Momente fragiler Produktivität

7. Jänner 2008, 18:15
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Eine Acht-CD-Box erinnert an die erste große Zeit von Trompeter Chet Baker - Auch abseits des späteren Melancholie-Kultes um den Künstler

Wien – "Er war wie ein Vater!", meinte Chet Baker einst über Bebop-Genius Charlie Parker, bei dem er eine Weile gespielt hat. Wenn man die chaotische Biografie des US-Trompeters betrachtet, muss man allerdings feststellen, dass dieses kurze Naheverhältnis nicht zu einer trotzigen Abgrenzung vom zeitlebens gefährdeten und strauchelnden "Vater" geführt hat. Vielmehr wirkt Bakers Vita wie eine konsequente Fortsetzung von Parkers exzessivem, autodestruktivem Lebensstil – mit eigenen, eher melancholischen Mitteln.

Dennoch, es wurde eine Karriere daraus: 1952 war Baker als Bandmitglied bei Baritonsaxofonist Gerry Mulligan durch seine Arbeit bei My Funny Valentine zum Star geworden. Man betrachtete ihn als Inbegriff von Coolness, als eine Art James Dean des Jazz. Baker wurde zum Popstar, auch Hollywood wurde hellwach. Er spielte im Film Hell’s Horizon mit; Columbia bot ihm einen Siebenjahresvertrag an, den Baker allerdings ablehnte. "Mir passte es einfach nicht, den ganzen Tag für Stunden am Set rumstehen zu müssen, um dann ein paar Minuten Film abzudrehen. Alles, was ich will, ist Trompete spielen. So einfach ist das!"

Trompete also. Wir schreiben das Jahr 1955, Baker kommt nach Europa – unter anderem nach Paris. Dieser produktiven Phase widmet sich die Box Chet Baker in Paris, die auf acht CDs (Universal) eindringliches Material serviert, das die hohe Kunst dieses melodischen Logikers mit dem schlafwandlerischen Gefühl für improvisatorische Pointen dokumentiert. Das Material ist auch deshalb so interessant, da es einen Chet Baker präsentiert, der abseits des späteren Melancholie-Kultes agiert.

Seine Linien sind hier energisch und geradlinig. Ihr Charme rührt nicht von einer endlosen Zelebrierung von tönendem Weltschmerz her. Eher handelt es sich um gediegene Arbeit im Rahmen des hitzigen Bebop ("I’ll Remember April") – Rasantes von hoher Energetik ist dominant ("All the Things You Are").

Natürlich: Wo es balladesk zugeht, erstrahlt jene nachdenkliche Poesie ("Alone Together"), wird evident, dass Baker schon damals mit ganz wenigen zierlichen Noten Wesentliches aussagen konnte. Witzig und erhellend auch die vielen Alternate Takes.

Durch sie wird man mit Bakers Suche nach dem richtigen Tempo konfrontiert. Köstlich etwa "Taste Pudding". Man hört Baker einzählen – und einmal so langsam, dass die Nummer regelrecht zerbröselt. Das Stück erscheint in vier Versionen. Viele Vergleichsmöglichkeiten also. In Summe das Dokument eines Künstlers im Vollbesitz seiner Kräfte.

Danach sollte bald eine Odyssee beginnen. Baker sitzt mehrmals wegen Drogen in Haft, in Italien fälscht er Rezepte, 1966 werden ihm bei einer Schlägerei Zähne ausgeschlagen. In den 70er-Jahren ergibt sich aber ein durch Dizzy Gillespie angeschubstes Comeback. Heroin bleibt jedoch Bakers Begleiter – bis zum mysteriösen Ende.

Am 13 Mai 1988 stürzt Baker in Amsterdam aus einem Hotelzimmer. Eine Gedenktafel erinnert an die Katastrophe, deren Ursache unklar bleibt. Selbstmord, Mord durch einen Dealer oder ein Unfall? Man wird es nie erfahren. Als Trost ein Mulligan-Statement: "Chet war extrem. Ihn haben nicht nur die Drogen fertiggemacht, ihn hat das ganze Leben umgebracht, er hatte nie wirklich aufgepasst. Drogen nahmen viele. Aber sie vergaßen nicht, dreimal am Tag zu essen. Chet schon ..." (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 08./01.2007)

  • US-Trompeter Chet Baker macht Pause: 1955 erlebte er in Pariser Studios eine Reihe von produktiven Momenten.
    foto: universal

    US-Trompeter Chet Baker macht Pause: 1955 erlebte er in Pariser Studios eine Reihe von produktiven Momenten.

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