Der letzte Zahltag auf Dotcom

14. Jänner 2008, 15:31
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Der wortgewaltige US- Spoken-Poetry-Künstler Saul Williams veröffentlicht sein Album "The Inevitable Rise And Liberation Of Niggy Tardust" ausschließlich als Download-Format

Zwischen Endzeitstimmung und politischem Furor hören wir den härtesten Stoff seit Public Enemy.

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Wien – Nur so zum Beispiel: Myspace, Soulseek, Youtube. Mit der Betonung auf Dotcom. Dazu die Möglichkeit, trotz besseren Wissens gegenüber den Betroffenen auf unzähligen Band-Homepages selbstgebastelte Musik gratis – und legal! – herunterzuladen: Jahresrückblicke auf 2007 wurden speziell in den deutschen, weniger in den angloamerikanischen Medien auch dazu genutzt, in obligaten Untergangsszenarien darauf hinzuweisen, dass Pop wieder einmal an seinem Ende angelangt sei. Aus, fertig, vorbei.

Wer nicht bereit wäre, für konsumierte (oder auch nur im Heimcomputer zusammengehortete) Musik bereitwillig zu zahlen, dürfe sich nicht darüber beklagen, dass hier eine ganze Industrie implodiere. Ein Zweig des Unterhaltungsgewerbes, der bisher ein Gutteil des juvenilen Zusammenlebens ausgemacht hat. Die Musikindustrie geht also kaputt. Und ausnahmsweise tragen wir alle Schuld daran.

Ob zwischen der sich gegenwärtig auftuenden Schere zwischen Gratissongs für die Generation "Geiz ist geil, aber zu euren Bedingungen!" und ständig teurer werdenden Konzertkarten als letzter Flucht der verschämt dann doch auch noch nach schnödem Gewinn strebenden, professionell wertschöpfenden Freizeitmaschinerie ein Platz für eigenes, selbstprogrammiertes und -definiertes Unternehmertum zu finden sei, diese Frage soll uns auch 2008 verstärkt beschäftigen.

Siehe auch der je nach Blickwinkel beobachtete "Erfolg" des bis zum nunmehrigen Jahresbeginn einzig als Download für eine freiwillige (und laut Statistik auf einen Euro hin tendierenden) Spende erhältlichen neuen Albums In Rainbows der britischen Avant-Pop-Schmerzensmänner Radiohead.

Harte Währung

Deren Coup mit bis Jahresende 2007 kolportierten 1,2 Millionen Downloads und einem über den Daumen gepeilten Gewinn von ebensovielen Euromillionen mag sich zwar in den bandeigenen Bilanzen hervorragend und beruhigend lesen. Immerhin macht ja im überkommenen Paralleluniversum von Bezahlmusik auf CD oder über iTunes selbst die zu Tode geschriebene Musikindustrie trotz rückläufiger Verkaufszahlen glänzende Gewinne über MP3-Absatzsteigerung und Mitarbeiterabbau.

Rückläufige Gewinnsteigerungen von 45 Prozent 2007 gegenüber 65 Prozent 2006 laufen selbst bei den größten Skeptikern der Marktwirtschaft noch immer unter: ein Batzengewinn!

Einen Schritt weiter geht nun seit November der von der Aufmerksamkeitsökonomie bezüglich Radiohead beinahe zwangsläufig überschattete US-Spoken-Poetry-Künstler Saul Williams. Sein neues und einzig als Download für fünf Dollar oder bei entsprechend schlechterer Tonqualität gratis erhältliches, in Anspielung auf David Bowie betiteltes Album The Inevitable Rise And Liberation Of Niggy Tardust ist und wird im Gegensatz zu Radioheads In Rainbows nicht auch als reguläre CD veröffentlicht werden. Dafür beinhaltet es neben der strengeren Distributionstaktik auch die härteren Inhalte.

Der aus der New Yorker Spoken-Poetry-Szene kommende, 36-jährige Musiker, Schauspieler und Drehbuchautor Saul Williams lehnt, so wie auch auf seinen beiden Alben zuvor, dem 2001 von Rick Rubin produzierten Amethyst Rock Star und dem 2004 erschienenen Saul Williams, seine atemberaubenden, wilden, zornigen und unversöhnlichen Reimtiraden an die Gründerväter der politisch bewegten Rap-Musik an, an Public Enemy und deren legendäre Alben It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back oder Fear Of A Black Planet Ende der 1980er-Jahre.

Wie bei deren Mastermind Chuck D auch, steht bei Williams der zeitlos heilige Zorn darüber im Vordergrund, dass Geschichte immer nur von den jeweils herrschenden Klassen geschrieben wird. Dagegen wird dann in Form von ebenso endlosen wie scharfzüngigen Wortkaskaden deklamiert und gezetert – und sozusagen Gegenöffentlichkeit geschaffen. Beim Versuch, diese Kunst gegen andere, strikt vom Turbokapitalismus getriebene und das Geschäft mit Gangsta-Posen heute längst dominierende Rap-Acts wie 50 Cent oder Snoop Dogg zu positionieren, kommt Saul Williams als Reiter der Apokalypse mit Titeln wie Black History Month, der von U2 geborgten und auffrisierten Version von Sunday Bloody Sunday, Tr(n)igger oder Skin Of A Drum über den Hörer. Von der künstlerischen Revolte zur politischen Revolution strebend, ergibt sich schließlich ein Kurzschluss.

Saul Williams vermeidet gut abgehangene, vermeintlich versöhnliche HipHop-Beats wie der Teufel das Weihwasser. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Trent Reznor von den US-Industrial-Rockern Nine Inch Nails, der einst auch schon den weißen Mittelstandsaufruhr von Marilyn Manson auf Kurs brachte, dringt Williams mit weißem Rauschen, reinem Lärm und brutalem Nu-Metal-Rock in das Herz des "Feindes" vor. Dort, im weißen Suburbia, verstört er die Kids mit der inhaltlich härtesten Musik, die Amerika derzeit zu bieten hat. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.01.2007)

  • "Would Jesus Christ come back American/What if he’s Iraqi and here again?" Saul Williams, Meister des Zorns.
    foto: fader

    "Would Jesus Christ come back American/What if he’s Iraqi and here again?" Saul Williams, Meister des Zorns.

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