

"Negerle", "Marokkanerle", "Negerpuppe": die Kinder aus Beziehungen zwischen Vorarlbergerinnen oder Tirolerinnen und marokkanischen Besatzungssoldaten - ein Tabuthema

Der in Österreich lebende afrikanische Soziologe Clément Mutombo hat dieses Thema aufgegriffen. Von Jutta Berger.
* * *
Bregenz - Man schimpfte sie "Negerle", "Marokkanerle", "Negerpuppe". Die Nachkommen von marokkanischen Soldaten und Vorarlbergerinnen hatten im Nachkriegs-Vorarlberg unter ärgsten Anfeindungen und Ausgrenzungen zu leiden. "Der Pfarrer hat von der Kanzel herunter den Kindern gesagt, dass sie mit mir nicht spielen dürfen. Meine Mutter hat er eine Hure genannt." Georg Fritz, Bauer aus Möggers, wird heute noch zornig, wenn er sich an seine Kindheit erinnert. "Wie reagierst du dann als Kind? Du wirst aggressiv, fängst Schlägereien an. So machen sie dich zum Außenseiter."

Der in Wien und Innsbruck lebende Soziologe Clément Mutombo, selbst afrikanischer Herkunft, hat den "vergessenen Kindern" nun ein Buch gewidmet. Weil er den Nachkommen bei der Suche nach marokkanischen Verwandten helfen will und aus wissenschaftlichem Interesse, weil die Beschäftigung mit bikulturellen Nachkommen eine logische Folge seiner Forschungsarbeiten über binationale Partnerschaften sei. Die "soziale Distanz" sieht Mutombo heute wie damals. Mit seinen Interviews will Mutombo auch eine lange verleugnete Tatsache aufzeigen: "Die meisten Kinder entstanden aus Liebesgeschichten, Vergewaltigungen kamen ganz selten vor."

Nur wenige der etwa 200 Nachkommen in Tirol und Vorarlberg kennen ihre Väter. Viele suchen nun nach ihren Wurzeln. Wie Bauer Fritz, der mit knapp 60 Jahren zusammen mit dem Psychologen und Autor Hamid Lechhab den "Marokkanischen Verein" gründete und damit andere ermutigte, zu ihrer Herkunft zu stehen, Kontakte in Marokko zu suchen.

Die Zeit heilt nicht Lechhab, 1962 in Marokko geboren und in Vorarlberg lebend, machte die Thematik 2005 mit seiner Erzählung "Mein Vater ist Marokkaner" erstmals öffentlich. Sein Hauptmotiv: "Das Stillschweigen soll nicht länger andauern." Denn, so der Therapeut in seinem Buch, nicht die Zeit heile alle Wunden, Heilung bringe die "Anerkennung der Traurigkeit dieser Kinder, ihrer Mütter und ihrer Väter".

Clément Mutombo weiß aus seinen Interviews: "Die meisten Männer sind gegangen, ohne zu wissen, dass sie ein Kind gezeugt haben. Die wenigsten haben später davon erfahren." Zu groß war die "Schande" für Frauen und Großeltern, zu groß auch die Angst, die Armee könnte die Kinder holen und zur Adoption freigeben. "Ob diese Angst begründet war, weiß ich nicht" (Mutombo).

Was den Soziologen irritiert: "Außerhalb von Vorarlberg ist die Thematik vollkommen unbekannt, die Leute sind ja völlig isoliert." Mit seinem Buch, das bis auf den (leider unredigierten) Interviewteil in Französisch verfasst ist, will Mutombo Behörden und Wissenschaft in Frankreich aufmerksam machen. Kürzlich präsentierte er das Buch in Paris vor Lektorinnen und bei einem Round Table der Arbeitsstelle für Österreichisch-Französische Beziehungen der Diplomatischen Akademie in Wien. Mutombo: "Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, jeder Tag reduziert die Wahrscheinlichkeit, den Vater noch lebend zu finden."

Behördenhilfe wäre bei der Suche nach den Vätern dringend erwünscht, sagt Karin Fritz, Historikerin und Vorarlberger Landtagsabgeordnete der Grünen, die Vereinsmitglieder bei ihrer mühsamen Spurensuche in Marokko begleitet hat. Fritz: "In Frankreich dauert die Archivsperre 70 Jahre, die Leute haben keine Chance, Auskunft zu bekommen." Für Fritz wäre eine "sorgfältige historische Aufarbeitung längst an der Zeit". Eine Meinung, die Mutombo teilt: "Ich wünschte mir aber, dass die Thematik in ihrer europäischen Dimension gesehen wird." (Jutta Berger/DER STANDARD-Printausgabe, 8.1.2008)

Clément Mutombo:
"Les damnés innocents du Vorarlberg. Parianisme envers les enfants historiques (1946)"br> Frankfurt am Main u. a.,
Lang 2007, 161 S., 35 Euro
Kommentar posten
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Roter Baron
07.02.2008 10:39
um wieviele personen geht es ?

weiß jemand zahlen ?

dawoita
07.02.2008 09:44
Der Pfarrer hat von der Kanzel herunter ...

... die Naechstenliebe gepredigt ...

Gusti Rentner
11.01.2008 13:13
Es wäre nett, wenn die Franzosen ihre "Archivsperre" von 70 Jahren für besondere Fälle wie diese etwas lockern könnten.

Manchen nunmehr erwachsenen Kindern ebensowie deren Eltern wäre damit vielleicht geholfen.

HAL 9000
09.01.2008 18:55
"Vergewaltigungen kamen ganz selten vor"

Mit solchen Behauptungen wäre ich aber ganz vorsichtig.

In Bezug auf Vergewaltigungen waren es nämlich gerade die französischen Kolonialtruppen, die am schlimmsten wüteten.

Was Marokkaner nach dem Fall von Monte Cassino tausenden Frauen (und Männern) antaten ist bekannt. Später geschah dasselbe im Schwarzwald, und in Stuttgart.

Siehe
http://en.wikipedia.org/wiki/Marocchinate
http://tinyurl.com/3dnuff

nemo sander
26.06.2008 18:30
naja, das ist eigentlich in den kolonien passiert

samt brüste abschneiden usw., späte dann in vergewaltigungslagern der bosniaken und heute bei den internationalen truppen, samt kindesmissbrauch.
krieg ist einfach widerlich.
liebschaften zw. besatzungssoldaten sind nichts neues und man sieht es manchen mit typisch deutschen namen auch an, dass entweder vor 2.000 jahren oder vor 70 südländer im stammbaum waren. na und?
es gibt eine region in frankreich, wo bis heute eine große zahl von kindern mit mongolenfleck auf die welt kommt, zurückgehend auf die hunnen, die dort eine zeit verweilten. = arte-doku

tirol1809 | xy55sunnti
09.01.2008 11:25
"Negerle", "Marokkanerle" ist mit Sicherheit nicht böse gemeint.

-le ist im tirolerischen eine Verniedlichungsform!

Jürgen Rembremerding
10.01.2008 14:48
Geh, was schreibst Du denn, Du kleines

Tirolerle!

Loyalist
09.01.2008 23:04
Die Verkleinerungsform sollte nur bei Personen angewendet werden die man auch gut kennt und wenn die Person auch damit einverstanden ist! Alles andere wäre böse gemeint bzw. respektlos!

Heimwerkerking
 
27.01.2008 03:03

Da hams recht.
Eine Frechheit, einen unbekannten Wilhelm oder Willibald ganz einfach als Willi zu verunglimpfen. Degleichen eine Josephine. Fini. Was soll das sein? Eine Mehlsorte!
Isabella, Bella... war eine billige Schokolade vom seligen Konsum!
Desgleichen eine Impertinenz, persönlich unbekannte beste Freunde des Menschen via Frauerl oder Herrl (!!!) als "liabs Hunderl" zu beflegeln!

Pip
09.01.2008 18:22

Kommt aber böse. Wer spricht einen Menschen überhaupt mit der Verkleinerungsform an? Das für sich ist schon eine Frechheit, wenn man das exzessiv betreibt. Wie das gelaufen ist kanjn ich mir gut vorstellen.

Wie kommen Sie dazu soetwas noch zu verteidigen? Überhaupt zuck ich gleich aus... Ihr Username ist Tirol 1809 - Schowie oder wie?!

Chien de Pique
10.01.2008 20:17
Ein Kind?

Da ist eine Verkleinerungsform wohl naheliegend.

afrayspeed
09.01.2008 19:32
"Wer spricht einen Menschen überhaupt mit der Verkleinerungsform an?"

Hasi, Putzi, Mausi, Schatzerl, Kinderl, etc. pp. schon mal gehört? ;-)
Was an "Marokkanerle" beleidigend sein soll, geht mir auch nicht ein, zumal es ja offenbar um Kinder ging. Aber zucken Sie ruhig aus, vielleicht benennt sich der Vorposter dann in "Napoleon 1809" um.

Emil i Lönneberga
07.01.2008 23:07
" "Außerhalb von Vorarlberg ist die Thematik vollkommen unbekannt"

Wurde auch in Österreich II angesprochen.

Jürgen Rembremerding
07.01.2008 22:33
"Vergewaltigungen kamen ganz selten vor"

Wer's glaubt!

Der Einmarsch der frz. Armee im t. SAüdwestenwar durch exzessive Massenvergewaltigungen gekennzeichnet. Warum sollte das in Tirol oder Vorarlberg anders gewesen sein?

suboptimal
 
08.01.2008 20:23
darum: "Ici l’Autriche – Pays ami"

An der alten Staatsgrenze stellen die Franzosen Schilder auf, um die nachrückenden Truppen darauf aufmerksam zu machen, dass sie das Feindesland Deutschland verlassen und das befreundete Land Österreich betreten.
Die Erste Französische Armee kam nach Österreich in
ein befreundetes Land, nicht in Feindesland – wie nach Deutschland.

Jürgen Rembremerding
08.01.2008 22:35
Halte ich in der Form auch für eine Legende!

Es mag schon sein, dass die frz. Besatzungspolitik eine andere war als in Deutschland, zumal es das erklärte frz. Ziel war, den "Anschluss" rückgängig zu machen. Der Satz ist eher ein politisches Programm zu Stärkung österr. Identität NACH Eintritt der Besatzung.

Wenn sich aber der Einmarsch als solcher evtl. zurückhaltender volllzog, dann mutmaßlich vor allem deshalb, weil es auf österr. Gebiet praktisch keine Kampfhandlungen mehr gab, während an Rhein und Neckar im Rahmen der Möglichkeiten, die der Wehrmacht noch zu Verfügung standen, durchaus noch ernsthaft gekämpft wurde.

suboptimal
 
08.01.2008 22:56
Wenn Sie "Ici l’Autriche – Pays ami"

googeln, stoßen Sie auf etliche Dokumente (auch weiterführende), die uns Ihre Mutmaßungen ersparen würden.

Jürgen Rembremerding
09.01.2008 19:56
Habe ich!

Diese Dokumente beziehen sich aber samt und sonders auf die Besatzungspolitik, nicht auf den eigentlichen Vorgang bzw. Ablauf der militärischen Besetzung (im Sinne der Einnahme fremden Territoriums).

suboptimal
 
10.01.2008 00:22
nachrückende Truppen

heißt was genau?

Jürgen Rembremerding
10.01.2008 09:36
Bei einer Besetzung treten ja - aus naheliegenden Gründen -

immer zuerst Kampftruppen auf, die ein Gebiet entweder im Gefecht erobern oder zumindest militärisch sichern (wenn die Besetzung kampflos erfolgt).

Dann rücken halt andere Einheiten nach, die für den Nachschub und die Infrastruktur sorgen, bis hin zu den Schlipssoldaten aus der milit. Administration.

Und irgendwann werden die Truppen dann halt auch turnusmäßig ausgetauscht, weil es ja gar nicht erwünscht ist, dass sie mit der Bevölkerung des besetzten Gebiets zu enge Kontakte entwickeln.

suboptimal
 
10.01.2008 11:09
*Ironie*

schreib ich nächstes Mal dazu ... versprochen

"Als die ERSTEN französischen Soldaten in Vorarlberg 1945 einmarschieren, befreien sie ein Land, das, wie sie selbst auf ihren Schildern schrieben, „ ici l’Autriche, pays ami „ kein Feindesland ist. Dieses „ pays ami „ ist zweifelsohne das einmalige historische Verdienst der österreichischen Exilanten und Widerstandskämpfer, die Zeugnis für ein anderes Österreich abgelegt hatten und wofür nicht wenige mit ihrem Leben bezahlt haben."

http://forwardme.de/63f95e.go

Jürgen Rembremerding
10.01.2008 14:37
Und zumindest Vergwaltigungen, die auch der Herr Mutombo

nicht abstreitet, waren dann so kleine Missverständnisse unter Freunden?

Wie gesagt, bezweifle ich nicht, dass es ein Ziel der frz. Politik war, die österr. Identität zu stärken und auf den österr. Widerstand zu setzen bzw diesen zu betonen (so gering er gewesen sein mag, denn die österr. Angehörigen der Wehrmacht blieben bis zum 8. Mai allemal Feinde).

Ansonsten aber glaube ich, wie bereits geschrieben, dass Vorarlberg und Tirol halt auch einfach Glück hatten, dass dort eben keine Kampfhandlungen mehr stattfanden. Innsbruck z.B. wird kampflos übergeben. Das ist keeine gute Vorbedingung für einen zivilisierten Einmarsch.

Schießerein, "Battle stress" und Tote in den eigenen Reihen setzen die Hemmschwellen für alles mögliche herab.

suboptimal
 
10.01.2008 19:36
An wen ist diese Trottelfrage gerichtet?

Vorarlberg ist keineswegs nur kampflos übergeben worden. "Der Bregenzerwald wurde zwischen dem 1. und 5. Mai 1945 von Truppen der Ersten Französischen Armee von der NS-Herrschaft befreit. Im Zuge bewaffneter Auseinandersetzungen während der letzten Kriegstage zwischen deutschen und französischen Kampfeinheiten fielen in diesem Zeitraum im Bregenzerwald ... usw ... undsofort"

Jürgen Rembremerding
10.01.2008 20:08
Was ist an der Frage so trottelig?

Dass Innbruck kampflos übergeben wurde, stimmt auch!

Und wirklich schwere Kämpfe hatten die allierten Truppen aus österr. Boden nicht mehr zu bestehen.

Konradin
08.01.2008 13:35

Meine Großmutter hat den Einmarsch und die Besatzungszeit der Franzosen in Vorarlberg miterlebt. Sie schilderte die Soldaten als diszipliniert und relativ freundlich. Auch von anderen Zeitzeugen, mit denen ich darüber plauderte, wurde die franz. Besatzung im Westen Österreichs als sehr korrekt geschildert. Einige Nazis sollen allerdings kurz nach dem Einmarsch ziemlich schwer verdroschen worden sein: ein ehemaliger SSler hat nach Jahrzehnten noch eine recht schiefe Nase davon gehabt.

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